Diese Frau liegt im Sterben, denke ich mir. Den Einzug der beiden Clowns in das geräumige Vierbettzimmer der Pflegeanstalt hat die scheinbar nicht registriert. Dr. Edeltraud Kalawatzi tritt an die Seite der apathisch Liegenden. Als sie sich zum fahlen Gesicht der Frau hinabbeugt, erschrickt mich fast das Eindringen der Clownin in den Kokon eines Menschen, der nicht mehr ganz unserer Realität zuzugehören scheint.
Im Geriatrischen Zentrum Liesing darf ich auf Einladung der Anstalt und des Vereins der Rote Nasen Clowndoctors die Performance zweier SchauspielerInnen in den Bettenstationen beobachten. Dr. Edeltraud Kalawatzi hat eben erreicht, was Eva Müllner nicht könnte: eine Mauer aufzubrechen. Dr. Edeltraud Kalawatzi ist der «offizielle» Clownname der Schauspielerin Eva Müllner. Ihre rote Clownnase ist ein Feinwerkzeug zum Öffnen von Mauern. Der männliche Clown ist Pete Belcher alias Dr. Felix Sirius Helfgott Bewölkt.
«Lachen ist die beste Medizin» ist eine Redensart, die von überliefertem altem Wissen kündet, das die Ergebnisse moderner Forschungen vorweggenommen hat. Die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins Rote Nasen Clowndoctors kann auf die ersprießliche Autorität dieser Volksweisheit bauen. Dabei spricht der Volksmund auch in diesem Fall nur die halbe Wahrheit aus. Er lässt das verletzende, kränkende Lachen unter den Tisch fallen. Nichts gegen die Clowndoctors-PR. Für die Analyse von «gesundem Hausverstand» und seinen Redensarten sind andere zuständig. Dass Lachen ja tatsächlich gesund sein kann, ist beweisbar wie die Aussage, dass körperliches Berühren heilend wirkt. Die Erfahrungen der Roten Nasen lassen den Schluss zu: Die Symbiose von Lachen und Berührung «works». Die beiden Clowns führen mir vor, wie sehr sie beide «Medikamente» anwenden: Das Lachen und das Berühren. Wie sehr sich manche Patientinnen nach Hautkontakt, nach Händchenhalten mit hinausgezögertem Ende sehnen, erkenne ich auch als Laie auf Anhieb.
Exkurs in körperliche Angelegenheiten. Vielleicht ist es gesellschaftlich zu früh, die Frage zu stellen, wie viel Sexualität die Institutionen der Kranken- und Altenpflege vertragen. Man begnügt sich folglich mit der Frage, ob dieses überhaupt thematisiert wird. «Sicherlich ist Raum dafür im Rahmen unseres Projekts Förderung der Lebensqualität für die Bewohnerinnen und Bewohner unseres Hauses«, gibt Walter Teuschler Auskunft, der interimistische Leiter des Liesinger Geriatriezentrums. «Ziel des Projekts ist unter anderem, dass die pflegebedürftigen Menschen in unserem Haus ein – so weit es möglich ist – selbstbestimmtes Leben führen können. So viel Fürsorge wie notwendig und so viel Selbstbestimmung wie möglich, das ist unser Anspruch. An der Erarbeitung dieses Konzepts sind Vertreterinnen und Vertreter aller Berufsgruppen des Geriatriezentrums beteiligt.»
Teuschler weist auch auf das Einzelzimmerangebot im geplanten Neubau hin, «ein Schritt zum erweiterten Schutz der Intimsphäre». Wenn man eben Erich Mühsam gelesen hat, der die Freiheit der Sexualität in kontrollierten Anstalten schon nach der vorletzten Jahrhundertwende zum Kriterium einer liberalen Gesellschaft erklärt hatte (Mühsam hatte vor allem das Gefängnis im Auge), kommt einem jedenfalls das paradoxe Körper-Tabu in einem Haus der Hilfe für die vom Leben ruinierten Körper doppelt anachronistisch vor.
