Es ist nicht alltäglich, wenn ein Chor wie das Stimmgewitter Augustin mit der 2005 reformierten Linzer Punk-Band Seven Sioux einen Tonträger veröffentlicht. Die Geschichte der «Schmankerl der Schöpfung».
Danach würden sich zusätzlich Seven Sioux auf die Bühne gesellen. Statt der Playbacks von KünstlerInnen wie Bernadette La Hengst, Fritz Ostermayer oder Wolfgang Schlögl von den Sofa Surfers würden dann die E-Gitarre von Horst Buttinger, der Bass von Peter Hofstätter und das Schlagzeug von Ortwin Unterweger die Basis für die herzhaften Stimmeinsätze von Ernst Watzinger, Hans Kratky, Heidi Gross, Helmut Dobscha, Klaus Hammer (mittlerweile ausgeschieden), Mario Lang, Martin Österreicher, Oskar Walch und Riki Parzer liefern, Seven-Sioux-Sänger und Augustin-Musikarbeiter Rainer Krispel würde als 10. Stimme Vokal-Blitze schleudern.
Schon tags zuvor hatten all diese Menschen sich im ersten Stock der Kapu eingefunden. Jenes Linzer Kulturzentrum, das seit über 20 Jahren für die 1988 gegründete, in Punk und Hardcore-Kultur verwurzelten Seven Sioux weit mehr als eine geistige Heimat ist. Das Kapu-Studio diente Band und Chor als Proberaum, um das – noch schmale – gemeinsame Repertoire durchzuspielen. Das Rio-Reiser-Cover «Übers Meer», das Sioux-Original «We Are Not The Scared People», dessen Adaption eines Woody-Guthrie-Satzes in dieser Konstellation noch so viel mehr Kraft hat.
Diese zwei Lieder markierten den Beginn der Zusammenarbeit von Augustin-Chor und den Punks mit Kindern und Berufen, die sich durch die freundschaftliche Nähe von Lang und Krispel fast aufdrängte. Zu finden auf einer Vinyl-Picture-Single, die sich im Mai 2008 nach logistischen Querelen zu einer zweiten Live-Präsentation im Wiener Musiklokal Shelter doch noch eingefunden hat – und heute so gut wie ausverkauft ist. «Ich sprenge alle Ketten» war der logische nächste Schritt. In Linz durch die Interpretation des Giorgio-Moroder/Michael-Holm-Schlagers von Willi Warma, der Lokalbandlegende ohnehin so etwas wie eine Hymne, hatte das Stimmgewitter durch die eigene Version mit „Ja, Panik“ das Stück textlich und strukturell schon so verinnerlicht, dass nicht lange geübt werden musste. Neben zwei weiteren Coverversionen, «Love Of The Common People» und programmatisch «Die letzte Schlacht» (Ton Steine Scherben), erlebte das Kapu-Studio die erste gemeinsame Version von «Schmankerl der Schöpfung», von Seven Sioux extra für dieses Projekt geschrieben. Mit deutschem Text, «als Protestsong to end all Protestsongs», wie Texter Krispel sagt. «Wann geht uns eigentlich endlich/das Geimpfte auf/bei all der bösen Scheisse/die auf allen Levels lauft/die Aufklärung gescheitert/das Geld das will uns dumm/Banker, Krise, Schweinegrippe/ein Leben wie ein Hund.» Im Proberaum war es heiß wie die Hölle, die T-Shirts fielen (ein Anblick!), Linderung brachten einzig die in den Pausen aufgerissenen Fenster und gut gekühlte tschechische Biere aus der Druzba, dem Kapu-Beisl im Erdgeschoss. Doch der Vibe war einmalig, wie ein sonniger Beach-Boys-Song ohne jegliche Brian-Wilson-Paranoia. Ein Vibe, der selbst das leicht mulmige Gefühl von Seven Sioux überlagerte, hatte sich doch Bassist Peter beim 2008er Bock Ma´s nach einer durchzechten Nacht mit Janie/Peter Hein, der Vocals für das Sioux-Album «Hungover Kingdom» beisteuerte, noch vor dem Soundcheck ernsthaft am Bein verletzt. Beim Bock Ma´s 2009 lief alles glänzend für das Stimmgewitter und Seven Sioux, der gemeinsame Auftritt war ein Highlight, die Live-Premiere von «Schmankerl der Schöpfung» wurde vom Publikum heftig beklatscht. Während das Stimmgewitter im Miet-Bus zurück nach Wien unterwegs war und nachdem sie ihren Schlagzeuger («I steh im Woid, überoi san Bam») dorthin gelotst hatten, ließen 3/4 Seven Sioux das alles und die liebevolle Betreuung des Bock-Ma’s-Festival-Teams im Garten von Alexandra Reidl zufrieden Revue passieren – Alexandra war bis zu ihrem Ausstieg 1991 gemeinsam mit Krispel Sängerin der Band gewesen.
