Nach dem Platzen der Dotcom-Blase Ende der 1990er Jahre wurde der Profit zum Maß aller Dinge. Die Konzernbosse, die bei der Jagd nach der Rendite vorrangig auf die Kostenkeule setzten, enttarnten die fix angestellten MitarbeiterInnen als hinterhältige Kostenquellen und damit oberste Profitfeinde. Sie sahen ihre Belegschaft nicht mehr als «Humankapital», das pfleglich zu behandeln sei, weil es als Schlüssel zu Umsätzen einen Wert darstelle, sondern als Ballast, den es abzuwerfen oder wenigstens zu «flexibilisieren» galt. Jetzt in der selbstgemachten Krise wollen die (Un-)Verantwortlichen noch einen Schritt weiter gehen. Künftig sollen so gut wie alle Arbeitskräfte, auch im mittleren Management, »just in time» sein, wie ein Zapfhahn zum Auf- und Zudrehen. Die Belegschaft soll von einem fixen zu einem völlig variablen Kostenfaktor werden. Alle Risiken werden auf die ArbeitnehmerInnen verlagert.
Zum Unglück für die Arbeitskräfte scheint der Markt massiven Personalabbau zu mögen, beschrieb ein amerikanischer Marktbeobachter diesen fatalen Mechanismus. Der Versuchung, via Analysten- und Wirtschaftsjournalistenlob den Aktienkurs und das daran gekoppelte persönliche Einkommen fulminant zu steigern, widerstanden nur wenige Konzernchefs. So wurden «Massenfreisetzungen», die bis weit in die 1990er Jahre noch als Zeichen für ultimatives Konzernversagen galten, schon zu Zeiten fetter Renditen zum Universalrezept. Schon 1984 hatte der in Wien geborene Management-Guru Peter F. Drucker, der angewidert war von der Tatsache, dass Konzernmanager Unmengen Geld kassierten, während sie Tausende ihrer Arbeiter feuerten, prophezeit: «Das ist moralisch und sozial unverzeihlich, und wir werden einen hohen Preis dafür zahlen.»
«Headcount-Freeze» heißt die Devise. Dabei wird die «Kopfzahl», die Zahl der angestellten Arbeitskräfte auf der Gehaltsliste des Konzerns, «eingefroren». Wenn die Belegschaft wegen Arbeitsüberlastung schon am so genannten Zahnfleisch ist, bietet sich als weniger streng geprüfter – weil «kopfzahl»-neutraler – Ausweg die Beschäftigung von DienstnehmerInnen auf Basis eines der vielen atypischen Arbeitsverhältnisse an. Sie können wie Produkte über das Bestellsystem geordert werden und werden nicht in die sakrosankte «Kopfzahl» eingerechnet, weil der Konzern sie jederzeit ohne große Probleme und Zahlungen wieder an die Luft setzen kann. Von permanent temporären «Wegwerfarbeitskräften» schreibt «Business Week»: «Die Bezahlung sinkt, Zusatzvergünstigungen verschwinden und kein Job ist mehr sicher.» (17. Jänner 2010)
Die Konzernchefs lassen immer mehr Geschäftsfelder brach liegen, indem sie vorgeben, ausschließlich auf das lukrative Kerngeschäft fokussieren zu wollen. In Wirklichkeit haben sie eine ausgeprägte Aversion gegen Investitionen, die sich vielleicht erst in zwei, drei Jahren mit vergleichsweise bescheidenen Renditen rechnen würden. Schließlich können die Konzerne das eingesparte Geld bei Finanzgeschäften weitaus lukrativer einsetzen.
Die Obsession mit Kennzahlen, mit Kosten und Kopfzahlen vergrößert die Machtsphäre der Zahlenjongleure und Meister des Rotstifts. Was nicht in eine Excel-Tabelle hineinpasst, kann nicht wichtig sein, lautet ihr typisches Credo. Sie haben das letzte Wort bei der Budgetzuteilung, überwachen wie Zerberusse die Einkaufssysteme, definieren MitarbeiterInnen über ihre Kostenstellen und mahnen beständig – ohne jegliche Sentimentalität – die Reduktion der Kopfzahl an. Erstaunlich widerstandslos exekutieren die untergebenen Manager die von ganz oben bis ganz unten exakt vorgegebenen Kopfzahl-Reduktionsquoten.
