Über den Kult des öffentlichen Frühstückens
Wem gehört die Stadt?
Im Volkskundemuseum ist eben eine Ausstellung über das "nichts tun" angelaufen. Sie ist nach den verschiedenen Spielarten des Nichtstuns gegliedert: Spazieren, Promenieren, Flanieren, Herumfahren, "Drahn", Blaumachen, Pausieren, Warten, Entspannen, "Entschleunigen", Genießen, Ruhen, Sinnieren und Müßiggehen (mehr darüber übrigens im nächsten AUGUSTIN). Eine Erscheinungsweise des Nichtstuns ist noch zu jung, um in dieser Liste Platz zu finden: das öffentliche Frühstücken.
Verein ORPHEUS TRUST
Unzählbares Vermächtnis
Ein kleines Büro in einer kleinen unscheinbaren Gasse in Wien: ein Computer, ein Schreibtisch, drei Sessel, ein Regal mit CD´s; hohe Fenster, viel Licht. Hier wird geforscht, hier werden Zusammenhänge hergestellt, Daten sortiert und gespeichert, es werden Publikationen und Veranstaltungen koordiniert und initiiert,- von hier aus erhält ein großes Stück unaufgearbeitete österreichische Vergangenheit die ihr gebührende Dokumentation und eine wachsende Öffentlichkeit.
"Altlinke und Alt68er", 2. Teil: Elfriede Jelinek
Ein Hund namens Floppy
Elfriede Jelinek, "bekannte Staatsdramatikerin einer jetzt freilich schon vergangenen Pracht", habe die "faule Flut ihrer Dichtkunst" über Österreich ergossen, obwohl sie den Österreichern versprochen habe, ihre Stücke nicht mehr aufzuführen. So war´s in der Kronenzeitung vom 28. Mai zu lesen. Wenige Tage zuvor war die Feindin Nummer 1 in der sonntäglichen Schriftsteller-Portrait-Serie nach Nennings Art gewür(di)gt worden. Bleibt nur zu sagen: "Nenningitis" (Frühsommer) ist eine Krankheit, die das Gehirn befallen kann, aber keinen Arsch.
The Rounder Girls in Stockholm:
Wir repräsentieren Österreich - keine Regierung!
Die Wienerin Tini Kainrath, die New Yorkerin Kim Cooper und die Londonerin Lynne Kieran vertreten Österreich beim Songcontest am 13. Mai in Stockholm. Der AUGUSTIN fragte sie: Warum kein Rückzieher in Zeiten wie diesen?
Darf man Majestäten verhöhnen?
Wien ist andersrum? Nein. Aufgeregt.
Zum fünften Mal schon läuft in diesem Frühjahr das erfolgreiche Schwulenfestival "Wien ist andersrum". Heuer hatte es in seinem Logo außerdem das Zeichen O5, Zeichen des katholischen Widerstandes gegen den Faschismus, und verstand sich selbst als ein "Festival des Widerstands vom anderen Ufer". Und weil das alles noch nicht genug war, provozierten die Veranstalter außerdem mit provokanten Plaketen wie "Jörg ist schwul" oder "Wolfgang ist eine richtige Sau".
Hubsi Kramars Gratwanderungen
Scheibbser Nestbeschmutzer rächt sich
Hitler wollte den Opernball besuchen. Hitler wollte mit der reschen Frau Riess-Passer ein Tänzchen machen. Aber das wurde verhindert. Denn Hitler wurde gewaltsam festgenommen und wegen des Verdachts der Wiederbetätigung stundenlang verhört...
Wort-Graffiti in multikulturellen Parks
Gucklöcher in die Welt der Gefühle
Thomas Northoff ist mit rund 16.000 Belegen in Dia-Form im Besitze des vielleicht größten Verbal-Graffiti-Archivs der Welt. Verbal- oder Wort-Graffiti - Northoff nennt sie die "inoffiziellen Wandbotschaften" städtischer Jugendlicher - stehen zum Unterschied von den "Tags" und Pieces" der SprayerInnen, also den auffallenden, oft farbenreichen bildnerischen Graffiti im Schatten der Aufmerksamkeit. Im Auftrag des Wiener Integrationsfonds hat Northoff nun die gesprayten und gekritzelten Sprüche zum Thema "Ausländer" untersucht. Hier Auszüge seines Berichts über die "inoffiziellen Wandbotschaften im Spannungsfeld von Migration, Interkulturalität und Integration".
Rainer Nesset und seine Bildserie "Unsichtbare Stadt"
Dem Bettlerkönig Lehrgeld bezahlt
Paparazzi sind ungebeten. Ihnen gegenüber kapselt sich "das Milieu" ab. Besser von niemanden, als von knipsenden Voyeuren wahrgenommen (und verdinglicht) zu werden. Bei Rainer Nesset liegt der Fall anders. Wenn er im Auftrag des AUGUSTIN fotografiert, muss er nicht erst in "das Milieu" als Fremder eindringen. Seit der professionelle Fotograf Sandler-Aktionen und AUGUSTIN-Feste begleitet, wirkt er quasi wie vom Milieu inhaliert. Seiner Nähe zu den Porträtierten ist ein Fundus von Fotos zu verdanken, die an Authentizität nichts zu wünschen lassen. Einen Teil dieses Gesamtwerkes stellt Rainer Nesset nun aus. "Unsichtbare Stadt" heißt seine Fotoschau. Sie zeigt liebevolle Portraits von sozial ausgegrenzten Menschen, die auch stadträumlich ausgegrenzt (also tendenziell unsichtbar gemacht) werden. Rainer Nesset macht sie sichtbar - und verhält sich insofern ebenso provokativ wie der AUGUSTIN.
