Es gibt ein großes Thema, das die Diskussionen auf der kommenden Diagonale, dem Festival des österreichischen Films, prägen oder durchwachsen soll. Es geht um die Medienbildung, um Filmvermittlung an österreichischen Schulen. Soll Film ein Hauptfach werden, soll das Medium Film in allen seinen Facetten aufgewertet werden? Sollen die Kids , sollen alle Menschen sehen lernen? Diagonale-Intendantin Birgit Flos argumentiert in folgendem Beitrag für den Augustin zugunsten einer verstärkten Verankerung des Lehrinhalts Film – im Sinn von Bildern in Bewegung – im österreichischen Universitäts- und Schulsystem auf allen Lehr- und Lern-Ebenen.
Es geht nach dem iconic/pictorial turn um die Auseinandersetzung mit Bildern in Bewegung – in welchem „alten“, aktuellen oder zukünftigen (Transport-)Medium sie auch immer verbreitet werden. Das fängt bei griechischen Vasen, ägyptischer Zeichenschrift und Höhlenmalereien an und geht über fotografiebasierende Bildserien (Muybridge, Marey), Comics (Windsor McCay ) zum Film (d. h. zu Einzelkadern auf flexiblem Material: Celluloid), zum Film also, der als „Bewegung von Bildern“ erfahren wird, bis zu digitalen Bildkompositionen, die nicht auf einem Realbild basieren, zu Animationen aller Produktionstechniken und – wer weiß? – Projektionen auf Staub und Wasser. Der Anfang der Produktion und Rezeption von Bildern in Bewegung (moving pictures) liegt weit zurück, ein Ende ist weder abseh- noch vorstellbar.
Zudem beinhaltet Medienbildung immer auch Technik-, Wissenschafts- und Wirtschaftsgeschichte, d. h. auch Gesellschaftsgeschichte. Die Entwicklung des Films ist nicht von der Entwicklung und politischen Geschichte der Fotografie oder von frühen erfolgreichen Tonaufzeichnungs-Experimenten und dem Radio zu trennen, noch – ab den ersten Morse-Applikationen – von Fernsehen und Internet. Eine fächerübergreifende Kontextualiserung von Film ist jederzeit möglich und notwendig (cultural studies).
Also es geht darum: Bilder in Bewegung sehen zu lernen – als Kompetenz-Erwerb und Ermächtigung, um sich von all den Bildern, die uns täglich umgeben, nicht überwältigen zu lassen, sondern sich selbstbestimmt und verantwortungsbewusst in der Bilderflut zu bewegen und kritikmächtig auf Film als künstlerischen Text, als Ware, Resultat von Technikgeschichte und als gesellschaftliches Phänomen zu reagieren und dadurch – möglicher Weise – in automatisierte Rezeptions-Konventionen und gesellschaftliche Prozesse eingreifen zu können.
Medienbildung und Medienvermittlung bedeuten also eine Sensibilisierung und Kontextualisierung der Rezeption von Bildstrategien, mit dem Ziel, Kompetenzen zur Ichstärkung und zum Erlernen von Solidarität und gesellschaftlichem Verantwortungsgefühl erfolgreich und lustvoll zu entwickeln. Es geht um nichts weniger als um den Erwerb einer neuen Basiskompetenz, um das Hauptfach: Sehen-Lernen.
Bisher lernen wir früh: Schreiben, Lesen, Rechnen. Jetzt sollte das Sehen dazu kommen, es ist höchste Zeit.
Info:
Diagonale 08: 1.–6. April 2008 in Graz
Programm: www.diagonale.at