Clowndoctor Pete Belcher erläutert mir die Rolle der roten Nase bei den Versuchen, körperliche Nähe herzustellen. «Die rote Nase gibt beiden Seiten, der Patientin und dem Clown, die Lizenz, Normen zu übertreten. Ich könnte mich ohne Clownnase und mit meiner Alltagsbekleidung nie auf den Schoß einer Patientin setzen. Das wäre ein unerhörter Regelbruch. Und die Patientin könnte mir keine freche Popowatsche verabreichen.» Auffallend ist, wie sexualisiert die Interaktion zwischen dem Clown und den alten PatientInnen in solchen Ausnahmesituationen ist. «Bei uns Damen sind Sie sehr beliebt», flirtet eine der alten Frauen ungeniert mit dem männlichen Part des Rote-Nasen-Duos, und zwar unmittelbar nach dessen Erscheinen.
Seit dem Beginn meiner Beschäftigung mit dem Clowneinsatz in Kinderspitälern, Geriatriezentren und Rehabilitationseinrichtungen reizt mich das Infragestellen dieses Einsatzes. These: Je menschlicher das Spital, desto entbehrlicher das Zukaufen von Humordienstleistungen. Wenn es stimmt, dass das empathische Lachen ein helfender Faktor der Therapie ist, und wenn zutrifft, dass zeitgemäße Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen im Auftrag der Gesellschaft ein ganzheitliches Therapiekonzept auf der Höhe der Zeit realisieren müssen: Warum dann im Zwei-Wochen-Rhythmus (wie das in Liesing der Fall ist) externe ExpertInnen für Kunst, Lachen, Berühren und Empathie in die Anstalt holen? Sollte eine Institution mit «Lebensqualität»-Anspruch nicht selbst für die Integration des (selbstgemachten) Karnevalesken in das Standardangebot der Therapie sorgen?
Ich habe die Argumente des Leiters des Geriatrischen Zentrums und des künstlerischen Leiters der Rote Nasen Clowndoctors, Giora Seeliger, zunächst sehr plausibel gefunden. Ihr Plädoyer für den Einsatz fremder Clowns ist doppelt gut argumentiert.
Argument Nr. 1 ist die Gewährleistung der Professionalität der AkteurInnen. In der von Seeliger gegründeten «Internationalen Schule des Humors» unterrichten renommierte KünstlerInnen, auch weither angereist. Die Ausbildung verbessert sowohl das artistische Niveau der Spitalclowns als auch das Wissen über Therapeutisches und Medizinisches. Frühere Ausbildungen in anderen Genres bringen die Roten Nasen in ihre Spitalsarbeit ein. Auch «meine« beiden Rotnasen im Geriatrischen Zentrum sind m e h r als Clown und Clownin. Eva Müllner ist Performerin. Sie studierte am Konservatorium der Stadt Wien Modernen Tanz und gründete 2002 das Kinderprojekt «Valentinas Zauberzirkus». Pete Belcher war Musiker, als er noch in England lebte. Musik macht er auch in Wien, doch vor allem ist er heute Theatermacher, insbesondere für junges Publikum. Und er ist einer der «sieben Meister des Scheiterns», der sieben DirektorInnen des «Theater Olé», einer kleinen siebenköpfigen Clownbühne im dritten Bezirk.
Argument Nr. 2 für «Fremdclowns» ist der Unbefangenheits-Gewinn. Die Autonomie der Roten Nasen gegenüber der Betreuungsinstitution ermöglicht Ansätze von «Anarchie» in den Interaktionen zwischen PatientInnen und Rotnasen, die unselbständigen Clowns möglicherweise verwehrt blieben. Narrenfreiheit hat immer auch etwas mit Geschäfts- und Abhängigkeitsverhältnissen zu tun.
Der Augustin muss sich hoffentlich nicht auf seine eigene Narrenfreiheit berufen, wenn er sich anzumerken erlaubt, dass in dieser Angelegenheit letztlich die Budgetpolitik das Sagen hat. Clownauftritte, die von den privaten Spendern und Sponsoren des Rote-Nasen-Vereins finanziert werden, entlasten die Anstalten, die generell einem Sparregime unterworfen sind.
