Zwei „Regelverstöße“ beim ersten Fußballturnier um den Augustin Cup Mitte September in Wien: Erstens gewann nicht das siegreiche Team diesen vom Augustin gestifteten Pokal (die Mannschaft des Fußballmagazins Ballesterer), sondern die bestplatzierte Mannschaft aus dem Obdachlosenbereich (Tageszentrum Josefstädter Straße); zweitens wurde erstmals in der Geschichte des Fußballs jene Mannschaft prämiert, die die meisten Stangen- und Lattentreffer erzielte – nämlich das „neunerHAUS“-Team. Bei der Siegesfeier am Abend des Turniertags konnte, wer wollte, folgendem Vortrag folgen, der jenen seltsamen Schuss ehrt, der weder daneben geht noch ins Tor.
Wer von Stangenschüssen redet, outet sich als Österreicherin oder Österreicher, denn in Deutschland würde man Pfostenschüsse sagen. Nur die Latte ist hüben wie drüben die Latte, und das Lattenkreuz, das Lothar Matthäus mit einem Volleyschuss in seinem ersten Spiel nach seiner Übersiedlung nach Amerika traf, ist auch in Österreich ein Lattenkreuz. Das Debüt des deutschen Rekord-Internationalen Lothar Matthäus bei seinem neuen Verein Metro Stars in New York im März 2000 wurde zu einer ziemlich faden Nullnummer. Der Lattenschuss des deutschen Stars wurde so zum Höhepunkt des Spiels – aber nur aus der Sicht derer, die das Match live oder im TV mitverfolgten. Das wirklich sinnliche Erlebnis des Lattenschusses ist nur im Stadion erlebbar: Das Publikum sieht den Ball schon im Netz, was auf das kaum erforschte Phänomen hinweist, dass der Blick immer schneller ist als der Ball, dass der Blick quasi den Ball überholt, er hängt im Moment des knallenden Aufpralls des Balls an der Latte schon im Netz, kehrt dann aber in unglaublicher Geschwindigkeit an den Ort des Aufpralls zurück, wo er gerade noch den Start des Zurückprallens wahrnimmt. Ein noch rätselhafterer Aspekt dieses Phänomens: Der eingebildete Ball, der schneller als der reale Ball ist, landet immer im Netz, obwohl er logischerweise genauso oft neben das Tor ins Tor-Out fliegen müsste. Diese einseitige optische Täuschung verstärkt den dramatischen Effekt des Lattenkreuztreffers: Die Fans der angreifenden Mannschaft sind, vom Schicksal geprellt, zu Tode deprimiert, während den Fans der verteidigenden Mannschaft ein Stein vom kollektiven Herzen fällt, der in einem kollektiven Aufatmen verdampft.
Nach einem Schuss ins Latteneck, also einem, der fast ins Kreuzeck gegangen wäre, ist das Geraune der Publikumsmasse ein gänzlich spezielles. Der Schock derer, die den gegnerischen Ball schon im eigenen Netz wähnten, und der Schock der anderen, die um ein Kreuzecktor betrogen wurden, synthetisiert sich zum gemeinsamen Kurven-Sound. Darum werden auch jene hier Anwesenden, die die Latten- und Stangenschüsse des Augustin Cups nicht miterlebt haben, den Kult nicht begreifen, den die Veranstalter im Zusammenhang mit Torstange und Querlatte betreiben. Andrerseits werden die Fußballfans, die in einem Volltreffer im Lattenkreuz nichts Geringeres als den Orgasmus der Begegnung erkennen, jetzt staunend feststellen, dass es hoch an der Zeit ist, das traditionelle Regelwerk des Fußballs um eine neue Regel zu ergänzen: Bei Punktegleichheit entscheidet die Zahl der Stangen- und Lattenschüsse. Und die wirklichen Freunde des Fußballs werden weitergehen und von einer Zeit nach FIFA und UEFA träumen, in der es keinen Punkt für den Sieg nach Toren, sondern einen Punkt für einen Stanglpass, einen Punkt für eine sachlich unnötige Torhüterparade (die „Schmähparade“), einen Punkt für einen Treffer auf den Schiedsrichter, drei Punkte für ein Gurkerl, drei Punkte für einen Treffer auf Stange oder Latte und vier Punkte für einen Schuss aufs Lattenkreuz gibt. Mit der Prämierung des Teams vom „neunerHAUS“, das am öftesten auf die Latte traf, fangen wir hier und heute an, Normen in Frage zu stellen, die wir nicht verstehen, und sie durch Regeln zu ersetzen, die wir für sinnvoll halten.
