Nein, sie ist Teil eines Forschungsprojekts, das am Institut läuft und auf zwei Jahre angelegt ist. Zum Forschungsprojekt gehört auch ein Internetworkshop, bei dem es um die Situation des Teleworking, Homeworking geht - also wie Freizeit und Arbeit ineinander fließen bei Arbeiten am Computer und im Internet. Dann gehört die Anthologie dazu, die jetzt zeitgleich mit dem Eröffnungsdatum der Ausstellung erschienen ist, also Texte von Schriftstellern und Essayisten zum Thema "kleine Freuden des Alltags". Was noch dazu gehört ist ein Workshop, der im November hier im Museum laufen wird, und zwar zum Zusammenhang Arbeit und Freizeit in Hinblick auf eine zeitgemäße Freizeitforschung. Die Fragestellung: Wie kann man so was wie Arbeits- und Freizeitforschung zusammenführen? Die beiden werden immer künstlich getrennt, trotz des großen Zusammenhanges. Und das Hauptstück ist eben die Ausstellung. Wir sind mit der Idee an das Museum herangetreten und haben relativ schnell Resonanz gefunden.
Haben Sie bewußt auf europäischen Müßiggang geschaut?
Die Ausstellung ist auf zweierlei ganz konkret beschränkt. Bei "nichts tun" haben wir uns auf die positiven Seiten beschränkt. Man könnte ja in diesem Zusammenhang auch Arbeitslosigkeit zum Thema machen, krank sein u.ä. Wir haben uns sozusagen auf jene Möglichkeiten des "nichts tun" beschränkt, die kleinen Fluchten darstellen, Auszeiten - das haben wir zum Thema gemacht. Und gleichzeitig - bewußt in eurozentristischer Blickweise – jene Formen des "nichts tun" untersucht, wie sie sich im Zusammenhang und in den Traditionen einer Großstadt wie Wien finden lassen. Die Ausstellung ist also nicht nur eurozentristisch, sondern auch ganz stark auf Wien bezogen. Das ist eine bewußte Einschränkung, weil eben z.B. ein Kulturvergleich sehr viel größer angelegte Perspektiven erfordern würde. Allein die Annäherung, wie denn "nichts tun" in anderen Kulturen aussieht, was als "nichts tun" überhaupt beschrieben wird, welche Wörter es dazu gibt, welche Bilder, das alles würde einen ganz anderen Ansatz erfordern.
Warum haben Sie die Liebe als Weise des "nichts tun" ausgeblendet?
Mit dieser Frage haben wir gerechnet. Wir haben sehr lange das Thema Erotik drinnen gehabt, und zwar in Zusammenhang mit Süßem. Erotik und Süßes ist z.B. im Film oft ganz nah beieinander. Wir haben das dann doch ausgeblendet, weil wir dann eigentlich noch mal in ein ganz anderes, weiteres Thema hätten einsteigen müssen. Also haben wir es mit Andeutungen am Rande belassen: dort, wo es um Genießen geht, um Essen, den Zusammenhang von Müßiggehen und Lesen, mit dem Buch allein sein, mit dem Buch ins Bett gehen, aber auch gemeinsam lesen.
Welche Begriffe haben Sie noch ausgeblendet?
Grundsätzlich haben wir die negativen Seiten ausgeblendet. Nur mit dem Warten, das ja sehr doppeldeutig ist, d.h. es kann auch negativ besetzt werden, haben wir uns ganz bewußt an den Rand der Ausstellung begeben. So was wie Langeweile haben wir ausgeblendet. Langeweile kann ja auch positiv sein. Vor allem Künstler versuchen, den Begriff positiv zu besetzen. Im Alltag gilt Langeweile als etwas, was bei Jugendlichen, Kindern oder auch bei Erwachsenen als Fadess gefürchtet ist. Oft wird argumentiert, daß wir alles, was wir in der Freizeit tun, nur als Strategie gegen die Langeweile tun. Wir haben das ausgeblendet, weil wir diese klassischen Klischees (Langeweile vorm Fernseher z.B., diese berühmten Bilder von den Couch-Potatoes) nicht wollten.
Wenn ein Sandler auf der Straße nichts tut, dann ist das was anderes, wie wenn ein König nichts tut. Wie sehen Sie diese "Ordnung?"
