In der nächsten Augustin-Ausgabe wird Richard Schuberths Aphorismenserie „Das Neue Wörterbuch des Teufels“ starten. Diesmal beschäftigt sich der Autor aber noch mit dem bärbeißigen Schriftsteller und Journalisten Ambrose Bierce (1842–1914), dem Verfasser des alten satanischen Lexikons, seiner angeblichen Boshaftigkeit und den Parallelen zu Karl Kraus.
Das „Devil’s Dictionary“ schied und scheidet heute noch die Geister, oft aus fraglichen Gründen. Viele seiner Bewunderer feierten in Bierces Aphorismen kathartische Negativität und zynischen Tabubruch (ähnlich wie die Motherfuckers unserer Tage, die sich bemüht „politically uncorrect“ geben), und naivere Gemüter – dialektischen Denkspielen abhold und jedes Wort glaubend, wie es geschrieben steht – wollten darin nur Misanthropie und Pessimismus sehen.
Natürlich ist Bierces konsequenter Negativismus satirische Methode. Rückschlüsse auf Wesen und Charakter des Autors können, müssen aber nicht stimmen, lenken hingegen vom Erkenntniswert des Werks ab – zu Psychologie und biografischem Tratsch – und gehören somit zum Tagwerk der Lumpen. Die Rolle des bissigen Grantscherbens, der an der Welt kein gutes Haar lässt, wirkt wie ein dämonischer Zerrspiegel, der versteckte, verdrängte Wahrheit entblößt. Negativität funktioniert dabei wie ein chemischer Katalysator, der aus dem vorgeblich Positiven die Schlacken der Naivität und Heuchelei extrahiert. Oder wie Kraus sagte: „Und die Säure will den Glanz und der Rost sagt, sie sei nur zersetzend.“
Der zynische Pessimismus des „Wörterbuchs“ mag auf Dauer stereotyp wirken – und bei oberflächlichem Lesen könnte durchaus der Eindruck entstehen, das ganze Buch sei wie die exemplarische Definition des Wortes „November“ gestrickt: „das elfte Zwölftel eines Überdrusses“ oder die Definition von „schwarz“: nämlich „weiß“. Doch der permanent schnoddrig-negative Ton wäre nichts als leere, ermüdende Geste, handelte es sich dabei nicht um die absichtliche Bassstimme zu mitunter brillanter Gesellschaftskritik und raffinierter Sprachkomposition. Formal und inhaltlich leuchten Bierces „böse“ Definitionen in allen Spektralfarben. Auswahlbücher geben zumeist seine kurzen, prägnanten Paragrafen wieder und vermitteln das Bild eines schnörkellosen amerikanischen Modernisten. Doch auch seine metaphernreichen und längeren Definitionen (mitunter in Gedichtform) seien empfohlen, weil sie mehr Mitdenken erfordern, die volle Eleganz seines Stils offenbaren und mit geheimen Schätzen belohnen. Neben witzigen Albernheiten („Fliegendreck: die Urform der Zeichensetzung“) schwingt sich Bierce immer wieder zu melancholischem Tiefsinn auf („Gegenwart: jener Teil der Ewigkeit, der den Bereich der Enttäuschung von jenem der Hoffnung scheidet.“) und elementarer Verachtung des Unmenschlichen („Abendland: Jener Teil der Welt, der westlich (bzw. östlich) des Morgenlandes liegt. Größtenteils bewohnt von Christen, einem mächtigen Unterstamm der Hypokriten, dessen wichtigste Gewerbe Mord und Betrug sind, von ihnen gern ’Krieg’ und ’Handel’ genannt. Dies sind auch die wichtigsten Gewerbe des Morgenlands.“).
