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Mit der Schere dazwischen gefahren

"Vorhernachher" – eine der Wertschätzung gewidmete Fotoausstellung

article_1480_vorhernachher_160.jpg Zu den Werbesujets der lächerlichen Sorte zählt jenes, das mit der Voher/Nachher-Masche operiert. Das erste Foto zeigt eine gut genährte Person, noch bevor sie dieses Diätmittel eingenommen oder jene Diätmethode angewandt hat. Die zweite Aufnahme zeigt das Model nach einer wundersamen Metamorphose, um einige Zentner erleichtert.
Verwandlungen von Menschen kann Mehmet Emir, Fotokünstler und Sozialarbeiter beim Augustin, berufsbedingt ein paar Mal im Jahr miterleben, und zwar dann, wenn die Friseurin Ines Zugschwert den Vertrieb der Straßenzeitung besucht, um ehrenamtlich den VerkäuferInnen die Haare zu schneiden.
Frau Zugschwert wollte nach ihrer krankheitsbedingten Frühpensionierung ihre schnittigen Fertigkeiten in den Dienst der guten Sache stellen, das sei eben ihre Art zu spenden. An dieser Stelle noch eine Randbemerkung: Der Innung der Friseure (!) war es nicht zu blöd, ihr wegen dieser Gratis-Haarschnitte auf die Finger zu klopfen.
Ganz anders der Sozialarbeiter des Augustin. Die einfühlsame Art der "Spenderin" und die Bereitschaft der KolporteurInnen, diese auch anzunehmen, musste Mehmet Emir mit seiner Kamera festhalten, dieses Ritual der gegenseitigen Wertschätzung habe ihn fasziniert. Nicht selten spielt der Prolog zum Haarelassen auf der Toilette – um sich dort am Waschbecken die Haare zu waschen, erzählt der mit Fotoapparat ausgerüstete teilnehmende Beobachter. Und der Höhepunkt finde für ihn nicht, wie zu vermuten wäre, am Ende, bei der Selbstbegutachtung im Spiegel statt, sondern bereits viel früher, wenn die Friseurin mit ihren Händen auf die Köpfe fasst und mit ihrem Werk beginnt: "Die Leute werden dann ruhiger, sie lassen sich fallen."
Zehn Miniserien hat Emir für das Ausstellungsprojekt "Vorhernachher" gestaltet. Er möchte nicht nur vor und nach dem Haareschneiden aufgenommene Porträts zeigen, sondern auch das Zwischenstadium, das Stadium des Sich-fallen-Lassens transportieren.

Dieses Festhalten eines Verwandlungsprozesses impliziert auch die Frage nach gesellschaftlichen Normen rund ums Erscheinungsbild einer Person, was gerade bei Menschen wie KolporteurInnen eine sehr spezielle ist. Aus seiner Erfahrung als Sozialarbeiter wisse er, dass einerseits ein zu gepflegtes Auftreten bei der Kolportage geschäftsschädigend sein könnte, da mitunter die Bedürftigkeit nicht abgekauft wird, aber andererseits wird um weniger adrette VerkäuferInnen ein großer Bogen gemacht.
Diesen gordischen Knoten kann die Fotoausstellung "Vorhernachher" auch nicht lösen, aber immerhin gibt es gut ein Dutzend zufriedener Gesichter zu sehen und kein einziges gequältes Lächeln.


Info:
"Vorhernachher"
7.–29. April
Mo.–Do., 10–16 Uhr
Vernissage am 6. April, 19.30 Uhr
mit Auftritt der Augustintruppe 11.%K.Theater
Eintritt frei
Aktionsradius Wien
Gaußplatz 11
1200 Wien

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