Wenn man so will, ist diese Ausstellung eine subjektive Auswahl. Vier Personen aus einem bestimmten Milieu, also dem akademischen Umfeld, haben sich Begriffe des "nichts tun" herausgesucht und haben die dann bearbeitet. Uns ist klar, daß jeder, der in die Ausstellung geht, andere Facetten des "nichts tun" kennt. Nicht nur nach z.B. beruflicher Situation, nach materieller Situation, sondern auch nach der Biographie. Jugendlichen wird zu einem bestimmten Zeitpunkt eher dieses "nichts tun" zugestanden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt, wenn sie dann zu lange herumhängen, kritisiert man sie dafür. Beim Sandler wird den Passanten schon immer vor Augen geführt, daß es sich hier um ein erzwungenes "nichts tun" handelt. Ich denke, daß in der Abwehr von Sandlern sehr stark auch eine Abwehr gegen die Angst, auch selbst Sandler zu werden, steckt. Daß man also das erzwungene "nichts tun" nicht akzeptieren kann, weil es einem durchaus nahe geht. Sehr viele Menschen fühlen sich von diesem erzwungenem "nichts tun" bedroht. Was anderes ist es mit diesem demonstrativen "nichts tun". Wenn Sie sich die Zeit nehmen, in den verschiedensten Fußgängerzonen der Stadt die Menschen zu beobachten, finden sie die Milieus, die sich demonstrativen Müßiggang leisten können. Das sind ältere Damen, eigentlich immer kleinere Gruppen, die einen bestimmten sozialen Status zeigen. Es ist eine Status ohne Prestige. Um Prestige zu zeigen, ist es wichtig, zu zeigen, daß man gebraucht wird - denken Sie an die Benützung des Handys, das ja genau dafür steht, daß man immer aktiv und gefragt ist. Demonstrativer Müßiggang ist heute in unseren Straßen sicher weniger zu finden als z.B. um die Jahrhundertwende.
Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben dazu geführt, daß "nichts tun" so negativ besetzt ist?
Das hat zunächst damit zu tun, was man den Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft nennt. Also eine ganz andere gesellschaftliche Gruppe versucht gegenüber dem Adel, der Obrigkeit, eine neue Stellung zu erringen. Da spielt eine wesentliche Rolle, wie das Bürgertum Arbeit als Abgrenzung gegenüber Freizeit definiert. In den Jahrhunderten vorher, bis ins 18. Jahrhundert, gibt es so was wie eine Denkform "Freizeit" überhaupt nicht. Freizeit, wie wir jetzt darüber denken, hat eng mit dem Arbeitsbegriff zu tun. Und dieser Arbeitsbegriff verändert sich im Laufe des 19. Jahrhunderts: Was wir unter Arbeit kennen, verdichtet sich immer mehr. Wenn wir von Arbeitszeiten im 19. Jahrhundert hören, sind wir immer erstaunt: so lange Arbeitszeiten pro Tag! Tatsächlich ist es aber so, daß heute intensiver gearbeitet werden muß, auch wenn wir weniger Stunden arbeiten. Was also zugenommen hat, ist die Arbeitsdichte - und gleichzeitig die Angst, Arbeit zu verlieren. Arbeit spielt in unserem Denken eine immer zentralere Rolle. Wie wir uns als Menschen definieren, wie wir in unserem sozialen Umfeld stehen, das hat zentral mit Arbeit zu tun - nach wie vor. Auch wenn man von "Freizeitgesellschaft" spricht. Wer Freizeit als Aktivität betreiben will, der braucht immer auch, um sich selbst definieren zu können, Arbeit dazu. Freizeit läßt sich ohne Arbeit nicht denken. Und wenn Arbeit wegfällt, fällt ja auch so was wie die Idee von Freizeit weg. Es wird ja immer in den Zeitungen als etwas ganz Skurriles behandelt, daß Arbeitslosen Urlaub zusteht. Tenor: Die haben ja ohnehin immer Freizeit, warum bekommen die gesetzlich Urlaub zugestanden? Und daran merkt man, wir denken immer Freizeit in Hinblick auf Arbeit und umgekehrt, das ist ganz eng verzahnt. Und in dem Moment, wo Arbeit wegfällt, können wir auch eigentlich legitimer Weise keine Freizeit mehr einfordern. Deshalb auch unsere Idee, die Disziplin Arbeitsforschung und die Disziplin Freizeitforschung stärker zusammenm zu bringen, um konkreter verstehen zu können, warum sich z.B. Menschen in der Freizeit in solchen Aktivitätszwang bringen, noch aktiver sind als in derArbeitszeit.
