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Als Aktionär bei Agrana

Einmal im Jahr frühstücken wie ein Kaiser

Wir setzen unsere Berichte aus der Welt der AktionärInnen fort. Nach den Aktionärsversammlungen von Uniqa (Ausgabe Nr. 183) und Do&Co (Nr. 188) beobachtete der Augustin ähnliche Rituale auch in der Hauptversammlung der Agrana. Für Augustin-LeserInnen ist diese Gesellschaft eine „alte Bekannte“: Als Agrana die Zuckerfabrik in Hohenau zusperrte, berichteten wir über den Schock, den diese Entscheidung eines zum global player gewordenen Unternehmens in der niederösterreichischen Gemeinde auslöste.


Gerald Grassl 31.01.2007
Dass in unserer Gesellschaft nicht der Mensch, sondern „die Wirtschaft“ im Mittelpunkt steht, signalisieren bereits die Titelseiten der Tageszeitungen: Egal ob ein neuer Krieg ausgebrochen ist oder ein Orkan tausende Existenzen vernichtete, die Aktionäre erfahren auf dem ersten Blick oberhalb oder neben der „Headlines“ ob und um wie viel sie wieder reicher wurden. Die Insider verständigen sich in einer Spezialsprache mit Begriffen wie „Index“, „ATX“, „EBIDTA“, „ROCE“ oder „Gearing“…

Zur Hauptversammlung der Aktiengesellschaft Agrana, dem führenden Zuckerproduzenten in Österreich, hatten sich 338 stimmberechtigte Aktionäre, die 11.139.776 Stimmen vertreten sollen, angemeldet. 53 Leute besitzen nur eine Aktie, etwa ebenso viele verfügen über zwei bis fünf Aktien.

Agrana produziert weltweit mit über 8000 Beschäftigten Zucker, Stärke und Frucht. Vom Geschäftsjahr 2001/2 bis 2005/6 stiegen die Gewinne des Konzerns von 842,8 Millionen auf 1.499,6 Euro. Ziel des Unternehmens ist es, in naher Zukunft 2 Milliarden als Jahresgewinn zu erreichen.

Während bei einem durchschnittlichen österreichischen Unternehmen oder Lohnabhängigen rund 50% des Einkommens an Steuern abgehen, verkündet Agrana stolz, dass seine Steuerleistungen nur um die 10% betragen.

An der Wand wird den Aktionärinnen mittels Grafiken gezeigt, wie rasch das Unternehmen mit welchen Gewinnen, vor allem in Ländern der so genannten 3. Welt, expandiert.

Vergessen ist, dass erst vor kurzer Zeit gleichzeitig von Agrana ganze Gemeinden in Burgenland und Niederösterreich „still gelegt“ wurden, dass den „heimischen“ Zuckerrübenbauern die Ware – weil zu „teuer“ - nicht mehr abgenommen und die Betriebe, die Zucker verarbeiteten, zugesperrt, hunderte Arbeitsplätze vernichtet wurden.

Die Aktionäre? Die „Herren im Nadelstreif“ und Damen in Nobelklamotten sind bei dieser Versammlung eine kleine Minderheit.

Die große Mehrheit der Leute ist „normal“ gekleidet. Wer den Gesprächen zuhört, merkt, dass es zum Großteil pensionierte Nebenerwerbsbauern sind, die darüber diskutieren, ob es überhaupt noch einen Sinn hat, dass ihre Kinder die Hofwirtschaft weiterführen sollen, dass es zwar Milliardenbeträge an EU-Förderungen gäbe, dass die jedoch zu 90% „an den Adel“ gehen, während „die Kleinen“ wenig bis gar nichts bekommen.

Mögen diese Erdbeeren wachsen wie die Gewinne

Die Vorträge des Vorstandes vorne am Podium scheint nur eine kleine Gruppe von Großaktionären zu interessieren.

Im Publikum wird getratscht: Über Hochzeiten, Begräbnisse und Wirtshausraufereien mit Polizeieinsatz.

Als sich einer, der sich für die Vorträge wirklich interessiert, zischend zu einer Gruppe von „Schwätzern“ umdreht, wird er ausgelacht: „Ah geh! Die machen doch eh was sie wollen. Wir haben doch dabei nichts zu mitzureden…“

Bei den Abstimmungen wird dann trotzdem brav mit gestimmt (jeweils gibt es nur wenige Gegenstimmen).

Bereits eine halbe Stunde vor Schluss der Versammlung hat etwa die Hälfte der Leute den Saal verlassen, denn draußen ist inzwischen das Buffet eröffnet worden.

Das Buffet ist diesmal vergleichsweise bescheiden: Kaffee, Mineralwasser und Orangensaft, Brötchen und Mehlspeisen.

Aber auch hier schaufeln sich die Männer und Frauen Brötchen und Kuchen gierig auf die Teller, eilen zu Tischchen, packen die Sachen in mitgebrachte Servietten ein, verstauen sie in Taschen und stürmen erneut los, um neuerlich die Teller zu füllen.

Verwundert befrage ich einen „Insider“ über das seltsame Verhalten von Aktionärinnen und werde aufgeklärt:

„Sehr viele hier kaufen sich je ein oder zwei Aktien von 50 oder mehr verschiedenen ‚sicheren’ Aktiengesellschaften. Die kommen dann nur wegen des Essens zu den Aktionärsversammlungen. Bei vielen Jahresversammlungen ist dann das Essen oft mehr wert, als die Höhe der Aktie. Gleichzeitig wirft so eine Aktie durchschnittlich einen wesentlich höheren Gewinn ab als ein Sparbuch. Da kauft also jemand eine Aktie bei Agrana um 2 oder 3 Euro und kann dann um diesen Preis bis zu seinem Lebensende einmal im Jahr prächtig frühstücken gehen. Wie sich andere ein Mal pro Woche einen Besuch in ein Restaurant leisten, gehen diese Leute ein Mal pro Woche zu einer Aktionärsversammlung um gut und teuer zu essen. Nur müssen sie dafür nichts bezahlen. Gleichzeitig steigt der Wert der Aktie im Laufe der Jahre um das zehn- oder zwanzigfache. Und die Enkerln erben später Aktienpakete von beachtlichem Wert…“

Zum Abschied erhält jeder der Aktionäre ein Sackerl, in dem sich der Jahresbericht, ein Streuer mit Staubzucker und – wie ich zunächst meine – Kartondose Erdbeermarmelade befindet.

Als ich mir am Sonntag das Frühstück bereite und die Dose öffne, folgt die Enttäuschung: Keine Marmelade, sondern Blumenerde. Dazu ein Packerl Erdbeersamen mit der stillen Botschaft: „Mögen diese Erdbeeren wachsen wie die Gewinne von Agrana…“

Gerald Grassl


Referenzen:

Jahr 2007: 195 - 01/2007

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