Das Gefängnisdilemma

Viele Bilder aus österreichischen Gefängnissen gibt es nicht. Laufbilder schon gar nicht. Möchte man sich ein Bild vom sozialen Raum Gefängnis machen, ist man darauf angewiesen, Statistiken mit Spielfilmmelodramen und Sexploitationklischees zu multiplizieren. Die realen Orte, an denen die Justiz vollzogen wird, verbergen sich lieber vor allen Kameras (außer den eigenen Überwachungskameras). Vielleicht nicht so sehr, um die Gefangenen zu schützen oder Sicherheitsgeheimnisse zu bewahren, sondern weil ein Ort der unvorstellbaren Schrecken seine wichtigste Funktion – nämlich: als entsetzliche Drohung die Zukurzgekommenen davon abzuhalten, sich ihr Teil vom großen Brotlaib abzuschneiden – besser erfüllt als ein Ort der vorstellbaren Schrecken.
Hohe Mauern und Stacheldraht verhindern Ausbrüche ebenso wie Einblicke und erzeugen bei der Passantin einen flauen Gefühlscocktail aus Gesetzesfurcht und Erbsünde, gewürzt mit etwas ohnmächtigem Zorn, wenn sie jemanden hinter Gittern kennt und mag, mit einer Prise Genugtuung, wurde sie kürzlich beraubt.
Auch um den Opfern der Verbrechen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, soll das Gefängnis eine unpräzise Art von Hölle sein, in der zur Genugtuung der Angehörigen der Ermordeten die beim Töten abgestumpfte Seele der Mörderin ganz zerbrochen wird.
Es verlangen also die generalpräventiven und gerechtigkeitsherstellenden Funktionen der Haft, dass die Delinquentin entwürdigt, gedemütigt, infantilisiert, bis unter die Unterhose gefilzt, in ihrem Tagesablauf streng reglementiert und in fast all ihren Lebensäußerungen kontrolliert, zur Arbeit gezwungen und dafür kaum entlohnt wird.
Das Vollzugsziel der so genannten Resozialisierung würde allerdings in fast allem eine ganz gegenteilige Behandlung erfordern. Denn wer ließe sich solch einem Regime unterwerfen, ohne zu versuchen, die Reste der eigenen Würde durch möglichst umfassenden Widerstand gegen diese Behandlung zu retten?
So produziert die Entmündigung einen Double-Bind, der das Gefängnis zur Lügenuniversität macht, die vor allem in der Kunst unterweist, einerseits dem Zuckerbrot- und Peitschensystem der Institution gegenüber Anpassung und Fügsamkeit vorzuspielen, um möglichst viele Vergünstigungen, insbesondere die baldige Entlassung zu verdienen, andrerseits zur Rettung von Würde und Lebenslust so oft und so heftig wie möglich die Anstaltsordnung zu unterlaufen. Wem die Subversion am besten gelingt, der oder die genießt das höchste Ansehen unter den Mitgefangenen.
Zwar bemühen sich engagierte Gefängnisbedienstete – vor allem in dem humanen Strafvollzug verpflichteten Anstalten wie Schwarzau und Gerasdorf – mit Therapien, Ausbildungen und vielfältigen Projekten, mit Freundlichkeit und reflektiertem Umgang mit der eigenen Macht den Gefangenen ein paar Trümpfe für das Leben nach der Haft mitzugeben, doch das strukturelle Dilemma des Gefängnisses ist durch humanes Einsperren nicht zu lösen.
Wird eine, die es nicht gelernt hat, die Grenzen anderer zu respektieren, weil die ihren nie respektiert wurden, das ausgerechnet an einem Ort lernen, an dem man amtlicherseits weit in sie hineingreifen darf? Wird der notorische Gewalttäter sanftmütiges Konfliktmanagement lernen, wenn der Abteilungscapo derjenige ist, der am festesten zuschlägt? Wird die Drogenkranke geheilt in einer Community, in der der Giftkick den meisten das größte je erfahrene Glückserlebnis ist? Wer sind überhaupt die Eingesperrten? Wie meistern sie diese schwierige Zeit?
Wir haben die außergewöhnliche Chance, in einem Gefängnis filmen zu dürfen, dazu benützt, in dieser rigide hierarchisierten Institution einen Spielraum zu eröffnen, in dem die gefangenen Frauen Antworten erfinden können, die keinem der herrschenden Verhaltenscodices schön tun müssen, weder dem der Gefangenensubkultur noch dem der Anstaltsordnung.
Vielleicht wird der gefürchtete Unort zum verhandelbaren Thema, wenn man den Frauen Aufmerksamkeit schenkt, die ihn bewohnen.
Tina Leisch
Die Autorin dieses Essays, Film-, Text- und Theaterarbeiterin, hat nach ihrem Theaterprojekt mit den Frauen im Gefängnis Schwarzau (2007) nun auch den Film dazu realisiert: „Gangster Girls“. Sie bearbeitete mit Alkoholikern und psychisch kranken Rechtsbrechern am Steinhof die Geschichte der NS-Patientenmorde, recherchierte im Kärntner PartisanInnengebiet ein Stück über ein Massaker eines NS-Polizeibataillons an einer Bauernfamilie, entwickelte mit den Insassen der Jugendjustizanstalt Gerasdorf das Hip-Hop-Drama „Date your Destiny”. Ihre Inszenierung von George Taboris „Mein Kampf“ mit Bewohnern des Männerwohnheims Meldemannstraße hat ihr 2003 den Nestroypreis eingebracht. Mitbegründerin von kinoki und Volxtheater Favoriten.
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