Da er den geistreicheren Witz besaß, blieb Ambrose Bierce an Popularität stets hinter seinem Kollegen Mark Twain zurück. Mit seinem „Wörterbuch des Teufels“ schrieb er sich in die Liste der großen Aphoristiker der Literaturgeschichte ein. Doch auch als Vater der modernen Short-Story und Meister der unheimlichen Literatur lädt er zur Wiederentdeckung ein.
1911 veröffentlichte Ambrose Bierce sein „Devil’s Dictionary“, eine Sammlung von 1000 aphoristischen Definitionen, welche sich seit den 1870er Jahren in seinem Schaffen angesammelt hatten. Das „Wörterbuch des Teufels“ gehört zu einem der zeitlos gültigen Titanenwerke der literarischen Satire. Was Scharfsinn und sprachliche Brillanz anbelangt, dürften im englischsprachigen Aphorismus nur Swift und Wilde seine Augenhöhe erreichen. Einem Karl Kraus und dessen „Fackel“ hatte Bierce freilich wenig Ebenbürtiges entgegenzusetzen, und dennoch enthüllen sich in ihren Aphorismen viele verblüffende Übereinstimmungen. Anders als Kraus verabscheute Bierce Oscar Wilde. Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass er den irischen Dichter nur als den jungen Dandy wahrnahm, der auf seiner Amerikareise 1881 Dekadenz und Ästhetizismus predigte. Zu welch dialektischem, gesellschaftskritischem Witz Wilde fähig war, wusste die Welt damals noch nicht. In der Tat fehlte Bierce, einem geradlinigen WASP (White Anglo-Saxon Protestant), die spielerische, „feminine“ Seite, durch die Wilde bessere Widerspruchseffekte erzielte. Perlte Wildes Witz wie Champagner, brannte der von Bierce wie Bourbon. Karl Kraus wusste beides, dekadente Leichtfüßigkeit und unkorrumpierbaren Predigerhabitus, in seiner Arbeit zu vereinen. Nur im Feld der Aphoristik, nur dort, hätte die Formel „Bierce ist Kraus minus Wilde“ etwas für sich.
Interessanter lässt sich der Bezug zu Karl Kraus herstellen, wenn man Bierce mit seinem Kollegen Mark Twain vergleicht, den Bierce entgegen böser Unterstellungen nicht im Geringsten hasste, sondern für einige Zeit sogar als Freund schätzte. Tatsache ist, dass Bierce nicht nur der geistreichere Literat ist als Twain, sondern auch der unversöhnlichere Apologet der Sache (und für Kraus bestand kein Zweifel, dass beide Eigenschaften einander bedingen). Das hat viel mit der Unterscheidung von Humor und Witz zu tun. Bierce bekennt sich programmatisch zu Letzterem in seinem Essay „Wit and Humour“. Auch Mark Twain gelingen großartige Aphorismen, auch er ist zu Tiefsinn fähig und mitunter ein humanistisch motivierter Hasser der Gesellschaft, doch torkelt er unentschlossen zwischen Witz und Humor hin und her, seine Eitelkeit verbietet ihm, auf den Beifall des Publikums zu verzichten; zeitlebens leidet er unter diesem Schicksal, das er wohl mit den „kritischen Kabarettisten“ unserer Tage teilt. Ambrose Bierce könnte bei folgenden Worten an seinen berühmten Kollegen gedacht haben: „Lachen ist nur der billigere Teil der Münze, den wir für minderwertige Unterhaltung entrichten, nämlich für Humor. Humor streichelt, Witz dagegen sticht zu, bittet um Vergebung – und dreht die Waffe noch einmal in der Wunde. Humor ist süßer Wein, Witz trockener; wir wissen, welchen der Kenner vorzieht.“
Das erinnert stark an Kraus’ Kritik Heinrich Heines, der seinerzeit auch so etwas wie der Popstar der liberal gesinnten „Geistesmenschen“ war und hinter dessen jovialem Ton der Beiläufigkeit und lässig-kritischem Humor Kraus sprachliche Schlamperei und geistige Unredlichkeit erkannte.