Die Demo-Wandertage des Februar aus der Sicht unseres Konzertkritikers
Vokal, instrumental, radikal
Wer sagt, dass Herr und Frau Österreicher nicht musikbegeistert sind? Sogar, oder besser gesagt gerade, der als ewig grantelnd verschrieene Wiener verlässt das ihm heilige Patschnkino und beweist Sinn für (a)rhythmische Klangformen. Ein weiteres zu begrüßendes Novum ist der orchestrale Ausbruch aus der räumlichen Begrenzung auf die Straße. Dort wächst dieses internationale, multikulturelle, bunt zusammengewürfelte Sponti-Orchester über seine musikalische Dimension hinaus und wird zu Performance.
Leo Bei Ostbahn und Leo Bei EAV
Der Magen krachte lauter als die Verstärker
Der 41jährige Bassspieler ist unter seinem Künstlernamen weitaus bekannter: Horak, und Charly auch noch dazu, denn in der Band von Dr. Kurt Ostbahn trug jeder eine Bezeichnung wie einen Adelstitel, die ihn als "echten" Prolo auswies.
Theater vor Überwachungskameras: Big Brother reizen
Surveillance Camera Players
Videoüberwachungssysteme zum Zweck der "allgemeinen Sicherheit" sind längst keine Randerscheinung mehr. Bahnhöfe, U-Bahnstationen und Plätze werden überwacht. Nicht nur im fernen Amerika, auch immer mehr in Europa. Aber wo führt das hin? Wird es in Zukunft überall Kameras geben müssen, wenn uns nicht bald was Besseres einfällt? In Großbritannien sind einige dieser Überwachungssysteme mit einer Art Erkennungsprogramm ausgestattet, sodaß PassantInnen jederzeit "überprüft" werden können. Alle PassantInnen, nicht nur gesuchte VerbrecherInnen. Wer aber kontrolliert die Kontrollorgane? Wer verhindert Mißbrauch? Der gläserne Mensch und George Orwell´s Big Brother. Mitten unter uns. Und es gibt nichts, was diese Entwicklung aufzuhalten scheint.
Ernst Pacolt und die Idee der gemäßigten Kleinschreibung
Gott & die lieben Genossen
Die Freizügigkeit der AUGUSTIN-Redaktion in Sachen Rechtschreibung ist legendär. Neben der reformierten, neuen Rechtschreibung wird nicht nur das alte Regelwerk toleriert, sondern auch jedes originelle individuelle Experiment abseits jeder Regel. Wenn unser Lektor urgiert, zumindest innerhalb eines Textes keine Mischkulanz von alter und neuer Rechtschreibung zuzulassen - geschenkt. Wenn aber einer hergeht und sagt, die Rechtschreibreform zerstöre die deutsche Kultur, vergessen wir unsere Gelassenheit. Dann geht uns das Geimpfte auf, und flehentlich wenden wir uns an einen eben Verstorbenen: Ernst Pacolt, steige aus deinem Grab und vaporisiere das Barock!
Karl-Marx-Dorf
Nur ein paar Fragen vor dem Geburtstagsfest des roten Paradebaus...
Einmal hab ich vom Balkon einen Opa mit seinem Enkerl belauscht, die gerade am Karl-Marx-Hof entlang gingen. Auf die Frage, warum die Anlage Karl-Marx-Hof heiße, antwortete der Opa: "Da Karl Marx war der Heilige von die Roten, und darum heißt´s da auch Heiligenstadt." (Zitat aus "Der Karl-Marx-Hof" von Susanne Reppé, Picus Verlag).
English for English Lovers in Wien
Ein Gespräch mit der Rocksängerin, Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Barbara Spitz.
Kennengelernt haben sie sich bei verschiedenen Bühnenproduktionen in Wien. Immer wieder sind sie einander begegnet, aber so richtig zusammengearbeitet wird erst, seitdem es English for English Lovers gibt. Das sind: Barbara Spitz, Kathy Tanner, Ann Weiner, Gail Gatterburg, Dennis Kozeluh, Jim Libby und Jesse Webb.
Der Jazzer Sascha Dujin pendelt zwischen Wien und Novi Sad
Wie Bomben aufs Riesenrad
Ende Juli feiert Sascha Dujin seinen 40. Geburtstag. Wer weiß, wo er ihn feiern wird. In seiner malträtierten Heimatstadt Novi Sad, der Stadt ohne Brücken und ohne Hoffnung? Oder in seiner zweiten Heimat Wien? Am liebsten wäre ihm, er könnte anläßlich des Geburtstages sein in der Altstadt von Novi Sad gelegenes Jazzlokal, vor dem Krieg ein Sammelpunkt der aufstrebenden Jung-Jazzer der Wojwodina-Metropole, wiedereröffnen. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs - Mitte Juni - schien es ihm aber noch ziemlich undenkbar, in diesem "Nachkriegs-Vakuum" ohne Elektrizität und ohne Perspektive und vielleicht ohne allgemein respektierte Autorität irgend etwas Neues und Zukunftsträchtiges in dieser Stadt in Gang zu bringen.
Offener Einspruch
Betrifft: Zahlungsbefehl der Bank Austria
Am 26. 11. 1998 wurde dem bekannten Wiener Zettelpoeten Helmut Seethaler ein richterlicher Zahlungsbefehl der Bank Austria zugestellt. Die eingeforderte Summe: 19.000 Schilling. Wie es seine Art ist, erhob der Künstler dagegen am 8. 12. öffentlich Einspruch - wie folgt: