In Wien arbeitete Kamerun zuletzt über „Sicherheit“ bei den Festwochen. In München, wo er das Telefon abhebt, inszenierte er eine Oper, betreute die Themenreihe „Ninfo/No Info“ in den Kammerspielen und bereitet die Uraufführung von „Konzert zur Revolution“ vor, zum 90. Jubiläum der Räterepublik. Politische und „große“ Themen durchziehen seine Arbeit. Aber die Machart, die offene, diskursive, auseinandersetzungsintensive, das Leichte im Schweren und das Schwere im Leichten findende, ist dabei das Besondere.
Was auch für „seine“ Band gilt. Die Goldenen Zitronen, als Hamburger Band verortet, starteten mit einer unernsten Auslegung von Punk (früher Songtitel; „Man kann auch ohne Beine die Sportschau sehen“). Anfangs in einem Kontext mit Die Ärzte oder Die Toten Hosen wahrgenommen, interpretierten sie Punk als eine sich ständig verändernde, neu ausrichtende Grundhaltung. Formulierten sich so als eine Band, die das eigene Band-Sein ständig hinterfragte und umkrempelte, bis hin zum Bemühen, live eben nicht „zu rocken“. Sie haben sich viel korrespondierende Musik angeeignet und nutzbar gemacht, von Jazz über Elektronik bis No Wave und HipHop. Alben wie „Das bisschen Totschlag“ (1994), „Economy Class“ (1996) oder „Schafott zum Fahrstuhl“ (2001) wurden so fordernde, inhaltlich wie formell ergiebige Werke – geil und gut wie Hölle! „Aussage gegen Aussage“ (2002) ist eine stimmige „Best Of“-Sammlung, weil sie die vermeintlichen „Fun-Punk“-Anfänge der Band in einen Zusammenhang mit späteren Stücken bringt – zuletzt erschien 2006 „Lenin“.
Wir verlassen die Erde
Zum kreativen Kollektiv Die Goldenen Zitronen gehören heute mit Schorsch Kamerun das zweite verbliebene Gründungsmitglied Ted Gaier, Julius Block, Enno Palucca, Stephan Rath und Meense Rents. Diese Akteure bedienen einen Haufen Instrumente (Kamerun ist unter anderem ein Kleiderständer zugeordnet) und haben damit ein Jahr lang immer wieder Musik gemacht, ermöglicht durch den Zugang zum quasi eigenen Studio. So Fragmente, Skizzen und langsam fertige Stücke gesammelt, bevor die Textarbeit anfing, die hauptsächlich Ted Gaier und Schorsch besorgen. „Über den Pass“ ist von Block, dazu kommen „Drop The Stylist“, das Post-Punk-Held Mark Stewart (Pop Group) mit Melissa Logan (Chicks On Speed) singt („Even Iggy told me you’re no fun, in fact you’re scum“) und das Melanie-Cover „Beautiful People“, interpretiert von Michaela Melián (F.S.K.).
Wenn im Info zum Album steht: „Text bleibt erstes Instrument“, hat das seine Gültigkeit. Gleichzeitig ergänzen sich die Sounds, Rhythmen und Worte ganz hervorragend und bringen sich gemeinsam weiter. Da fügen sich zwei Instrumentals logisch in die vielsagende Musik, eines das Titelstück. Kamerun findet als Sänger eine Vielzahl an Erzählhaltungen und Positionen, gefiltert aus und gefunden in einem Prozess, den er für sich als einen ständigen erlebt, wo sich zwischen Theater und Musik im Idealfall Querverbindungen und Feedbacks, oder auch Kurzschlüsse, ergeben. In „Positionen“ singt er: „Gestern war ich ein Vögelchen / Das auf einmal aus dem Nest fiel / Doch dann sah ich im Spiegel / Einen wunderschönen Kuckuck / Plötzlich neue Positionen / Die Fähigkeit zur Handlung / Und aus reinen Wünschen / Springt überraschend frischer Anspruch.“ Bei der Liveumsetzung – „was wir da wieder an Instrumenten mitkarren werden“ – wird Kamerun die Texte am Notenständer haben. Zu viel, zu komplex und wichtig. „Börsen crashen“, „Lied der Medienpartner“, „Des Landeshauptmanns letzter Weg“ oder das erstaunliche „Bloß weil ich friere“ liefern mehr, als man von Popmusik heute erhofft. Reißen, zupfen, stupsen subtile „Wahrheiten“ und Zustände an.
Etwa, dass man sich früher an Franz Josef Strauß – oder Haider – abarbeiten/reiben konnte, während sich heute ganz andere Fragen stellen. Kamerun: „Wie empfindet man die permanente Autorität?“ Es braucht eine Band wie Die Goldenen Zitronen, um einen „Hit“ wie „Wir verlassen die Erde“ zu liefern: „Wir verlassen die Erde / Als enttäuschte Herde / Wir verlassen die Erde / Auf dass sie schöner werde / Wir verlassen die Menschheit / Noch grad zur rechten Zeit / Wir verlassen die Staaten / Ohne Abzuwarten als gescheiterte Arten / Wir verlassen die Kugel / Als ein trauriges Rudel / Wir verlassen die Kugel / Wie begossene Pudel“ Lasst die Kinder singen und die Erwachsenen hören!
Info:
Die Goldenen Zitronen: „Die Entstehung der Nacht“ (Buback/Hoanzl)
Live: 1. 12., Fluc