Wie konnte man diese Forschungsrichtungen überhaupt entkoppeln?
Von der Entwicklung dieser Spezialdisziplinen denke ich, daß das parallel zum Leben läuft: Auch im Alltag denken wir ja zunächst Arbeit und Freizeit entkoppelt. Oder sogar als Gegensatz. Das hat eben mit dieser Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zu tun, die Arbeit als Selbstzweck ganz oben ansetzt und Freizeit als Restzeit versteht. Und es ist ganz interessant, wie sich diese Disziplinen in der Soziologie oder im Bereich der geschichtswissenschaftlichen Forschung entwickelt haben. Zunächst geht´s um Arbeit. Das entwickelt sich sehr früh als besondere Disziplin. Freizeitforschung ist was jüngeres, sehr stark besetzt durch die Tourismusforschung, also durch die große Freizeit der Reise. Oftmals sind Schriften zur Freizeit sehr pädagogisch, also Anleitungen, wie die Freizeit von jugendlichen "sinnvollerweise" aussehen soll. Wissenschaftskultur ist ja nicht unabhängig von der Alltagskultur.
Ist Freizeit Arbeit, die nur vom offensichtlichen Nutzen abgekoppelt ist?
Freizeit, wie sie jetzt verbracht wird, wird sehr stark mit Aktivität verbunden und mit allen möglichen Arbeitsformen, Terminplänen, mit Wettbewerbsgedanken, schon mit einer Art von Nützlichkeit. Nehmen Sie das Geschäftsessen: Das ist eine ganz typische Verbindung, das Nützliche mit dem Schönen zu koppeln. Und auf Geschäftsessen werden ja wirklich ganz wichtige Abschlüsse getätigt, Absprachen gemacht. Das heißt: Freizeit ist in hohem Maße vom Effizienz- und Nützlichkeitsgedanken geprägt. Wenn wir dann versuchen, "nichts zu tun" - und ich sag bewußt: versuchen, - dann werden wir immer wieder an bestimmten Punkten eingeholt. Zigarre rauchen z.B. ist ein Zeremoniell des Genießens. Man braucht dazu etliche Requisiten, man muß die Geschichte des kubanischen Zigarre kennen, um sie auch richtig genießen zu können, und - das ist ganz wichtig - man raucht diese Zigarre nicht nur für sich, man zeigt vor anderen, daß man genau dieses Zeremoniell beherrscht. Und damit rutscht man schon wieder in das hinein, was unseren Alltag insgesamt prägt, nämlich unter anderem in den Wettbewerb und in den Versuch der Abgrenzung gegenüber anderen.
Für mich hat diese ganze Reglementierung der Freizeit auch eine gefährliche Seite, nämlich daß die Leute nicht mehr Muße haben und dadurch nicht reflektieren. Weil Reflektieren kann man eben nur, wenn man sich Zeit dafür nimmt und Muße hat. Die Leute kommen nicht mehr zum Denken.
Die Frage ist, ob ihnen die Zeit genommen wird oder ob sie sich die selbst nicht geben. Die Frage können wir nicht beantworten, aber sie stellt sich trotzdem: Warum stürzen sich die Leute in diese Freizeitaktivität? Vielleicht aus Angst davor, sich wirklich mit sich selbst zu befassen, sich mit ihrer Situation auseinandersetzen zu müssen? Es gibt bestimmte Situationen im Leben, in denen man ganz froh ist, durch Arbeit so beschäftigt zu sein, daß man nicht weiter nachdenken muß - in Zeiten von Trauer z.B. Das Thema taucht im Zusammenhang mit dem Begriff Langeweile auf. Wir versuchen dieser Langeweile zu entkommen. Das Wort Langeweile kann man aber auch auseinandernehmen: eine lange Weile. Das könnte ja auch positiv sein. Aber es gibt eben sehr viel Angst vor dieser Langeweile.
In welchem Teil des Ausstellung setzen Sie sich mit dem Begriff Arbeitsmythos auseinander?
