"De Göwe" (die Gelbe) geht um in der Obdachlosen- und Drogenszene. Gelbsucht kann, muß aber nicht, eine Äußerungsform der Hepatitis sein: Die Haut des Betroffenen verfärbt sich gelblich, das Weiße in den Augen wird gelb. Oft aber gibt es keine "gelben" Symptome, sondern Symptome, die man einer Grippe zuschreibt. Unaufgeklärte Betroffene kommen manchmal jahrelang - oder nie - drauf, daß sie an einem Hepatitis-Virus leiden. Viele Straßenmenschen kommen ihr ganzes Leben lang nicht von ihrer Hepatitis weg. Weil diese die Leber schwächt, sterben die Erkrankten schließlich an einer Leber-Zirrhose (zumal sie ihre Leber meistens auch mit anderen Faktoren malträtieren - z.B. mit Alkohol).
Dr. Walter Tomsa, der ärztliche Leiter der Drogentherapieeinrichtung "Grüner Kreis", schätzt, daß 60 bis 70 Prozent der "Grünen Kreis"-Klienten Kontakt mit Hepatitis B hatten; in ca. 20 Prozent der Fälle nimmt die Krankheit einen chronischen Verlauf. Noch gefährlicher sei Hepatitis C: "Annähernd 100 Prozent der intravenös Drogen Konsumierenden hatten nachweisbar Kontakt mit Hepatitis C. Bei mindestens 70 Prozent davon ist das Leiden chronisch. In den meisten Fällen entwickelt sich nach 25 Jahren auf dieser Basis eine Leberzirrhose", sagt Tomsa.
Ähnliche Relationen beobachtete Dr. Hans Haltmayer, der medizinische Leiter der Wiener Drogenabhängigen-Hilfe "Ganslwirt". Seiner Schätzung nach haben (oder hatten) zwischen 25 und 50 Prozent der Süchtigen, die illegale Drogen intravenös einnehmen, eine Hepatitis B-Infektion, etwa zehn Prozent dieser Erkrankungen werden chronisch. Unter Hepatitis C leiden, so Haltmayer, 60 bis 80 Prozent der "Ganslwirt"-BesucherInnen, wobei hier bei sieben von zehn Betroffenen ein chronischer Verlauf wahrnehmbar ist.
Die vorbeugende Impfung bezieht sich auf Hepatitis A (die allerdings in Österreich nicht mehr so relevant ist) und Hepatitis B. Gegen diese beiden Hepatitis-Varianten sind Impfstoffe wie "Engerix" im Handel erhältlich. Noch kein Impfstoff steht gegen Hepatitis C zur Verfügung. C-Patienten können sich allerdings eine Interferon-Therapie unterziehen, die relativ effektiv ist (die Ausheilchance liegt laut Dr. Tomsa bei 60 Prozent). Die Interferon-Behandlung ist freilich sehr langwierig. Interferon wird jeden zweiten Tag unter die Haut injiziert - und das sechs bis 18 Monate lang.
Eine potentiell lebensbedrohliche "Melange" ist die Kombination von Hepatitis B und C. Wenn Süchtige zur "C" auch noch die "B" dazukriegen, beschleunigt sich der negative Verlauf der "C". Das Leberzirrhose-Risiko ist dann extrem erhöht. Und deshalb wäre es äußerst wichtig, daß alle, die mit Hepatitis C angesteckt sind, sich vorbeugend gegen Hepatitis B impfen lassen. "Drogenabhängige sind eine Hochrisikogruppe für Hepatitis. Deshalb lautet unsere ganz klare Forderung: Diese Menschen müssen Zugang zu einer kostenlosen Impfung haben. Man muß ihnen das zur Verfügung stellen, was man ihren Sozialarbeiten ohne weiters zugesteht."
Bisher gibt es lediglich für die vom "Ganslwirt" betreuten Patienten einen kostenlosen Hepatitis B-Test und eine kostenlose Impfung - die Pharmaindustrie stellt für dieses begrenzte Projekt den betreffenden Impfstoff gratis zur Verfügung. Miarbeiter der Drogen-Koordination der Stadt Wien bemühen sich zur Zeit darum, daß eine solche Gratis-Vorbeugung allen Mitgliedern der Hochrisikogruppe gewährt wird.
In gewissem Sinn ist Hepatitis eine "soziale" Krankheit. Was Stratenwerth und Alex in ihrem Buch "Himmel und Hölle" (wir stellen es im Kulturteil dieser Ausgabe vor) konstatieren, nämlich daß es eigentlich nicht der Konsum von illegalen Drogen ist, der die Menschen zu Wracks macht, sondern die streßvollen Bedingungen des Straßenlebens, der Beschaffung und der Kriminalisierung, wird durch die Hepatitis-Erfahrungen bestätigt. Ein Drogenkonsument in sicherer sozialer Lage braucht kaum Angst haben, sich anzustecken - weil er eben nicht dreckige Spritzen, Nadeln oder Löffeln verwendet, weil er sich Piercings und Tatoos in professionellen Studios besorgt, weil er seriöse Zahnärzte aussucht, die ihre Geräte entsprechend sterilisieren, kurz: weil er sich aufgrund seiner privilegierten Lebensumstände nicht jenen Ansteckungsrisken auszusetzen hat, die für das "Leben am Karlsplatz" symptomatisch sind.