Alte Haudegen
Fußball in Favoriten – Ein Streifzug in Folgen (1)
Kaum ein Bezirk konzentriert die Vielfalt und Lebendigkeit des Wiener Amateurfußballs so wie der zehnte. Zeit und Grund genug, sich auf die Suche nach den Besonderheiten und den Normalitäten gegenwärtigen Favoritner Kugeltreibens zu machen.
"Wenn du mich fragst, was den Fußball hier auszeichnet, dann fällt mir halt doch der Sindelar ein", sagt einer, den man in dieser Sache unbedingt fragen muss. Julo Formanek, Gründer der Wienerliga-Homepage, Zampano der Kabelsendung "Der Ball im Netz", feiert heuer sein 30-jähriges Jubiläum als FavAC-Fan. "Ein feiner Techniker mit migrantischen Wurzeln ... in ihm ist prototypisch das vereint, worauf der Favoritner Fußball gründet." Formanek interpretiert das Entstehen der favoritenspezifischen ballestrischen Kultur als Graswurzelbewegung: "Damals haben die Buam halt auf der Gstett'n gespielt oder auf der Straße und haben die Vereine gegründet, aus denen die späteren Spitzenklubs hervorgegangen sind." Eine solche Ausgangshypothese verleitet zum Sinnieren über das Verhältnis zwischen Bezirks- und Fußballtopographie. "Für mich gehört auch der Wienerberg fußballerisch eindeutig zu Favoriten, obwohl er geographisch in Meidling liegt. Der Großteil der Arbeiter, der so genannten 'Ziegelbehm', hat in Favoriten gewohnt. Deshalb haben für mich auch die Teams, die sich dort gegründet haben, Favoritner Wurzeln."
Einer, den diese Fußballkultur zumindest indirekt geprägt hat, wirkt seit nunmehr vier Jahren mit großem Einfluss im Bezirk: Rudi Flögel, Jahrgang 1939, coachte zunächst drei Jahre lang den FavAC, bevor er im letzten Jahr zur Oberligamannschaft Wienerfeld wechselte. "Ich war Teil einer Staßenmannschaft in der Leopoldstadt und bin dabei von Talentsuchern entdeckt worden. Ich wollte immer zur Austria, die damals noch im Prater gespielt hat, bin aber zu Rapid abkommandiert worden und hab dort fast zwanzig Jahre lang gespielt." Zunächst als Stürmer eingesetzt, konnte er sich erst so richtig entfalten, als er ins offensive Mittelfeld zurückgezogen wurde. "Ich war halt a richtig 'ghaute Plank'n', ausg'hungert vom Krieg. Im Nationalteam haben wir einmal gegen die Bulgaren gespielt, die haben neben uns so gut gefüttert gewirkt, dass wir das Match praktisch schon beim Singen von der Nationalhymne verloren haben. In solchen Spielen konnte ich nur mit meiner Wendigkeit und Technik dagegenhalten." Die dafür notwendige Geschicklichkeit entwickelte er in seinen Lehrjahren auf der Straße. "Wenn du mit einem alten Tennisball gegen den Randstein treten musst, dann prägt das deine Ballfertigkeit. Heute kriegen die Kinder einen perfekten Matchball geschenkt und entwickeln viel weniger Kreativität. Am ehesten sieht man das noch bei den Migrantenkindern, die im Beserlpark oder auf der Wies'n ihr Fußwerk lernen. Da würden viele von den Unsrigen gar nicht mitmachen, weil sie Angst hätten, in ein Hundstrümmerl zu steigen."
Am Ball – ein Leben lang
Auch wenn er im Training nicht so weit geht, die Bedingungen des Straßenfußballs zu simulieren, wie dies etwa in den viel gerühmten holländischen Nachwuchsschulen üblich ist, versucht er, die Einheiten so abwechslungsreich und balllastig wie möglich zu gestalten. Dabei lässt er es sich nicht nehmen, Anschauungsunterricht aus der eigenen Trickkiste zu geben. "Der kann noch immer Sachen, die keiner von uns je lernen wird", schwärmt Thomas Weigel, 36, Wienerfelder von Geburt, Stürmerlegende und mittlerweile heimgekehrt an seine allererste Wirkungsstätte. "Und wenn er könnte, würde er noch heute mitspielen. Der lebt für den Fußball, und das hoffentlich noch fünfzig Jahre." Weigel hatte mit Flögel schon beim FavAC gearbeitet und ist mitverantwortlich dafür, dass dieser nun ein paar Straßenzüge weiter seine Erfahrung einbringt, um das Wienerfeld wieder wienerligatauglich zu machen.
"Dass der Tommy hier zuhause seine Karriere ausklingen lassen will, hat er schon in seiner Zeit beim FavAC immer wieder betont. Die Frage ist nur, ob er es überhaupt schafft, jemals aufzuhören", meint Julo Formanek und lobt Weigel nicht nur für seine fußballerische, sondern auch für seine soziale Kompetenz. "Der Tommy war und ist als Entertainer eine Drehscheibe auf und neben dem Platz. Nach den Heimspielen sind wir immer ewig zusammengesessen, und wenn wir verloren haben, war es eigentlich fast noch schöner als nach Siegen. Da sind einfach alle dageblieben." In der Kultivierung des sozial Verbindlichen erkennt auch Flögel ein Spezifikum der Favoritner Fußballfamilie. "Es hat einen Sinn, dass die Menschen auf den Platz kommen, sich treffen und miteinander reden. Da werden Beziehungen gelebt. Und da ist auch Platz und Zeit für die Erholung von Frust und Enttäuschungen."
Leberkas und Tränen
Von solchen Enttäuschungen voll war auch die Karriere des Tommy Weigel, nicht zuletzt weil die damit verbundenen Erwartungen so groß waren. Mit 16 schon verließ er das Wienerfeld Richtung Dornbach und stürmte an der Seite von Hans Krankl für den Sportclub. Dabei erlebte er manch seltsame Initiation: "Am Freitag nach dem Abschlusstraining sind immer zwei Leberkasziegel und 25 Seideln Bier in der Kabine gestanden. Daneben lagen 25 Vitaminspritzen. Ich hab zuerst gedacht, das kann nicht wahr sein, aber dann ist der Keglevits neben mir gestanden und hat gesagt: 'Kumm, Weigel, nimm da wos!' Da habe ich gewusst: Des is ernst gemeint, und zwar bis zu den Spritzen."
Trotz toller Angebote etwa von Real Zaragoza findet sich der programmierte Teamstürmer am Ende doch nur im Amateurfußball wieder und erlebt bei seinen Engagements in Simmering und beim FavAC seine besten Zeiten. "Neulich war ich bei einem Match in Simmering und hab bemerkt, dass die Bilder von mir aus der Kantine verschwunden sind. Ich habe eine Bekannte vom Verein gefragt, was das soll, und da hat sie mich angestrahlt und gesagt: "Tommy, du hängst jetzt auf der Damentoilette! Immer wenn ich muss, schau ich dir in die Augen!" Auch die Tränen der FavAC-Fans bei seinem Abschiedsmatch wird er nie vergessen. Die dort entstandene Kultur des Sitzenbleibens, Unterhaltens und Singens muss er an seiner neuen alten Wirkungsstätte erst noch etablieren. "Aber in zwei Wochen gebe ich hier das erste Konzert gemeinsam mit meiner Tochter. Da wird schon wieder was in Schwung kommen." Da der Sänger Weigel dem Ballkünstler den glaubwürdigen Beteuerungen Julo Formaneks zufolge um nichts nachsteht, steht dem Wienerfeld ein unterhaltsames Frühjahr ins Haus.