8 Monate später gibt es seit Ende April bei den KolporteurInnen von Augustin und Kupermuckn eine CD zu kaufen, «Schmankerl der Schöpfung» von Stimmgewitter Augustin und Seven Sioux. (5 Euro vom Verkaufspreis bleiben bei den KolporteurInnen). Mit 6 Liedern, zu den schon oben genannten kommen noch «Die Leit» und «Schmusen», Letzteres schlägt ein überraschend sanftes musikalisches Kapitel auf. Bei der gerade über das Wiener D.I.Y.-Fettkakao entstehenden Vinyl-Version sind die Songs aufgeteilt in eine Output- (die eigenen Stücke) und Input-Seite (die Coverversionen).
Am Weg dazu gab es einige logistische «Obstacles» zu überwinden. 12 und mehr Menschen mit Studio- und Foto-Terminen aufgeteilt zwischen Wien und Linz in Einklang zu bringen ist nicht Nichts. Selbst eigentlich unverdächtiges technisches Gerät wie ein Navi wollte die wackeren MusikerInnen vom richtigen Weg ins Aufnahmestudio am Linzer Pöstlingberg abbringen – nachzulesen auf der Stimmgewitter-Homepage. Im idyllisch gelegenen Goon Studio wurden die Stimmen zu Instrumentalaufnahmen aus der Kapu aufgenommen. Während das Stimmgewitter dabei in Höchstform agierte, erlitt Krispel einen akuten Anfall von psychosomatischem Stimmverlust. Was aber Phil Sicko, den Mann an den Aufnahme- und Mixreglern nicht weiter irritierte. Ein gutes Mikrophon kann eben tatsächlich Wunder wirken, Emser-Pastillen und Wille Hand in Hand straffen noch die lädiertesten Stimmbänder. Und was ist schon singen?
Dazu riss dann noch Ursula Krispel, leidgeplagte Mutter gleich zweier musiknarrischer Söhne den ältesten Spross mit ihrer ungleich volltönenderen Stimme raus. Ohne dem Stimmgewitter an den Karren fahren zu wollen – ihre Beiträge zu «Schmankerl der Schöpfung» und «Die Leit» sind das definitive gesangliche Highlight des Mini-Albums ...
Eine Geschichte für sich wäre die Entstehung der prächtigen Fotos zu «Schmankerl der Schöpfung» wert. Anberaumt eines Sonntags im Café Weidinger unter der tätigen Regie von Michaela Riess (www.zoe-fotografie.com) war die ganze Meute für die Fotosession – das Linzer Seven-Sioux-Department war einmal mehr den eben nicht Highway-to-Hell nach Wien geritten – ursprünglich in die Kegelbahn hinabgestiegen. Dank eines unkomplizierten Kellners wurde nach oben übersiedelt und dort entstanden mit allerlei launigen Umgruppierungen und reichlich Runden Bier und einer Runde Würstel in knapp drei Stunden die Fotos, die nun unter anderem das Cover zieren. Die Einzelporträts entstanden im Stimmgewitter-Proberaum und Linz. In die Endform gebracht wurden das CD-Booklet und das Vinyl-Artwork von Andi Ehrenberger, der früher nicht nur den Bass bei der Linzer Hardcore-Legende Stand To Fall bediente, sondern dessen optische Visionen den Look von Covers, Plakaten und Flyern einer ganzen Szene prägten und der bis heute wie kein Zweiter einen Weg zwischen intaktem Anspruch und pragmatischen Notwendigkeiten dessen, was er ungern als «Grahik» tituliert, findet.
Während nun also die «Schmankerl der Schöpfung» in CD-Form langsam über die KolporteurInnen von Augustin und Kupfermuckn zu den Menschen – und in deren hoffentlich geneigte Ohren – sickern herrscht in zwei Proberäumen, einem im 5. Wiener Hieb und einem im Linzer Hafen beinahe hektische Betriebsamkeit. Nach einer beinahe in Streit ausufernden leidenschaftlichen Diskussion im Backstage/Schlafraum am Dachboden der Kapu, wo das Stimmgewitter sein Quartier beim letzten Studioaufenthalt fand, feilen Stimmgewitter und Seven Sioux am Liveprogramm zur Präsentation von «Schmankerl der Schöpfung». Anders als bisher wird diesmal nämlich das ganze Konzert gemeinsam bestritten, Seven Sioux adaptieren einige Standards aus dem bisherigen Stimmgewitter-Programm für ihren Sound, die acht Stimmgewitter bauen ihr Englisch weiter aus und saugen sich «I Fought The Law» drauf, den von The Clash popularisierten Bobby-Fuller-Four-Gassenhauer. Dazu werden wohl weltweit erstmals Stücke von Arik Brauer, Billy Bragg, Bob Dylan und Wilfried an einem Abend zu hören sein. Diese Konzerte könnten ein ziemlicher Wahnsinn werden. Oder wie Hans «Kapitän» Kratky vom Stimmgewitter gerne singt: Bumbabumbabumba»!
CD Stimmgewitter AUGUSTIN & Seven Sioux: «Schmankerl der Schöpfung»
(Über KolporteurInnen von AUGUSTIN/Wien und Kupfermuckn/Linz)
Live:
Mi., 19. 5. 2010: Flex, Wien
im Rahmen von Bock Ma´s 2010 – Do., 26. – Sa., 28. 8. 2010