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AUGUSTIN-Verkäufer Ronny über Alkohol, Frauen und Kakteen

Ich liebe es, Dornen zu streicheln

Ohnen einen Groschen im Sack ging Ronny zur Caritas Bregenz. Die besorgte ihm eine Fahrkarte nach Wien. Hier lernte der Vorarlberger den AUGUSTIN kennen. Dank AUGUSTIN scheinen ein paar von Ronnys Träumen nun nicht mehr ganz so utopisch zu sein. Allen voran der Fernfahrertraum.
Ronny, Du bist AUGUSTIN- Verkäufer und kommst aus Vorarlberg. Du hast mir gesagt, für Dich ist Vorarlberg eigentlich gestorben. Warum?

Vorarlberg ist kein Land für einen wie mich. In meinem Zustand könnte ich nur schwarz arbeiten gehen. Ich werde von vorn bis hinten gepfändet und würde weniger verdienen als mit der Notstandshilfe. Ich habe geheiratet, habe ein Kind, muss Alimente zahlen und bin sehr hoch verschuldet, und ich bin nicht imstande, das mit regulärer Arbeit zurückzuzahlen.

Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?

Wie soll ich mir die vorstellen? Ich kann momentan mit dem AUGUSTIN leben. Ich kriege jetzt Notstandshilfe und habe einen Zusatzverdienst durch den AUGUSTIN. Also kann ich regelmäßig Geld auf mein Konto legen. Das rühr ich nicht an. Und mit diesem Geld will ich den LKW-Führerschein machen und dann wirklich fernfahren. Und ich weiß, Ende Juli, Anfang August ist es soweit.

Und wie bist Du genau zum AUGUSTIN gekommen?

Das ist eine lange Geschichte. In Vorarlberg ist mir alles über den Kopf gestiegen. Dann bin ich zur Caritas, keinen Schilling im Sack, habe dort den Helfer nach einer Fahrkarte nach Wien gefragt. Der hat gesagt: Was willst du in Wien? Sag ich: Einfach nur überleben. Er hat mir also eine Fahrkarte ausgestellt, ich bin runtergefahren nach Wien, hab zweihundert Schilling gehabt, damit hab ich - ich darf ja hier ehrlich sein, oder? - zehn Dosen Bier gekauft. Ich hab die Gruft gefunden, die erste Nacht hier geschlafen - und bin gleich gestorben. Also seelisch gestorben. Dann hab ich mir einen Park gesucht. Und dort hab ich Leute getroffen, die mich auf den AUGUSTIN aufmerksam machten. Und jetzt kann ich mir manchmal sogar das Wirtshaus leisten können. Und dann hab ich einen Bekannten getroffen, der hat gesagt: Weißt was, du kannst bei mir schlafen. Zuerst hab ich mir gedacht, okay, der ist schwul oder was. Aber es war ein ganz normaler Student, ein inzwischen ganz lieber Freund von mir. Und bei dem schlaf ich jetzt noch, muss keine Miete zahlen. Aber wir helfen uns gegenseitig aus.

Was brauchst Du noch um glücklich zu sein?

Einen Lotto-Sechser (lacht). Dann würde ich wahrscheinlich den Führerschein nicht machen, sondern einen LKW kaufen und den Führerschein dazu kaufen - was ja heutzutage auch möglich ist. Und dann würd’s wahrscheinlich kein Dosenbier mehr geben, sondern nur noch den besten Whiskey, den es gibt, und Champagner. Da bin ich ehrlich. Wenn ich keinen Lotto-Sechser mach, dann würde ich gerne eine Frau kennen lernen, die mich versteht und mein Leben. Bei mir kann’s allerdings passieren, wenn ich morgen aus dem Haus gehe, dass ich alles hinter mir lasse.

Du trinkst gerne, Du tanzt gerne, Du bist gerne alleine. Was machst Du noch gerne?

Das einzige, was mich in meinem Leben noch wirklich reizt, das ist das Reisen. Wohin ist egal. Am liebsten mit dem LKW alleine weg, ob das Holland, Frankreich, Spanien ist, das ist ganz egal. Nur lang weg und dann irgendwann mal zurückkommen mit meinen Freunden einen Abend lang zusammensitzen und dann gleich wieder weg. Das ist reizt mich. Ich hätte gerne eine Freundin. Aber mit den Frauen, die ich in Wien kennengelernt habe, funktioniert das nicht.

