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Sechste Armutskonferenz zeigt auf: Armut ist vermeidbar

Mythen blockieren Herz und Hirn

Solange ökonomische Mythen wie "Jeder kann gewinnen, wenn er nur will", "Sozial ist nur, was Arbeit schafft" oder „"Soziales schadet der Wirtschaft"“ nicht vom Tisch sind, wird es zur keiner Verbesserung der Lebenssituation sozial Benachteiligter kommen. Auf der 6. Armutskonferenz stellten sich die fast 500 TeilnehmerInnen die Aufgabe, all die ökonomischen Märchen, die Menschen arm machen, zu entzaubern.
Martin Schenk 15.11.2005
Eine junge Frau mit zwei Kindern stiehlt in drei Supermärkten Unmengen an Lebensmittel. Für ein Weihnachtsessen und mehr. Françoise Barnier ist allein erziehende Mutter zweier Mädchen und arbeitet Teilzeit als Reinigungskraft. Die Entlohnung ist entsprechend niedrig, und Alimente erhält sie keine für ihre Töchter. Spätestens auf dem Polizeikommissariat wird klar, dass sie in einer Ausnahmesituation gehandelt hat. Doch einer der Supermärkte besteht auf einer Anklage vor Gericht. Vor diesem plädiert ihr Anwalt auf „Notstand“, also „Mundraub“, und Françoise Barnier wird in erster Instanz freigesprochen. Doch die Staatsanwaltschaft legt Berufung gegen das Urteil ein. So begann die Armutskonferenz. Mit einer Filmwoche, in der die „Diebin von St. Lubin“ zu sehen war: Über eine Mutter, die Lebensmittel stielt, weil nichts mehr geht. An dieser Grenze sind auch Frauen in Österreich, wie eine Vertreterin der Selbsthilfegruppe „survivalclub“ auf der Konferenz erzählt. Der Druck wird unaushaltbar groß, wenn man finanziell am Limit leben muss. Und dann kommt das zerstörerische Wort: „Selber schuld! Wenn du willst, dann geht es schon.“

Aktuelle Ergebnisse der Armutsforschung entlarven die Rede von gleichen Aufstiegschancen für alle, "die nur wollen", als Mythos, zeigte die Armutskonferenz auf. Die soziale Herkunft bestimmt nach wie vor die Zukunftschancen von Kindern. Aus armen Kindern werden arme Eltern, aus reichen Kindern reiche Eltern. Und die armen Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen. Das österreichische Bildungs- und Sozialsystem schafft es nicht trotz insgesamt guter sozialer Sicherung, die Aufstiegschancen einkommensschwächerer SchülerInnen zu verbessern.
"Sozial ist Arbeit, von der man leben kann", stellten die TeilnehmerInnen den Mythos "Sozial ist nur, was Arbeit schafft" richtig. Der Anstieg von Menschen, die arm trotz Arbeit sind, zeigt sich in der Sozialhilfe wie in den Daten des Sozialberichts der Regierung. Der Mythos "Arbeit um jeden Preis" verhindert den Blick auf die wachsenden Existenznotstände in Billigjobs, von denen in erster Linie Frauen betroffen sind. Und viele wirtschaftlich und gesellschaftlich notwendige Arbeiten werden überhaupt massiv unterbezahlt erbracht: Abendessen kochen, Socken waschen, die Oma pflegen, kranke Kinder versorgen.

Alles wäre möglich– im siebtreichsten Land der Erde


„"Ein zukünftiges Europa wird sozial sein oder es wird nicht sein", sagt Fintan Farrell von den Travellers, den Roma ähnlichen fahrenden Familien in Irland. "Europa braucht starke Wohlfahrtsstaaten, starke Wohlfahrtsstaaten brauchen ein soziales Europa"“, so Farrell, der sich im europäischen Anti-Armutsnetzwerk EAPN engagiert. „"Von der Entscheidung der europäischen Staatschefs in Lissabon, einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung zu leisten, darf nicht abgewichen werden. Die gemeinsame europäische Sozialstrategie muss gestärkt werden, anstatt sie zu verwässern." Leute aus den Armutsnetzwerken aus Ungarn und der Slowakei berichteten von den steigenden Lebenshaltungskosten in ihren Ländern, die viele ins soziale Out treiben. In der Slowakei wurde die Sozialhilfe massiv gekürzt und die Umsatzsteuer erhöht, übrigens gleichzeitig mit der Entlastung für Reiche durch die Einführung der „Flat Tax“. Wie Farrell in seinem Beitrag zur Zukunft Europas aufzeigte, wird die steigende Armutsgefährdung von BürgerInnen in ganz Europa wahrgenommen und findet ihren Ausdruck im Ausgang von Wahlen und Referenden. "Politik wird an ihrem Beitrag zur Armutsvermeidung gemessen. Die BürgerInnen glauben nicht mehr an die ökonomischen Mythen, die ihnen seit Jahren aufgetischt werden", pflichtet Michaela Moser von den Schuldenberatungen bei. "Auch alle Fakten untermauern das. Entgegen dem Mythos, dass das Soziale der Wirtschaft schadet, ist es so, dass die gut ausgebauten Wohlfahrtsstaaten auch die wettbewerbsfähigsten in Europa sind."

Zahlreiche weitere Beiträge auf der 6. Österreichischen Armutskonferenz machten deutlich, dass zeitgemäße Konzepte für soziale Alternativen längst auf dem Tisch liegen. Darunter das Mindestsicherungs-ABC der Armutskonferenz, Konzepte für eine sozial durchlässige Schule, Gesundheitsprävention für sozial Benachteiligte, den gerechteren Zugang zu adäquaten Finanzdienstleistungen, sowie innovative und nachhaltige Modelle der Arbeitsmarktintegration und Strategien zur Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Es sind die ökonomischen und gesellschaftlichen Mythen, die erfolgreiche Armutsbekämpfung verhindern. Sie blockieren Herz und Hirn für eine Verbesserung der Lebenssituation Armutsbetroffener. Den Kopf und das Herz dafür freizumachen, das hat sich die Armutskonferenz weiter zur Aufgabe gesetzt. "Im siebtreichsten Land der Erde ist Armutsbekämpfung allein eine Frage der politischen Priorität", bringt es Moser auf den Punkt. "Österreich wird insgesamt immer reicher. Eine Politik des sozialen Ausgleichs würde dafür sorgen, dass der Reichtum für alle reicht. Machen wir uns nichts vor“", fasst sie zusammen: „"Armutsbekämpfung ist möglich, Armut ist vermeidbar.“

Mehr Infos unter www.armutskonferenz.at

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