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Vom Sandler zum Clochard

Der "kriebaum" und der Augustin schmeißen die "Parkbank Stories" auf den Markt

article_1532_gustl_cover_160.jpg Arbeitsscheu? Ich nenne das optimaler Einsatz des Humankapitals in der Augustin-Redaktion (Vgl. Cover der Augustin-Ausgabe 277). An dieser Stelle gibt es somit kein exklusives Interview mit Thomas Kriebaum, dem Schöpfer des Gustl, anlässlich der Erscheinung der «Parkbank Stories», des Sammelheftes seiner Gustl-Strips der letzten fünf Jahre, sondern bloß den Abdruck des Vorworts.
Er ist ein sehr moderner Sandler geworden, der Gustl aus der Feder des Comiczeichners Thomas Kriebaum. Einmal steht er im Zentrum einer Geschlechterreflexion – «Warum kann der Gustl keine Frau sein?» –, ein anderes Mal gibt er sich einem Trend hin und rückt seine Parkbank nach Prinzipien von Feng Shui zurecht. Der Gustl war nicht immer derart up to date, er machte eine Metamorphose durch: weg vom eher grobschlächtigen Obdachlosen hin zum Clochard.

Die Bühne betrat Gustl mit der zweiten Nummer der Straßenzeitung Augustin, oder anders ausgedrückt, seit beinahe 15 Jahren gewährt Thomas Kriebaum Ausgabe für Ausgabe der Augustin-Leserin, dem Augustin-Leser Einblicke in ein «Sandlerleben». Im Jahr 2005 war schließlich die Zeit reif, um ein «Gustl komplett» vorzulegen, ein Comicband, der alle im Zeitraum 1996 bis 2005 im Augustin erschienenen Gustl-Streifen versammelte. Und der Erfolg war enorm: Es musste nachgedruckt werden.
Was bleibt da noch anderes übrig, als erneut auf dieses Pferd zu setzen, zumal sich Kriebaums Produktivität durch die Umstellung der Erscheinungsweise des Augustin von monatlich auf 14-tägig verdoppeln musste?

Nun wurde fünf Jahre nach dem ersten der nächste Sammelband gestaltet, und es fällt auf, dass im Vergleich zu seinem ersten Lebensabschnitt der Gustl gealtert ist, aber nicht zu seinem Nachteil. Er ist reifer geworden, ruhiger, er führt den Schmäh mit feinerer Klinge, auch scheint er überflüssige Kilos verloren zu haben. Der Gustl kommt auch kaum noch in Berührung mit Alkohol – früher bestellte er sich gerne ein Abschlussachterl in seinem Stammwirtshaus, aber wohlgemerkt ein Achterl Sliwowitz und nicht Wein! Oder die Frage, warum er keine Frau verkörpern kann? Wo sind die Zeiten geblieben, als er noch den Frauen nachgepfiffen hat? Ist er ein angepasster Sandler geworden, von der Kontrollgesellschaft erfolgreich in die Schranken gewiesen, oder gar zurechtgestutzt?

Er «lebt» zwar noch auf einer Parkbank und fährt auch schon mal bei Schlechtwetter mit hochgestelltem Mantelkragen auf die Donauinsel zum FKK-Gelände, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber er ist nicht mehr der typische Sandler. Er ist kein gestrauchelter Mundl-Sackbauer-Typ, kein Prolo, dem das Dosenbier oder das Tetrapack Wein vom Diskonter das Lebenselixier darstellt. Vielmehr ist er zum Clochard geworden, denn in diesem Wort schwingt noch etwas (Lebens-)Glück mit: Für den Sandler ist der Anschlusszug zur Gesellschaft schon längst abgefahren, dagegen steigt der Clochard bewusst nicht zu. Er befindet sich zwar physisch – Gustls Domizil ist der Arenbergpark im 3. Wiener Gemeindebezirk, und nicht ein Dickicht auf der Donauinsel – mitten unter uns, aber er schwimmt nicht mit dem Strom, obwohl er es könnte, wenn er nur wollte. Dieser Clochard aus dem Arenbergpark ist ein mit vielen Wässerchen gewaschener Gesellschaftsverweigerer, das zeigt auch sein Kommunikationsverhalten: Er redet nicht viel. Nur mit wenigen führt er Dialoge, wie beispielsweise mit einer Polizistin, die er mit vorgegaukeltem Flirtverhalten auf die Schaufel nimmt. Und dann wären da noch die Raben bei seiner Parkbank, die sein Zuhause ist. Zu denen spricht er – wohl wissend, keine Antworten zu erhalten. Nicht vollgelabert zu werden, das scheint ihm nur recht zu sein.

Thomas Kriebaum projiziert in den Gustl auch gesellschaftspolitische Fragen und Debatten, die nicht nur ein Leben außerhalb der Norm betreffen. Auf den ersten Blick scheinen viele dieser Fragen nur das «Sandlerleben» zu betreffen, aber tiefgründiger betrachtet gehen sie den meisten von uns sehr wohl im realen Leben etwas an. Da wäre zum Beispiel Gustls eigenwillige, aber geniale Definition von «arbeitsscheu», die den Mythos «Wenn man nur will, findet man auch Arbeit» entlarvt, da der Arbeitsmarkt einfach überlaufen ist. Gustl gibt folgende Begriffserklärung von sich: «Ich nenne das Entspannung der prekären Arbeitsmarktsituation durch Abwesenheit.» Würden die vom neoliberalen Wahn Getriebenen diese Einstellung akzeptieren, wäre es um den Gesellschaftsvertrag um vieles besser bestellt.
Und solche in Schmäh gewickelte Wahr- und Weisheiten garantieren dem Gustl den Fixplatz auf der Seite «drei», einem prägnanten Platz in jeder Boulevardzeitung, auch in einer wie dem Augustin.

INFO:

Die «Parkbank Stories» vom «kriebaum» sind ab dem 24. Juni bei Augustin-VerkäuferInnen erhältlich. Dieses Sammelheft kostet € 5,–, die Hälfte geht an den/die KolporteurIn.

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Thema: Kultur, Leben

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