Das tun wir an der Stelle, die wir intern als Schleuse bezeichnet haben. Nach der Einführung gehen wir in zwei Themeninseln auf diese Problematik ein, beim Thema des "Blaumachens" und beim Thema "Pausieren". Im Blaumachen, das ja ganz verschiedene begriffliche Stränge aufweist, haben wir uns auf einen konzentriert. Wir haben versucht zu zeigen, wie der "blaue Montag" als Gewohnheitsrecht der Gesellschaft bereits ab dem 16. Jarhundert unter Beschuß gerät von Seiten der Meister, wie sie versuchen, dieses Gewohnheitsrecht abzuschaffen, wie Arbeit immer mehr geregelt wird und gleichzeitig immer auch die Freizeit. Es gibt immer diese Verbindung. Wir haben ja im Kopf, daß Arbeitszeitenregelung etwas Positives ist. Wir versuchen in der Ausstellung zu zeigen, daß mit diesen Regelungen gleichzeitig die Freizeit reglementiert wird. Das Gewohnheitsrecht des "blauen Montags" verschwindet dann im Laufe dieser Formalisierung der Arbeitszeiten. Und mit dem Pausieren zeigen wir, wie zwar Pausen eingeräumt werden von den Arbeitgebern und auch die Arbeitszeiten immer flexibler werden, wie aber gleichzeitig der Nützlichkeitsaspekt zunehmend in die Pausen einfließt. Wir wissen z.B., daß wir in den Pausen gesundes Essen einnehmen sollen, nicht Junk Food, oder wie wir - das legen Büromöbelhersteller nahe - die Pause sinnvoll nützen sollen, um uns fit zu halten. Da wird die Pause schon wieder besetzt mit dem Nützlichkeitsgedanken. Aber es gibt Möglichkeiten, wie man sich selber austricksen kann, und das wollen wir auch zeigen. In der ganzen Ausstellung versuchen wir zu zeigen, daß wir von dem Nützlichkeitsgedanken eingeholt werden und gleichzeitig aber sehr wohl immer wieder Chancen für solche Auszeiten finden. Also wir schaffen es andererseits durchaus, Zeit zu stehlen und Zeit zu nehmen, und diese Ambivalenz durchzieht die ganze Ausstellung.
Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen für eine Pause, die funktioniert?
Wir versuchen, eine sozialwissenschafltiche Studie dazu zu machen: Wie gelingt es Menschen, sich "unter der Hand" ihre Auszeiten zu nehmen? Wie gelingen ihnen diese notwendigen Regelverstöße? Und dabei sind wir überhaupt nicht weitergekommen. So gut wie niemand war bereit zu erzählen, wie er sich seine kleinen Auszeiten nimmt. Wir haben nur Rechtfertigungsgeschichten gehört. Der Großteil hat gesagt: Sowas mache ich nicht. Also ich arbeite immer konzentriert, und daß ich einen Vormittag mal versumpere, das passiert mir nicht. Und dann haben wir versucht, uns selbstironisch bei der eigenen Nase zu packen. Wir haben uns selbst gefragt. Das waren die Texte in der Ausstellung, für die wir am längsten gebraucht haben, weil wir auch selbst Schwierigkeiten hatten ehrlich zu sein. Ein Beispiel: Die Graphikerin erzählte, wenn bei ihr nichts vorwärts gehe oder wenn sie einfach keine Lust habe, dann sei der Blick aus dem Fenster für sie etwas, wo sie davon driftet, in Tagträume verschwindet. Und diesen Blick aus dem Fenster hat sie dann graphisch umgesetzt und einen Text dazu geschrieben. Das ist für sie etwas, wo sie aussteigt aus allen Überlegungen. Wenn sie sich diese Zeit nimmt, dann ist es bestimmt so, daß sie danach besser arbeitet und kreativer sein kann. Sie tut´s aber in dem Moment nicht in Hinblick auf das Kreativsein. Das ist das Wesentliche. Die Idee, am Arbeitsplatz in der Mittagspause zu turnen oder Gymnastik zu machen, ist dagegen in Effizienz-Denken eingebettet: fit for business. Wir zeigen, was wir ohne diesen Hintergedanken an Auszeiten nehmen.
Warum fällt es uns so schwer, diese Auszeiten zu nehmen?