Ambrose Bierces zutiefst moralistische Ideologiekritik steht auf zwei Pfeilern, einer Kritik des abstrakten Einzelmenschen und einer der Gesellschaft, zum einen der Eitelkeit, als Triebfeder von individueller Dummheit und Missgunst, zum anderen von Kapital, Kirche und Staat als übergeordneten Institutionen des Betrugs und der Täuschung. Jeder dieser Pfeiler allein würde ein schweres Gebäude wie das der anspruchsvollen Gesellschaftskritik nicht tragen, es bedarf, aufeinander verweisend, beider. Manchen mögen diese einfachen Grundmuster naiv, überholt und dogmatisch erscheinen – was sich daraus in Werken wie dem „Devil’s Dictionary“ für künstlerische Blüten treiben lässt, besitzt jedenfalls mehr Erkenntniswert als vieles der bürgerlichen Entfremdungsprosa und des wütenden Provokationstheaters, das das letzte Jahrhundert zu bieten hatte – und denen es oft einer immer selteneren Fähigkeit namens Witz (wit) ermangelte, dessen „wahrhaften Vertreter“ Bierce zufolge „ein nie erlahmendes Bewusstsein“ bräuchten, „dass dies eine Welt der Narren und Schurken ist, blind vor Aberglaube, gequält von Neid, verzehrt von Eitelkeit, selbstsüchtig, falsch, grausam, geplagt von Illusionen – schäumend vor Wahnsinn! Er muss sowohl Sünder wie Heiliger sein, ein Held und ein Lump.“
Aus Ambrose Bierces „Wörterbuch des Teufels“
Arbeit
Eines der Verfahren, durch die A Eigentum für B erwirbt.
Armut
Beißerchen für die Zähne von Reformratten. Die Anzahl von Plänen zu ihrer Abschaffung ist gleich der Menge von Reformern, die an ihr leiden, plus der Menge von Philosophen, die nichts von ihr wissen.
Beten
Darum bitten, dass die Gesetze des Alls aufgehoben werden zugunsten eines einzelnen Bittstellers, der bekennt, unwürdig zu sein.
Eile
Die Tüchtigkeit von Stümpern.
Faulheit
Unverantwortliche Gelassenheit eines Menschen niederen Standes.
Freizeit
Eine Erfindung zur Förderung des Trübsinns. Behutsame Einübung geistiger Verblödung.
Gratulation
Die Höflichkeit des Neides.
Igel
Der Kaktus des Tierreichs.
Kilt
Eine Tracht, die manchmal von Schotten in Amerika und von Amerikanern in Schottland getragen wird.
Lobreden
Das Preisen eines Menschen, der den Vorzug des Reichtums oder der Macht besitzt oder die Freundlichkeit, tot zu sein.
Patriotismus
Brennbarer Plunder, der auf die Fackel eines Ehrgeizlings wartet, welcher seinen Namen in Festbeleuchtung sehen möchte. In Dr. Johnsons berühmtem Wörterbuch wird Patriotismus als letzte Zuflucht eines Schurken definiert. Bei aller gebührenden Achtung vor einem aufgeklärten, aber zweitrangigen Wörterbuchverfasser möchte ich zu bedenken geben, dass Patriotismus eines Schurken erste Zuflucht ist.
Telefon
Eine Erfindung des Teufels, die die erfreuliche Möglichkeit, sich einen lästigen Menschen vom Leibe halten zu können, teilweise wieder zunichte macht.
Ungläubiger
In New York: jemand, der nicht an die christliche Religion glaubt; in Istanbul: jemand, der an sie glaubt.
Unsinn
Die Einwände, die gegen dieses ausgezeichnete Wörterbuch erhoben werden.
Wirkung
Die zweite von zwei Erscheinungen, die immer in derselben Aufeinanderfolge vorkommen. Von der ersten, Ursache genannt, sagt man, sie bringt die zweite hervor – was nicht vernünftiger ist, als würde jemand ein Kaninchen für die Ursache eines Hundes halten, nur weil er noch nie einen Hund anders als bei der Verfolgung eines Kaninchens gesehen hatte.
Wissen
nennen wir jenen kleinen Teil unserer Unwissenheit, den wir geordnet und klassifiziert haben.
Zukunft
Jene Zeit, in der unsere Geschäfte gut gehen, unsere Freunde treu sind und unser Glück gesichert ist.