Viel kompetenter kann ein Reiseleiter zu den Spielstätten des Wiener Unterhauses kaum sein, denn der Fußball begleitet Uwe Mauch seit Kindesbeinen. In einer „Unterhaus-Dynastie“ aufgewachsen (Vater, Onkel und Bruder waren „Aktive“), lernte er in den 70ern im Nachwuchs des FAC und der Vienna das Fußball-Einmaleins. Als Jugendlicher kickte er bei Elektra und als Student kurz bei der Wiener Viktoria, bevor er zu Siemens stieß. Dort beendete der Magister der Kommunikationswissenschaft – inzwischen Journalist – nach 12 Jahren in der „Ersten“ als Mannschaftskapitän seine Laufbahn. In hunderten Meisterschaftsspielen lernte er die Wiener Grundlagen des Kickens aus nächster Nähe kennen: den „scharfen Rasen“ am STAW-Platz (der in den 80ern durch Wiens ersten, noch schärferen Kunstrasen ersetzt wurde), die „Staubwüste“ der Viktoria oder die WAF-„Gruam“. Auch beruflich zog es ihn auf den Fußballplatz, etwa für ein Interview mit dem legendären Ernst Happel kurz vor dessen Tod.
Der Fußballplatz als Ort der Erinnerung
Der Wiener Fußball ist Teil der Wiener Kultur- und Sozialgeschichte, und Mauch erzählt sie, indem er ihre Protagonisten lebendig werden lässt: jene Kicker, die nicht einmal im „Grätzl“ berühmt wurden, aber auch jene, die sich später in Cordoba in den Annalen verewigten, wie der „Onkel Herbert“. Junge Talente, alternde Stars, grantelnde Platzwarte, engagierte Obmänner und -frauen, unbeirrbare Fans, „Machatscheks“, Kantineure, Studenten und Strizzis - all diese „Typen“, die das Unterhaus noch heute prägen, haben ihre eigenen Erinnerungen an den Ort Fußballplatz. Mauch ergänzt die Anekdoten und Legenden aus dem Milieu durch detailliertes Hintergrundwissen. Diese „Geschichte von unten“ wird für LeserInnen zu einer unterhaltsamen und interessanten Reise durch die Wiener Vorstadt mit Abstechern in die glorreichen Tage, als der „Wiener“ Fußball nahezu gleichzusetzen mit dem „Österreichischen“ war.
Mauchs Erinnerungen und jene seines Vaters bewahren dabei so manches Wiener Original vor dem Vergessenwerden: den „Herrmann-Fritzl“ zum Beispiel, ein Gönner aus der Halb- und Unterwelt, der für seine „Freiflüge“ bekannt war. Oder die „Daltons“, drei Brüder vom „Asperner-Platz“, denen man physiognomische und charakterliche Ähnlichkeiten mit den Comic-Ganoven nachsagte. Sie bleiben ebenso der Nachwelt erhalten wie der Edlinger-Rudi, ein mittelmäßiger Verteidiger beim NAC, der dann doch lieber eine andere Karriere einschlug …
Spiel-Räume der Stadt
Neben den „Stars“ unter den Fußballplätzen, wie dem „Happel–Stadion“, der „Hohen Warte“ oder dem zum Kult gewordenen „St. Hanappi“, widmet sich das Buch vor allem jenen Spielstätten, die meist am Stadtrand angesiedelt sind. Dort, wo die Wiener Linien enden, oder wo sie die Kollegen von „Dr. Richard“ nur alle 20 Minuten hinschicken, wird in Wien auffällig oft Fußball gespielt. Praktischerweise beschreibt Mauch die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, so dass man auch den entlegensten Platz noch vor Anpfiff erreicht. Das ändert aber nichts daran, dass er sich die kritische Frage erlaubt, wie viel Spiel-Raum die Stadt ihren Bewohnern noch lässt? Denn zahlreiche Fußballplätze wurden der „Stadtentwicklung“ geopfert und so wird ihrer im Kapitel „Lost Grounds“ gedacht.
In den früheren Arbeiterhochburgen zeugen heute oft nur mehr die Namen der Fußballplätze davon, dass hier einst der Wirtschaftsaufschwung vorangetrieben wurde: Simmering-Graz-Pauker, Wienerberger, Mautner-Markhof oder Siemens. Mauch beschreibt, wie sich zahlreiche Großunternehmen, die sich damals als großzügige Mäzene der Werksteams einen guten Ruf bei der Arbeiterschaft verschafften, als Sponsoren weitgehend zurückzogen. Hinterlassen haben sie oft nicht nur leere Fabrikshallen, sondern auch Sportstätten, deren Beitrag zur Gesundheitsförderung, jenen zur Gesundheitsschädigung kaum mehr übersteigt.
Platzverhältnisse
Mit dem Problem sanierungsbedürftiger Fußballplätze schlägt sich heute dafür das „Sportamt der Stadt Wien“ herum. Und so hat sich manche Stein- und Staubwüste in den letzten Jahrzehnten in einen Kunstrasen verwandelt. Was das Fußballerherz freilich nicht wirklich höher schlagen lässt, unterscheidet sich das künstliche vom natürlichen Grün doch durch ein völlig anderes Sprung- und Rollverhalten des Balles. Und selbst ein sportlich faires Tackling führt am Kunstrasen meist für beide – Verteidiger und Angreifer – zu brennenden Schürfwunden, aus denen der aufgestreute Quarzsand nur mühsam entfernt werden kann.
Einige der porträtierten Sportanlagen verwöhnen Spieler und Spielerinnen allerdings mit gepflegtem Naturrasen: In Stadlau oder bei der Columbia werden Kickergelenke ebenso respektvoll behandelt wie beim HSV im Fasangarten oder auf den ÖBB-Plätzen im Schatten der UNO-City. Freilich stehen viele „Bio“-Spielfelder oft nur VIPs zur Verfügung, während sich die Amateur- und Nachwuchskicker mehrmals wöchentlich am harten Kunstrasen erhöhter Verletzungsgefahr aussetzen müssen. Auch diese soziale Schieflage ist Fußball in Wien.
Apropos Schieflage: Die Plätze, auf denen jedes Spiel verloren gehen musste, weil „unser“ Tor „bergab“ lag, gibt es wirklich. Wo, wird hier natürlich nicht verraten. Und auch die „Mondlandschaften“ gibt es, auf denen jeder flach gespielte Ball wie ein Hase herumhoppelt, bevor er seinen Mitspieler verfehlt. Mauch und „Google Earth“ sei Dank gibt’s nun „Beweise“ für die Ausreden der Spieler gegenüber dem Trainer!
Bei Mauch wird Vergangenheit und Gegenwart des Wiener Fußballs zu einer Liebeserklärung an „seinen“ Wiener Fußball, in dem sich all jene wiederfinden, die selbst – als Spieler oder Zuschauer – auf den Fußballplatz gehen: Sie werden „ihre“ Siege und „ihre“ Niederlagen genauso wiedererkennen wie „ihre“ Kantineurin, „ihren“ Platzwart, „ihren“ Trainer, „ihre“ Fans. Aber auch „Fußballneulinge“ können sich von Mauch in das urige Flair des Fußball-Wien versetzen lassen: am Sofa - ohne Pöbel, ohne Kälte, ohne Bier.
Info
Uwe Mauch: Wien und der Fußball. Wo die Wiener Lokalmatadore durchdribbeln. Metro-Verlag 2007, € 9,90.
Buchpräsentation mit Lesung und Match: 14. 9. 2007, 16 Uhr, Wasserpark-Sportplatz, Am Hubertusdamm 1–7, 1210 Wien