Eine Symbiose von Strache und Boulevard sorgt in diesen Tagen für die Konstruktion immer neuer „Skandale“, als deren VerursacherInnen aber nicht, wie man meinen sollte, die FinanzkapitaljongleurInnen, sondern deren ärmste Opfer hingestellt werden: die BettlerInnen aus den Ländern Osteuropas. Nun will auch „der Chef persönlich“, nämlich Bürgermeister Häupl, „für Ordnung sorgen“. Die BettelLobbyWien, eine vor kurzem gegründete NGO, befürchtet, dass Häupls Aufgreifen der Themen seines Wahlkampfkonkurrenten Strache zu einer Eskalation der ausländerfeindlichen Stimmung in Wien beitragen könnte.
Lobend dagegen äußerte sich die BettelLobbyWien zur nicht nur von ihr, sondern auch von vielen verärgerten Fahrgästen erwarteten (einstweiligen?) Einstellung der Lautsprecherdurchsagen der Wiener Linien. „Wir sind froh, dass die Wiener Linien nun ihre soziale Verantwortung dahingehend wahrnehmen, dass sie jetzt keine diskriminierenden und Vorurteile schürenden Ansagen mehr tätigen. Die Menschen, die durch die verheerende wirtschaftliche Lage in ihren Herkunftsländern keine anderen Möglichkeiten haben, als sich und ihren Familien durch Betteln das Überleben zu sichern, brauchen Solidarität und Unterstützung von uns allen“, heißt es in einem Brief an das Verkehrsunternehmen.
Ein aktueller Fall aus Deutschland zeigt, was dem Staat im Kampf gegen die Armen
so alles einfällt. Der Fall bietet einen Vorgeschmack auf die Verschärfung der Verordnungen gegen „sozialen Missbrauch“ auch in Österreich – es sei denn, Österreichs Politiker änderten ihre Gepflogenheit, dem deutschen Rhythmus des Sozialabbaus nachzutraben. Es geht um die Anordnung der Stadt Göttingen, einem Mann wegen Bettelns die Sozialhilfe zu kürzen. Ein Mitarbeiter des Sozialamts in Göttingen hatte beobachtet, wie ein Mann beim Betteln 7,40 Euro eingenommen hatte. Daraufhin rechnete die Behörde das Einkommen aus Almosen auf 120 Euro im Monat hoch und teilte dem Betroffenen in einem Schreiben mit, dass seine Sozialhilfe um diesen Betrag gekürzt werde.
Selbst ein Sprecher des niedersächsischen Sozialministeriums meinte, die Maßnahme des Sozialamts sei völlig überzogen. Manfred Grönig vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Göttingen kritisierte, dass das Sozialamt dem Mann unterstelle, dass er durch Betteln ein regelmäßiges Einkommen habe. „So weit unten waren wir noch nie“, sagte Grönig. Ein Sprecher der Stadt Göttingen gab inzwischen zu, dass es nicht der einzige Bettler war, dem die Stadt die Sozialhilfe gekürzt habe. „Wenn wir von Zusatzeinkünften erfahren, müssen wir das Gesetz anwenden“, sagte er. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass die Sozialhilfekürzung auf 50 Euro verringert wurde. Auch das ist womöglich rechtswidrig, da Empfänger der Leistung laut Gesetz bis zu 50 Euro im Monat als so genannte „Zuwendungen Dritter“ geschenkt bekommen dürfen.