Wieso?

Ich hab nette Damen kennengelernt hier in Wien. Aber die meisten, die nett waren, waren verheiratet. Ich habe eine ganz nette Frau kennengelernt, eine aus dem Sozialbereich. Die kommt manchmal zu mir auf den Stammplatz rauf und dann gehen wir was trinken. Sie ist verheiratet, kennengelernt habe ich sie am Opferball. Am Anfang hab ich mir Hoffnungen gemacht, weil sie wirklich eine nette Frau ist. Aber sie hat gesagt: nein, nur Freundschaft. Und jetzt weiß ich, was sie gemeint hat mit Freundschaft. Und ich bin glücklich, sie als Freundin zu haben.

Wo verkaufst Du? Hast Du einen Stammplatz?

Ja, bei der Mariahilferstraße bei der Bawag, beim Flick-Flack.

Und wie geht’s mit dem Verkauf?

Wo ich jetzt bin, sind die Leute sehr nett. Und wenn die Leute einmal nicht nett sind, dann muss man darüber hinwegsehen, weil dann wissen sie nicht, worum es geht.

Worum geht’s beim AUGUSTIN?

Der AUGUSTIN ist für mich eine Arbeit wie jede andere. Ich muss genauso meine Stunden machen, auch wenn ich sie mir selber einteilen kann. Und da ist es so wie überall: Ich muss auch beim AUGUSTIN freundlich sein. Nur damit gewinne ich. Und da möchte ich danke sagen, den Wienern und Niederösterreichern, dafür, dass sie mir die Zeitung abkaufen. Weil sie wissen, dass sie damit den Obdachlosen helfen. Und sie helfen nicht nur mir, sie helfen auch allen anderen.

Was hast Du vor dem AUGUSTIN gemacht?

Ich war Hafner. Also Kachelofen und Fliesen. Irgendwann hab ich mitbekommen, dass mein Chef pleite macht. Ich brauchte Geld, um seine Firma zu kaufen. Und das Geld hätte ich von meinem Vater bekommen können. Doch er stellte die Bedingung: nur mit deinem Bruder. Okay. Wir haben die Firma gekauft Ein gutes Jahr hatten wir sie. Und eines Tages standen LKW vor der Tür, und die ganzen Stilkachelöfen wurden eingeladen. Da kam dann raus, dass mein Bruder die Firma verkauft hatte. Er hat sich immer um Geschäfte gekümmert und ich habe die Arbeit auf der Baustelle gemacht. Und als ich heimkam, hieß es, die Firma gibt es nicht mehr. Drei Monate später habe ich bei einer Versicherung angefangen, hab meine Frau kennengelernt, hab geheiratet und die Ehe war ein Jahr gut. Dann war die Tochter auf der Welt und wir waren schon wieder geschieden. In Bregenz hab ich einen kennengelernt, zufällig einen Wiener, der hat immer von einer Erbschaft geredet. Und eines Tages hat er wirklich einen Scheck gebracht. Dann hat er mir irgendwann hunderttausend Schilling gegeben und hat gesagt: Ich geh schlafen, pass mir drauf auf. Aber jetzt musst du dir vorstellen: Ich hatte keinen Schilling in der Tasche, aber Hunderttausend hinten drin. Ein bisschen betrunken war ich auch schon. Naja, ich bestellte ein Taxi und war weg. Drei Monate Ibiza. Nach den drei Monaten bin ich zurückgekommen, bin auf die Gendarmerie und hab gesagt: Ich glaub, ich werde gesucht. Und dann hab ich meine elf Monate gemacht. In meinen Augen war’s kein Verbrechen. Sogar der Richter hat zu mir gesagt: Nicht ich müsste verhaftet werden, sondern der andere. Aber die drei Monate Ibiza waren schön.

Und wie war die Zeit im Gefängnis?

Ja, also da versteht mich sicher keiner. Mir ist es nämlich super gegangen. Nur die erste Zeit war total beschissen. Du kennst dich nicht aus, du bist da irgendwie eingesperrt. Für mich waren es keine neuen Leute, ich hab die meisten von draußen gekannt. Vom Sehen her, nicht vom Umgang. Ich hab also gleich Kontakte gehabt. Ich hab gleich Arbeit bekommen, war gleich Freigänger, hab draußen wieder mein Bier gehabt, meine Zigaretten, ich hab sogar telefonieren dürfen, mir ist nichts abgegangen. Wie ich wieder in Freiheit und auf der Straße war, dachte ich mir: Im Häfen ist es mir besser gegangen. Teilweise. Allerdings, freiwillig gehe ich nicht wieder rein, das ist ganz klar.

