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Ein Klick macht niemanden satt

Facebook-Aktivitäten als Scheinhandlungen

Eine Drittelmillion virtueller Kerzen von Facebook-UserInnen für Haiti: eine gewaltige Zahl, hinter der die nüchterne Tatsache des Null-Effekts verborgen bleibt. 30.000 Mitglieder in der Facebook-Gruppe der Audimax-BesetzerInnen, doch bei der Räumung der Polizei sind gerade einmal 15 Studis anwesend – die meisten davon vielleicht gar keine Facebookfans. Ein Missverhältnis, das eine(n) dazu bewegen kann, die Bedeutung des so genannten Social Network für zivilgesellschaftliches Engagement zu relativieren.
Jörg Wimalasena 10.03.2010
In diversen Internet-Communitys wuchsen die Solidaritätsaufrufe für die Opfer des Erdbebens in Haiti wie die Schwammerl aus dem Boden. Mit aktivem Handeln hat das wenig zu tun. So befindet sich im Facebook , dem weltweit verbreitetsten „social network“, tatsächlich eine Gruppe unter dem Namen „Jeder Fan bedeutet eine Kerze für die Opfer in Haiti! Mach Mit!“ Diese Gruppe umfasste (zum Zeitpunkt der Arbeit an diesem Text) bereits über 300.000 Mitglieder. Also jede Menge Kerzen für die Betroffenen in Haiti. Ein einfacher Klick auf „Werde ein Fan“, und das Gewissen ist beruhigt. Geradezu obszön – zumindest für nicht gläubige Menschen – sind Gruppen mit großer Mitgliederzahl, die für die Opfer „beten“ wollen. Andere Gruppen versprechen für jedes Community-Mitglied, das ihr beitritt, einen bestimmten Geldbetrag zu spenden. Bei einigen Gruppen ist die Millionengrenze bereits erreicht. Rätselhafterweise gibt es auf den Seiten selten Angaben darüber, wer spendet, was er spendet und wem dies zugute kommt, trotzdem haben diese Gruppen teilweise mehr als 100.000 Mitglieder.

Im Web 2.0 nimmt die Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft eine neue Dimension an. Früher konnte man sein Gewissen mit einer weihnachtlichen Spende an die Heilsarmee erleichtern, heute braucht man sich gerade noch zu einem Klick auf eine Solidaritätsseite durchringen, um nachts schlafen zu können.
Und Haiti ist nicht das einzige Beispiel für solche oberflächliche Solidarität. Die Facebook-Gruppe „Kein Mensch ist illegal“, die sich gegen die europäische Praxis der Abschiebung von AsylantInnen engagiert, bringt es auf knapp 3000 Mitglieder. Zur Demonstration am Flughafen Wien-Schwechat im Oktober 2009 erschienen trotz der Einbettung des Protests in die zu der Zeit aufkochenden StudentInnenproteste gerade einmal 50 Demonstrierende. Die Facebook-Seite der Uni-BesetzerInnen hatte über 30.000 Mitglieder, zur Zeit der Räumung des Audimax waren dort noch gerade einmal 15 Studierende anwesend. Das Internet hat einen bedeutenden Nachteil: die Unverbindlichkeit. Eine Solidaritätsbekundung ist schnell abgegeben, ein unmittelbarer Handlungszwang leitet sich jedoch, bedingt insbesondere durch die Anonymität und Unverbindlichkeit des Internets, nicht ab, und so wird mensch von der Erwartung entbunden, einer virtuellen Solidaritätserklärung auch Handlungen folgen zu lassen. Vielleicht wäre das Audimax niemals geräumt worden, wenn die virtuelle Solidarität der Beteiligten dauerhaft in eine reale umgewandelt worden wäre. Wenn es um die eigene Zeit, um den eigenen Geldbeutel oder um eine praktische Verpflichtung mit praktischen Konsequenzen geht, schrecken die User hingegen zurück.

Ein Beispiel hierfür liefert die kleine Wohltätigkeitsorganisation SHARE WORLDWIDE. Grundkonzept dieser jungen Hilfsorganisation ist es, unter anderem durch Rückgriff auf die Netzwerke von MigrantInnen in Österreich diverse Hilfsprojekte gezielter unterstützen zu können. Auf ihrer Homepage stellt die Organisation beispielsweise Einzelfälle aus Nigeria vor, denen mit Gesamtprojektkosten von um die 100 Euro bereits geholfen werden kann. Nach einem guten Start im Sommer 2009 und einer anfänglich hohen Spendenbereitschaft flaute der Erfolg jedoch schnell ab und der Spendenfluss kam zum Erliegen, so der Vorsitzende des Vereins Ferdinand Schick. Daraufhin gründete dieser bei Facebook eine eigene Gruppe zur Vorstellung seiner Organisation, die bereits nach kurzer Zeit mehrere Dutzend Mitglieder vorweisen konnte. Die dringend erforderlichen Spenden blieben jedoch weiterhin aus. Schick macht dafür ebenfalls die Anonymität und Unverbindlichkeit des Internets verantwortlich: „Es gibt so viele Gruppen zu allen möglichen Themen in den Sozialen Netzwerken, dass es nahezu unmöglich ist, aktive und längerfristige Beteiligung für ein Anliegen zu finden. Selbst diejenigen Leute, die sich für uns interessieren, sind häufig weit davon entfernt, für unsere Projekte zu spenden oder gar aktiv in unserer Organisation mitzuwirken.“ Trotz des virtuellen Engagements im Internet hat es SHARE WORLDWIDE nicht geschafft, das virtuelle Interesse in ein dauerhaftes, reales zu verwandeln.
Das Internet hat gerade im Bereich der sozialen Bewegungen vieles erleichtert und in manchen Fällen Kommunikation und effektive Vernetzung überhaupt erst möglich gemacht. Dies ist die eine Seite. Die andere ist, dass es dazu neigt, in vielen Bereichen die Realität zu verdrängen. Manchmal sind jedoch konkrete Handlungen erforderlich, um reale Veränderungen herbeizuführen.


www.shareworldwide.net
Jörg Wimalasena 03/2010

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