Die kommende Überwälzung der Bankenrettungskosten auch auf den Gesundheitsbereich macht anstaltseigene Clowninnen und Clowns sowieso illusorisch. Dass es aber auch anders geht, beweist schon das flüchtigste Surfen im Internet: Das Seniorenheim St. Joseph in Selfkant-Höngen bei Düsseldorf wollte sich einen richtigen hauseigenen Clown zulegen. Der Geschäftsführer ließ dafür eine talentierte Mitarbeiterin an einer Theaterakademie in Eindhoven, Niederlande, zum Demenz-Clown ausbilden. In den Niederlanden arbeiten übrigens schon fast 50 Demenz-Clowns mit Diplom in Pflegeheimen.
Ob extern oder intern: Clowns im Pflegeheim oder im Spital «müssen die Kunst beherrschen, verschlossene Herzen aufzubrechen». Diese Fähigkeit verlangt Giora Seeliger, der künstlerische Leiter der Rotnasen, von seinen 56 in Österreich tätigen Clowndoctors. Und das verlangt der in Israel geborene, in Frankreich und Deutschland aufgewachsene Allround-Theatermann auch von den inzwischen schon sechs weiteren nationalen Red-Noses-Sektionen in Ungarn, Slowenien, der Slowakei, Tschechien, Deutschland und Neuseeland. In vielen Ländern, wie auch in Österreich, existieren sie neben konkurrierenden Netzwerken von im Gesundheitsbereich arbeitenden Clowns.
Die rund 200 PerformerInnen, die in den von ihm gegründeten sieben Länderorganisationen vernetzt sind, kenne er alle. «Und sie alle kennen mich.» Eine Formulierung, in der ein paternalistischer Wunsch nach ungestörter Gesamtübersicht sich mit der plausiblen Sorge um die künstlerische Qualitätssicherung zu vermengen scheint. Eine weitere Bewertung dieser Aussage steht mir nicht zu: Dazu ist meine berufliche Neugier über die Hierarchie in Vereinen zu temporär. Morgen gibt’s schon wieder das nächste Thema, so seicht ist Journalismus auch im Augustin.
Dass die Arbeit des Aufbrechens, wie Seeliger also den Kern des Wirkens seiner Clowns nennt, nur eine durch völlige Freiheit von Ironie ausgezeichnete Performance leisten kann, darauf hat mich Pete Belcher aufmerksam gemacht. «Clowns sind grundsätzlich naiv. Ein Clown kann nicht lügen. Jeden Versuch zu lügen sieht man einem Clown sofort an.» Wäre er ironisch, würde die Show nicht funktionieren. Da beginne ich zu verstehen, dass Ironie nicht nur subversiv ist. Ironisch sein kann auch Macht ausüben bedeuten: Ausgeschlossen bleiben die, die nicht kapieren, dass das Gesagte nicht das Gemeinte war. Im Laufe dieses mehrstündigen Rote-Nasen-Einsatzes in Liesing haben nur die alten Frauen das Recht auf Ironie, und sie haben auch die Sprache, die diese bestens transportiert: den Wiener Dialekt. Eine Stimmungskanone im Rollstuhl hat vor allem die Clownin ständig auf der Schaufel; mit i h r kann (darf?) sie ja nicht flirten. Eva Müllner legt einen Tanz hin, groteskes Ballett. «Do musst no vü übn!», urteilt die Seniorin sichtlich unbefriedigt. Später fischt die ausgebildete Performerin einen «Raubwurm» am Stoffbandel aus ihrer überdimensionalen Tasche, über die ihr Kollege natürlich immer stolpert. Die Schmähführerin von vorhin ist schon wieder enttäuscht: «Mia san jo ned im Kindagoatn!“
LeserInnen, die die Roten Nasen in Aktion sehen wollen, müssen nicht warten, bis sie in der Geriatrie liegen. Sollten sie Mitte August zufällig im Salzkammergut sein, sind die Clowndoctors sogar in Massen zu sehen. Vom 11. bis 14. Juli findet in Altaussee das zentrale Rote-Nasen-Treffen statt, dessen Höhepunkt die Parade aller Clowns ist. Giora Seeliger wird sie alle kennen.