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"Wird halt eine Epidemie ausgebrochen sein"

Erschütternde Dokumente der Kindereuthanasie am Spiegelgrund

Das Zitat im Titel stammt von Heinrich Gross, dem Todesarzt der NS-Kindereuthanasieanstalt am Spiegelgrund. Es war die Antwort des 2005 verstorbenen Experten für „unwertes Leben“ auf die Frage eines Kurier-Journalisten, ob ihm nicht aufgefallen sei, dass so viele Kinder unter seiner „Betreuung“ an „Lungenentzündung“ gestorben seien. Die „Lungenentzündungs“-Lüge war der Endpunkt einer Täuschungskette, an dessen Beginn die „Schlechtmeldungen“ an die Eltern der gequälten Kinder standen. Eine Dokumentation hunderter Krankengeschichten, von Waltraud Häupl im mühsamer Arbeit recherchiert, lässt den Fakt, dass Gross bis 1997 der Star-Gerichtsgutachter Österreichs war, posthum doppelt abscheulich erscheinen.
Robert Sommer 15.09.2006
Auch doppelt peinlich für die Masse der entsetzten BeobachterInnen. Denn der notwendige Druck der Wissenden auf die Beschützer des Psychiaters und ehemaligen Euthanisiearztes unterblieb auch, nachdem Dr. Werner Vogt, damals „Arbeitsgemeinschaft kritische Medizin“, im Jahre 1978 Gross und den Spiegelgrund so sehr in die Öffentlichkeit brachte, dass niemand mehr behaupten konnte, die Anstalt sei eine gewöhnliche „Nervenanstalt“ gewesen. Die so genannte Zivilgesellschaft hat sich nicht eben ausgezeichnet, den Spiegelgrund (spätere Ortsbezeichnungen: Steinhof, Baumgartner Höhe, Otto-Wagner-Spital ...) zu einem Thema zu machen. Von der lange Zeit größten Partei, der SPÖ, war das ohnehin nicht zu erwarten, war doch Heinrich Gross längst „einer der Ihren“ geworden.

Trotzdem, ohne Zivilgesellschaft hätten heute nur wenige Aufmerksame eine Ahnung über das NS-Projekt am Spiegelgrund, dem mehr als 800 Kinder zum Opfer fielen. Die Politik hatte einmal mehr versagt. Zivilgesellschaft, das heißt eben auch Werner Vogt oder Waltraud Häupl. Während Ersterer aus seinem Anspruch, die braune Medizingeschichte aufzuarbeiten, auf die Skandalfigur Gross stieß, war für Letztere ein privater Verlust die Basis für den langem Atem, der für die sukzessive Aufdeckung des Gesamtverbrechens am Rand des Wienerwaldes notwendig sein sollte. Waltrauds Schwester Annemarie war nämlich eines der „Versuchskaninchen“ für die Spiegelgrunder „Mediziner“. Annemarie starb vierjährig –an „Lungenentzündung“.

„Die Mutter ist obdachlos“


Die Wahrheit, die sich hinter der schablonenartig verwendeten Todesdiagnose „Lungenentzündung“ verbirgt, liegt nun ausgebreitet vor uns, seit die im Böhlau Verlag erschienene Arbeit Waltraud Häupls in Form eines 640-seitigen Buches greifbar ist. Gross´ Berufskollegin, die Spiegelgrunder Todesärztin Türk, hat Jahre später ja geschildert, wie das geschah: „Ich will noch bemerken, dass sich in keiner Krankengeschichte etwas von Euthanasie befindet, nirgends ein Hinweis in dieser Richtung aufscheint, da wir aus leicht begreiflichen Gründen dies gar nicht tun durften. Insofern erscheint dort, wo tatsächlich Euthanasie vorgekommen ist, die Krankengeschichte als verfälscht auf. In sehr vielen Fällen war die unmittelbare Todesursache eine Lungenentzündung, die im Zuge der Schlafmittelvergiftung aufgetreten ist. In der Krankengeschichte steht natürlich nur Lungenentzündung drauf.“

Kinder, die beseitigt werden sollten, weil sie behindert waren, aus diskriminierten sozialen Schichten stammten oder „keinerlei Arbeitseinsatzfähigkeit“ erkennen ließen, erhielten Luminaltabletten, oft gemeinsam mit wohlschmeckenden Speisen oder Sirup, um den Pharma-Geschmack zu verbergen. Waren die Kinder dadurch schon so geschwächt, dass sie nicht mehr schlucken konnten, wurde das Schlafmittel injiziert. In den Krankengeschichten, die uns über die soziale Herkunft der Totgeweihten informieren, sind auffallend oft Formulierungen wie „Die Mutter ist obdachlos“ oder „... das ledige Kind der Bauernmagd ...“ zu entdecken, wodurch das Naziprojekt Spiegelgrund auch als Teil der „sozialen Säuberung“, des Kriegs gegen die damals noch nicht so genannten „Randgruppen“ erkennbar ist. Wenn dann noch, wie etwa beim neunjährigen Erwin Heller, die Herkunft aus der subalternen Klasse ergänzt wird durch eine „Kombination von Blindheit, Epilepsie und Schwachsinn“, war für Heinrich Gross die Sache klar ...

Häupls Buch war dringend nötig. Noch ist die Vergangenheit nicht tot. Im geläufigen „Geh doch arbeiten, Schmarotzer!“, das heute allerorts den vermeintlich Leistungsunwilligen entgegenschallt, konzentrieren sich die Spuren des Spiegelgrunder Geistes. Wer am Spiegelgrund von Gross und Mordskollegen als „hochgradig antriebslos“, „nicht bildungsfähig“ oder „nicht“ bzw. „beschränkt arbeitsverwendungsfähig“ kategorisiert wurde, hatte kaum Chancen, die Anstalt lebend zu verlassen. Der Spiegelgrund ist überwunden, wenn kein Mensch mehr danach beurteilt wird, wie nützlich er für „die Wirtschaft“ sei.

"Die Kinder vom Spiegelgrund I"
Waltraud Häupls Gedenk-Doku
Gedenkdokumentation für die Opfer der NS-Kindereuthanasie in Wien“ vor. Auch Fotos von 151 ermordeten Kindern sind in ihrem Buch zu sehen, das im Böhlau-Verlag erschienen ist (siehe auch Cover-Seite). Wahrscheinlich wurden die meisten von Dr. Heinrich Gross aufgenommen. Waltraud Häupl spricht auch über die Widerstände, die sie auf ihrem Weg zu einer dem Verbrechen adäquaten Kultur der Erinnerung erfuhr.


"Die Kinder vom Spiegelgrund II"
Lyrik von Alois Kaufmann
Alois Kaufmann ist ein Spiegelgrund-Überlebender. Von der Fürsorge den Pflegeeltern weggenommen, wird er von der Wiener Kinderübernahmestelle auf den Spiegelgrund gebracht. Erst nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reichs" holt ihn sein Vater zu sich. In den Gedichten, die das Buch „dass ich dich finde. Kind am Spiegelgrund“ enthält, hören wir seine ganz eigene, unverkennbare, persönliche Stimme. Das Buch, das im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft in Kooperation mit dem Mandelbaum Verlag soeben erschienen ist, wird von Herausgeberin Mechthild Podzeit-Lütjen vorgestellt; der Autor selbst liest Auszüge.

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