In der nächsten Ausgabe: Ambrose Bierce und der Teufel als Aphoristiker
Das neue Wörterbuch des Teufels
Von 2006 bis Mitte 2007 erregte Richard Schuberth mit seiner fulminanten Essayserie im Augustin über Karl Kraus einige Aufmerksamkeit und erschloss unserer Boulevardzeitung etliche neue LeserInnen. Ein in vieler Hinsicht mit Kraus vergleichbarer Geist war der US-amerikanische Dichter, Aphoristiker und Journalist Ambrose Bierce (1842–1914), vor allem dessen sarkastisches „Wörterbuch des Teufels“ aus dem Jahr 1911 demonstriert diese geistige Verwandtschaft. Der Schriftsteller und Augustin-Mitarbeiter Richard Schuberth, selbst ein Verfechter des Aphorismus, wird ab der übernächsten Ausgabe in 24 Teilen (zu je einem Buchstaben) sein eigenes „Devil’s New Dictionary“ vorlegen. An Bierces Buch angelehnte aphoristische Definitionen aktueller und zeitloser Begriffe: von „Al-Khaida“ bis „Zombie“, von „Angelina Jolie“ bis „Zahnspange“; nicht nur unter Einfluss von Bierce, sondern auch von Jonathan Swift, Oscar Wilde, Karl Kraus und Max Goldt geschmiedete Miniaturgemeinheiten, die zum Andenken gegen die Gemeinheit der Welt animieren sollen.
Buchtipps:
Ambrose Bierce: Aus dem Wörterbuch des Teufels. Insel-TB
Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch. Wartelsteiner (geb.)
Roy Morris: Ambrose Bierce. Allein in schlechter Gesellschaft. Hafmanns (diese Biografie ist nur mehr in Antiquariaten erhältlich).
Aus Ambrose Bierces „Wörterbuch des Teufels“:
Allein – In schlechter Gesellschaft.
Bekannte(r) – Jemand, den wir gut genug kennen, um ihn anzupumpen, aber nicht gut genug, um ihm etwas zu leihen. Ein Freundschaftsgrad, den man ‚flüchtig’ nennt, wenn die betreffende Person arm oder unbekannt ist, und ‚intim’, wenn sie reich oder berühmt ist.
Belesenheit – Staub, der aus einem Buch in einen leeren Schädel geschüttelt wird.
Berichterstatter – Jemand, der sich schreibend zur Wahrheit vortastet und sie mit einem Schwall von Worten verjagt.
Beweis – Eine Aussage, die ein bisschen überzeugender ist als die Unwahrscheinlichkeit. Die Erklärung zweier glaubwürdiger Zeugen, im Gegensatz zu der eines einzigen.
Braut – Eine Frau mit großer Glückserwartung hinter sich.
Egoist – Ein Mensch mit schlechtem Geschmack; mehr an sich selbst als an mir interessiert.
Geige – Ein Instrument, das die menschlichen Ohren dadurch kitzelt, dass man einen Pferdeschweif an Katzendärmen reibt.
Glück – Das Wohlgefühl, das sich einstellt, wenn man das Elend eines anderen betrachtet.
Grenze – In der politischen Geografie: eine gedachte Linie zwischen zwei Nationen, welche die vermeintlichen Rechte der einen von den vermeintlichen Rechten der anderen trennt.
Handel – Eine Art Geschäft, bei dem A dem B die Ware des C wegnimmt, und B dafür dem D das Geld aus der Tasche zieht, das dem E gehört.
Heirat – Eine Feierlichkeit, bei der zwei Personen versprechen, eine zu werden, eine Person verspricht, nichts zu werden, und nichts verspricht, erträglich zu werden.
Homöopath – Der Humorist unter den Ärzten.
Langweiler – Jemand, der redet, wenn man will, dass er zuhört
Märtyrer – Jemand, der auf dem Weg des geringsten Widerstands einem ersehnten Tod zustrebt.
Schicksalsschlag – Eine außerordentlich klare und unmissverständliche Mahnung, dass dieses Leben nicht nach unserem Willen abläuft. Es gibt zwei Arten von Schicksalsschlägen: das Unglück, das uns selbst widerfährt, und das Glück, das anderen zuteil wird.
Schuld – Ein raffinierter Ersatz für die Kette und Peitsche des Sklavenaufsehers.
Zyniker – Ein Schurke, dessen falsche Sehweise die Dinge sieht, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. Daher bei den Skythen der Brauch, einem Zyniker die Augen auszureißen, um seine Sehkraft zu verbessern.