Du hast erzählt, die erste Nacht in der Gruft bist Du seelisch gestorben. Was ist passiert?

Auch in der Gruft triiffst du viele nette Leute. Die haben mir gleich einen Platz gezeigt und haben gesagt, du kannst da bei der Tür schlafen, da bekommst du wenigstens Luft. Ich schlief also gleich bei der Eingangstür. Nur, die ganze Zeit das Ein- und Ausgehen, das ist der Horror. In der Früh stehst du auf und hörst gleich neben dir einen Rülpser. Da weißt du nicht, speibt er sich an oder speibt er sich nicht an. Am Ende musst du froh sein, wenn du zwei Stunden schlafen konntest. Das ist gewöhnungsbedürftig. Ich müsste drei Monate drin schlafen, damit ich mich daran gewöhnt hätte. Nichts gegen die Gruft, ich möchte nicht schimpfen, das Essen ist gut, wirklich alles okay. Aber das mit dem Schlafen haut nicht hin.

Was für eine Rolle spielt der Alkohol in deinem Leben?

Der spielt momentan eine riesengroße Rolle. Ich trinke Bier. Keinen Schnaps. Nur: Wenn ich jetzt im Juli den Führerschein hab, dann ist der Alkohol total tabu. Und zwar von Heute auf Morgen. Das hab ich schon einmal gemacht und es hat funktioniert. Kann sein, dass ich dann einmal alle drei Monate einen Vollrausch hab, aber dazwischen ist mir ein Mineral oder ein Cola genauso gut.

Bist du eher ein Genusstrinker?

Ja. Ich könnte doch sonst nicht AUGUSTIN verkaufen. Wenn ich jeden Tag total fett wäre, dann kauft mir keiner einen AUGUSTIN ab. Und die Leute schauen ja auf das. Fast jeder von uns AUGUSTIN-Verkäufern trinkt. Weil er im Leben ein Missgeschick gehabt hat oder weil er enttäuscht worden ist oder weil er selber enttäuscht hat - wie ich. Ich habe enttäuscht. Der Frust muss runtergetrunken werden. Doch sobald dem Betroffenen ein Glücksgefühl widerfährt - wird er aufhören zu trinken. Davon bin ich überzeugt. Und das gilt für jeden.

Was hast du noch gerne?

Blumen, Tiere. Eine Nelke z.B. Das ist eine wunderschöne Pflanze. Und du wirst jetzt lachen, aber ich liebe sogar den Kaktus. Ich liebe es, seine Dornen zu streicheln. Das kann sich ein anderer gar nicht vorstellen. Ich fahr gerne so am Kaktus entlang. Ja, wirklich. Das ist eine wunderschöne Pflanze. Und du kannst mit ihr reden. Eine Pflanze versteht mehr als der Mensch.

Was sind deine Lieblingsgespräche mit Kakteen?

Ganz einfach. Wie geht’s dir, wie hast du den Tag verbracht. Ganz normale Gespräche. Ich hab drei daheim und ich red mit ihnen. Wenn ich abends heim komme, dann red ich mit ihnen. Ja, jetzt könnt ihr mich für deppert halten, aber wegen dem Gespräch werde ich sicher nicht auf die Baumgartner Höhe kommen.

Hast du auch Namen für deine Kakteen?

Ja. Bertram, Hansi und Franz.

Wie unterscheiden sich die voneinander?

Ganz einfach. Der Bertram ist leicht gekrümmt, der Hansi hat zwei Stelzen und der Franz hat ganz lange Stacheln. Die sind wie Kinder zu mir.

Und warum Nelken?

Der Duft und die Freude am Schenken. Ich schenke keine Rosen, sondern nur Nelken. Rosen schenkt jeder. Und auch wenn ich selber Blumen bekomme: Ich ziehe Nelken vor.

Die Fragen stellte Christina Steinle für Radio Augustin.

Referenzen:

Jahr 2000: 55 - 05/2000
Texttyp: Interviews
Thema: Prekariat

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