Der Augustin Cup wurde ins Leben gerufen, weil sich gezeigt hatte, dass bei Fußballturnieren im Sozialbereich vor allem Mannschaften mit jüngeren Spielern antreten und in der Regel auch gewinnen. Angebote für ältere Sportler gab es dagegen bislang kaum. Für an den Rand Gedrängte haben Turniere und Sportangebote einen hohen Stellenwert, sind doch Siege im Leben selten und Niederlagen folgenschwerer als etwa beim Fußball. Aber eine gewisse „Gettoisierung“ ist nicht von der Hand zu weisen, wenn Spieler von sozialen Einrichtungen gegen Spieler von sozialen Einrichtungen kicken. Noch dazu, meist unbemerkt von der Öffentlichkeit.
Drei Ideen stehen daher beim Augustin Cup im Vordergrund. Erstens: ein sportlich sinnvoller Bewerb für Kicker jenseits der vierzig. Zweitens: ein Turnier unter Beteiligung aller gesellschaftlichen Schichten. Drittens: Auch Zuschauer sind willkommen. Ausgetragen wurde der Augustin Cup daher im Herzen der Vorstadt am Trainingsgelände des traditionsreichen Wiener Sportklub.
Beim Augustin Cup gibt es aber noch zwei weitere Innovationen: Der Turniersieg ist für alle Teams möglich, doch der Gewinn des Augustin Cup ist dem bestplatzierten Team der Wohnungslosenszene vorbehalten – als Zeichen gegen die in der Gesellschaft verankerte „The winner takes it all“-Kultur. Ebenfalls neu ist, dass es eine Wertung für Stangen- und Lattentreffer gibt (siehe Artikel oben).
Beim Ersten Augustin Cup am 13. September kickten zwölf Mannschaften, sechs aus sozialen Einrichtungen und sechs mit sozial Eingerichteten: Neben den Traditionsmannschaften der Wohnungslosenszene, Tageszentrum Josefstädter Straße, Caritas Gruft, Junge Caritas und Haus Gänsbachergasse, war natürlich der Schwarz Weiß Augustin am Start und erstmals in der Geschichte des Wiener Wohnungslosenfußballs auch eine kickende Delegation vom neunerHAUS. Zu diesem Sextett wurden noch Teams aus dem Kreis der Freunde und Förderer des Augustin eingeladen: die Redakteure des Fußballmagazins Ballesterer, die Hobbyfußballer des FC Schamott, die Fans des Sportklub von der Friedhofstribüne, Torpedojesuiten (auch bekannt als Peace Kicking Mission), die Küchencrew von Haubenkoch Rosenbauch und das Nationalteam der Literaten.
Mit dem Tageszentrum Josefstädter Straße hat der Augustin Cup einen äußerst würdigen ersten Titelträger bei seiner Premiere. Die „JOSI“ ist seit vielen Jahren – neben der Gruft und dem Augustin – eine Fixgröße im Wohnungslosenfußball. Der Sieg beim Augustin Cup 2008 ist nicht nur das Ergebnis gepflegter Fußballkunst, sondern auch der Lohn für regelmäßiges Training. Mit dem dritten Platz im Turnier war die JOSI das beste Team aus der Wohnungslosenszene. Platz zwei ging an die Torpedojesuiten, den Turniersieg sicherte sich der Ballesterer nach einem Elferkrimi im Finale. Auf den weiteren Plätzen: 4. Literaten, 5. neunerHAUS, 6. Rosenbauch, 7. JUCA, 8. FC Schamott, 9. Gänsbachergasse,10. SW Augustin. Bester Torschütze: Georg Oppitz (Ballesterer), bester Spieler: Christian Lerch (Torpedojesuiten), bester Tormann: Thomas Grussl (SW Augustin). Preis für die meisten Lattentreffer: neunerHAUS.