Um Innovation zuzukaufen, die auf den eigenen Friedhöfen der Kreativität nicht mehr gedeiht, oder sich die Marktanteile der Konkurrenz einzuverleiben und so den Preisgestaltungsraum weiter ausdehnen zu können, begaben sich die Konzerne in den letzten Jahren mit vollen Kassen auf Einkaufstour. Zu allem Überfluss entdeckten dann auch noch Finanzinvestoren die Übernahme von Unternehmen als lukratives Finanzgeschäft. Unzählige einstmals gesunde Unternehmen wurden von den neuen Eigentümern, die von dem Geschäftsfeld meist keinerlei Ahnung, aber stets dreiste Sanierungssprüche auf den Lippen hatten, zu Siechtum filetiert oder durch das Aufhalsen der Übernahmekredite paralysiert. Was von den Geiern euphemistisch «Konsolidierung» genannt wird, ist eine Markt- und Machtkonzentration übelsten Ausmaßes, die nicht nur für den Arbeitsmarkt katastrophale Folgen hat.
Nur ein kleiner Teil der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt lässt sich auf die Globalisierung zurückführen. In Europa wie in den USA sind es etwa zwei Prozent aller Jobs, die im Kielwasser der Globalisierung permanent verlagert wurden (so eine im «Economist» im Jänner 2007 zitierte Studie). Der «Economist», alles andere als ein Gegner der Globalisierung, konstatierte als Begleiterscheinung, dass «in der reichen Welt der Anteil der Arbeit am Bruttosozialprodukt historische Tiefen erreicht hat, während die Profite explodierten und so ein gefährlicher Mix von Ungleichheit und flauen Löhnen die Globalisierung gefährdet.» Die Wirtschaftsbosse brauchten nur die verbale Globalisierungskeule schwingen und mit Kapitalabzug und Jobverlagerung zu drohen. Dann senkten die Politiker die Konzernsteuern und weichten die Arbeitsgesetze weiter auf.
In der globalen Wirtschaft verfolgen die Konzerne eine klare geografische Arbeitsteilung. In ganz wenigen, zu Wachstumsmärkten erklärten Ländern wie Indien und China sind die Konzerne bereit zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Im Rest der Welt fokussieren sie auf den effizienten Abzug der Profite. Impulse für den Arbeitsmarkt gehen dort von den Konzernen nicht aus. Die Einführung des gemeinsamen Marktes und des Euro haben die Konzerne als weitere Chance erkannt, Geld zu sparen und Arbeitskräfte abzubauen. So arbeiten jetzt Konzerne wie BP daran, die Landesgesellschaften abzuschaffen und Europa von einem Standort aus zu bedienen («manager magazin» 6/2009). Die Konzerne bemühen sich eifrig um die weitere Peripherisierung Europas.
Wenn man den Markt mit seinem unsichtbaren Händchen ohne Eingriffe des Staates nur tun lasse, wird alles gut, sagten die Konzernchefs, die ihren Mund nahe am Ohr der Politiker hatten. Die Politiker hätten zwar aus der Vergangenheit wissen können, dass dies bisher nirgendwo auf Erden funktionierte und es immer nur für ganz wenige gut wurde, aber wie die Kaninchen starrten sie regungslos auf die Schlange. Vielleicht ließ ihnen auch die Schlange etwas zukommen, um ihre Angst zu dämpfen und ihr Wohlwollen zu erringen. Politiker wie Gewerkschaften ermöglichten die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, die ohne Umweg zur Prekarisierung großer Schichten der Gesellschaft führte. Irgendwie müssen sie übersehen haben, dass unser Gesellschaftssystem ganz wesentlich auf den Beiträgen und Steuern basiert, die von den Inhabern von Vollarbeitsplätzen bezahlt werden.
Im neoliberalen Überschwang zog und zieht sich der Staat als Eigentümer und Arbeitgeber aus wesentlichen Bereichen der Infrastruktur wie der Post zurück, was Adam Smith übrigens keineswegs goutiert hätte, und forciert damit die Eliminierung von Jobs in besonders sensiblen Regionen. Nach dem Milliarden-Rettungspaket für die Banken muss der Staat seine Rolle als Arbeitgeber weiter einschränken. So soll in Österreich in den nächsten Jahren nur mehr jeder zweite Abgang eines Beamten ersetzt werden.