Vancouver, wenige Tage vor dem Start der 21. Olympischen Winterspiele. Peter Schwarzbauer hält mir einen Aufkleber entgegen: «No Olympics On Stolen Native Land». Schwarzbauer ist zwar kein Native American, sondern Österreicher, beschäftigt sich aber seit mehr als 20 Jahren mit der Situation nordamerikanischer Indigener – im Rahmen der Menschenrechtsorganisation AKIN (Arbeitskreis Indianer Nordamerikas).
Etwa die Hälfte der Indigenen Kanadas leben heute übrigens in Städten, und auch in Vancouver wird leistbarer Lebensraum rar: Viele alte Häuser mit günstigen Wohnungen wurden niedergerissen und neue aufgebaut. In der Stadt am Pazifik sind die Immobilienpreise inzwischen so stark gestiegen, dass sich ärmere Schichten der Gesellschaft – und das sind in überproportional starkem Ausmaß die Indigenen – ihre Wohnungen oft nicht mehr leisten können. Der indigene Menschenrechtsaktivist Arthur Manuel ist Sprecher des Indigenous Network On Economics And Trade (INET) und meinte in einem Interview dazu: «Indigene sind die am meisten marginalisierten Menschen der kanadischen Gesellschaft. Und sie sind in Vancouver durch die Olympischen Spiele weiter an den Rand gedrängt worden. Immobilienbesitzer hingegen haben von der Entwicklung profitiert.»
In Kanada gibt es seit Jahren Widerstand gegen die Winterspiele, laut Peter Schwarzbauer von AKIN wird dort in den Mainstream-Medien darüber kaum berichtet. AKIN arbeitet seit rund einem Jahr mit dem Olympic Resistance Network zusammen, indem Informationen ausgetauscht werden. Der indigene Kwakiutl-Künstler Gord Hill ist selbst aktiv geworden und hat ein zehnminütiges Video zum Thema erstellt, dass auf www.no2010.com zu sehen ist.
Vancouver wirbt zwar damit, die «grünsten Spiele» aller Zeiten zu veranstalten, Peter Schwarzbauer von AKIN versteht aber nicht, warum dem so ist: «Die grünsten Spiele sind eine reine Behauptung, die mit der Realität absolut nichts zu tun hat. Für die Straße zwischen Vancouver und Whistler, den Sea-To-Sky-Highway, sind ganze Berghänge gesprengt worden, da sind Urwälder gerodet worden.» Allein für die Errichtung des Nordischen Schizentrums – wo der Kombinierer Felix Gottwald um Medaillen kämpfen wird – «wurden rund 100.000 Bäume gefällt.»
Solidarische Unterstützung für Kanadas Indigene gibt es inzwischen auch von Nicht-Indigenen und internationalen NGOs wie AKIN. Die Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz kritisiert in ihrem Bulletin «Unerwünschte Spiele» die teure Infrastruktur der Spiele: 4 Milliarden Euro Steuergelder wurden in die Spiele investiert, während sich in den letzten 8 Jahren die Zahl der Obdachlosen in Vancouver verdoppelt hat.
Die Organisation COHRE (Centre on Housing Rights and Evictions) hat erhoben, dass in den letzten 20 Jahren wegen Olympischer Spiele mehr als 2 Millionen Menschen zwangsumgesiedelt worden sind. Zu zukünftigen Olympischen Spielen meint Peter Schwarzbauer: «Eine tolle Lösung wäre, wenn man einen Standort für Winterspiele und einen Standort für Sommerspiele hat. Dann entsteht nicht jedes Mal, wenn diese Spiele vergeben werden, dieser Wahnsinn um Immobilien, Verdreckung der Umwelt und Vertreibung von Leuten, sondern man kann sich auf den Sport konzentrieren.»
Ganz in der Nähe von Whistler, wo alle Schibewerbe der Winterspiele stattfinden werden, liegt Kanadas zweitgrößtes Schigebiet: Sun Peaks – angelegt auf indigenem Land. Vor fünfzehn Jahren gab es hier nur ein paar Fremdenzimmer und einen Lift. Die Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz schreibt zu Sun Peaks: «Die Österreichische Skinationalmannschaft trainiert regelmäßig in Sun Peaks. Auch weil der Präsident des Österreichischen Skiverbandes mit einem Unternehmen an der Vermarktung von Sun Peaks beteiligt ist.» Die Region macht Werbung mit dem besten Schiteam der Welt, gegen den ÖSV (Österreichischer Schiverband) und dessen Präsidenten Peter Schröcksnadel gab es aber auch schon Transparente wie «Schröcksi ist kein Freund der Indianer» und «Austrian Ski Team Go Home!!». Das Land, auf dem Sun Peaks errichtet wurde, beanspruchen Angehörige der Gruppe der Neskonlith für sich: Aufgrund eines Vertrages aus dem Jahr 1862, mit dem ihnen der Provinzgouverneur von British Columbia die Landrechte zugesichert hat.
Info:
www.no2010.com
www.arbeitskreis-indianer.at
http://olympicresistance.net