Es fällt uns nicht nur schwer, es fällt uns immer schwerer, weil der Tempodruck und die Arbeitsdichte zunimmt. Die Rechtfertigungsgeschichten werden zunehmen, es wird immer schwerer werden, das zuzugeben. Wir wissen, jeder der arbeitet, ist privilegiert, weil er arbeiten kann, womöglich sogar in einem Beruf, der ihm Spaß macht. Und je mehr das der Fall ist, desto schwerer werden wir das zugeben können. Das schlechte Gewissen wird zunehmen. Es wird uns ja permanent erzählt, daß wir flexibel bleiben sollen, daß wir "immer dran bleiben" sollen. Im Grunde genommen ist jedes Atemschöpfen, jede Pause ein enormer Luxus, den sich bestimmte Milieus leisten können. Ein Aufsichtsratsvorsitzender wird wahrscheinlich kein Handy haben, weil der wieder zeigen kann, daß er das nicht nötig hat. Aber das ist wirklich nur noch bestimmten Milieus und in sehr hohen Positionen möglich. In mittleren Positionen, wo man früher ganz anders gesichert war, denken Sie an Banken, steht man inzwischen unter einem enormen Druck: Was wird mit der Firma als nächstes passieren? Und da wird man natürlich nicht zugeben, daß man sich da den Blick aus dem Fenster gönnt oder den Spaziergang oder die Moorhuhnjagd am Computer. Das wird einfach immer mehr tabu sein.
In einem Aufsatz in Ihrer Anthologie heißt es : Vielleicht sollten wir die Werbung ernst nehmen, wenn sie sagt, lassen Sie sich gehen, nehmen Sie sich Zeit.
Ich denke auch, daß die ganze Wortwahl der Werbung und die Bilder in der Werbung darauf hinweisen, daß "nichts tun" ein enormer Luxus ist. Wichtig ist, zu sehen, daß "nichts tun" gelebt wird, daß jeder seine kleinen Fluchten kennt.
Können Sie sich vorstellen, daß sich der Arbeitsbegriff ändern könnte, z.B. durch so etwas wie eine Grundsicherung?
Ich verfolge die Diskussionen über Bürgerarbeit, also über nicht bezahltes Arbeiten, und die Versuche, den Arbeitsbegriff zu ändern, seit ungefähr zehn Jahren. Nur sehe ich eigentlich keine Änderung in der Gesellschaft. Es gibt einerseits die arbeitskritische Diskussion - und auf der anderen Seite bleibt Arbeit extrem wichtig, wenn man in der Gesellschaft eine Position finden will, wenn man sich selbst definiert. Und von daher denke ich, daß die Entkoppelung Arbeit - Verdienst sicherlich extrem schwer wird. So etwas wie die materielle Grundsicherung dürfte in Zukunft für unsere Gesellschaften schwer zu realisieren sein, von der Finanzierbarkeit dieser Modelle her. Solange das aber nicht geschieht, wird es keinen anderen Arbeitsbegriff geben. Da müßte von gesellschaftlicher und staatlicher Seite was passieren. Was sich aber abzeichnet ist, daß die Schere immer weiter auseinander klappt zwischen denen, die gut verdienen und viel Arbeit haben und denjenigen, die wenig Arbeit haben oder gar nicht mehr verdienen. Insofern ist die Grundsicherung eine schöne Utopie, aber ich sehe eigentlich nicht, daß sie eingelöst werden kann. Wie die Politik jetzt läuft, setzen sich Lobbys durch. Und es ist so, daß vor allem die Lobby der Wirtschaft auf die Entwicklung von Politik Einfluß nimmt. Die Wirtschaft aber hat kein Interesse an einem neuen Arbeitsbegriff . Wenn Sie sich die neuen Zweige anschauen, wie Softwareentwicklung, dann läuft genau diese Art von Arbeit auf eine unheimliche Auspowerung hinaus. Man geht davon aus, daß innerhalb von fünf Jahren junge Leute wirklich fertig sind, nicht mehr kreativ sein können. Und von daher ist von Seiten der Wirtschaft sicherlich kein Anschub in Richtung neuer Arbeitsbegriff zu erwarten. Das klingt zwar sehr pessimistisch, aber ich seh’s einfach nicht.