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"Klub jüdischer Gastarbeiter" blieb Episode

Der Wiederaufbau des Ottakringer Settlements nach 1945

Von London aus verbreitete sich vor 100 Jahren die Idee der Settlements Nachbarschaftszentren in Armenvierteln auch nach Wien. Zwischen Jahrhundertwende und Zwischenkriegszeit, siehe Ausgabe Nr. 149, fungierte das Ottakringer Settlement als eine Art frühe NGO für Obdachlose und andere VerliererInnen. Die Folgegeschichte in Nr. 150 behandelte die Demontage des Sozialprojekts durch die Nazis. Um den Wiederaufbau nach dem Krieg und das endgültige Aus geht es im dritten Teil der Dokumentation.

Der Wiederaufbau des Settelements begann unmittelbar nach Kriegsende. Bereits im Mai 1945 trafen sich ehemalige SettlementmitarbeiterInnen wieder. Die konstituierende Ausschuss-Sitzung des Vereins fand am 7. Juni 1945 statt. Die Anstrengungen der ersten Nachkriegsjahre konzentrierten sich dabei in dieser Reihenfolge auf zwei Schwerpunkte. Erstens: Die praktische Settlementarbeit sollte möglichst rasch wieder aufgenommen werden; zweitens: Man bemühte sich, die Häuser des Ottakringer Settlements wieder in den Besitz des Vereins zu bekommen.

Die Gebäude waren mit der erzwungenen Vereinsauflösung 1938 von der NSDAP enteignet und im Jahr 1940 an Private verkauft worden. Im Sommer 1945 befanden sich im ehemaligen Settlement neben einer im Jahr 1939 eingezogenen Firma für Strickwaren-Erzeugung auch Mietparteien, die unmittelbar nach Kriegsende in die von der NSDAP verlassenen Räume gezogen waren und die erst Anfang der Fünfzigerjahre wieder auszogen. Nach langwierigen Bemühungen gingen die Gebäude schließlich im Jahr 1950, beschädigt und ohne Mobiliar, wieder in den Besitz des Settlements über. Doch ungeachtet dessen, dass sich die Verhandlungen über den materiellen Besitz des Settlements in die Länge zogen, wurde mit der praktischen Arbeit bereits Anfang August 1945 wieder begonnen. Die Schwierigkeiten, die sich diesem Unternehmen entgegenstellten, waren ungeheuer, galt es doch in einer halb zerstörten Stadt, ohne Licht, Gas und Wasser und beinah ohne Verkehrsmittel durch wenige Menschen die Arbeit aufnehmen zu lassen, die bis 1938 von Else Federn und ihrem wohlgeschulten Stab an Mitarbeitern geführt worden war, heißt es in einem Rückblick aus dem Jahr 1951. Eine treibende Kraft dahinter war Frau Hilde Bachheimer. Sie hatte bereits vor dem Krieg im Settlement mitgearbeitet und mit ihrem Mann schwer erziehbare Kinder betreut und später die Leitung der von den Mittelschülerinnen initiierten Mädchenherberge übernommen. Im Sommer 1945 wurde sie zur pädagogischen Leiterin des Settlements ernannt und betreute in diesem ersten Nachkriegssommer gemeinsam mit drei jungen Frauen, ehemaligen Settlementkindern, als freiwilligen Helferinnen an die 50 Kinder. Die Kindergruppen trafen sich in einem zur Verfügung gestellten Lokal in der Degengasse, die Ausspeisung erfolgte in einer Arbeiterwerksküche in der Nähe. Erst im September 1945 konnten die ersten Gruppen in einige Räume des Settlements umziehen.

Ein wichtiger Teil der finanziellen und materiellen Unterstützung kam in der ersten Zeit nach Kriegsende vom Ausland, sei es durch ausländische Hilfsorganisationen, sei es durch Spenden von vertriebenen SettlementmitarbeiterInnen in den USA, Argentinien, England und Australien. Doch auch in Österreich verbliebene bzw. zurückgekehrte ehemalige Mitglieder des Settlements halfen, so beispielsweise Hugo Bunzl, ein jüdischer Geschäftsmann, der das Settlement bereits vor dem Krieg lange Jahre unterstützt hatte.

Schwedenhilfe, Schweizerspende und andere Kampagnen

Die Ausspeisungen der ersten Nachkriegsjahre an Kinder und Ältere wurden von der Schwedenhilfe, der Schweizerspende und per Unterstützung durchs dänische Settlement ermöglicht. Die bei den Weihnachtsfeiern verschenkten Kleidungsstücke für Kinder kamen aus schweizerischer und amerikanischer Hilfe. Der American-Childrens Friendship-Fund half beim Wiederaufbau der Ferienkolonien des Settlements. Auf die materielle Not von Kriegswitwen und Kriegswaisen in den Nachkriegsberichten wurde immer wieder hingewiesen. Im Dezember 1947 vermittelten die Quäker eine Hilfsaktion, bei der Frauen bezahlterweise aus Stoffresten Hausschuhe anfertigten.

Die ersten Gruppen, die sich nach den Kinderbetreuungsgruppen wieder formierten, waren Frauen- und Müttergruppen. Der bei der konstituierenden Ausschuss-Sitzung im Juni 1945 diskutierte Plan, im Settlement fürs erste ein Erholungsheim für heimkehrende KZler zu errichten, tauchte in der Folge nicht mehr auf. Ein erster großer Frauennachmittag mit ca. 100 Frauen fand im November 1945 statt. Besonders bemüht war man im Settlement um die Einrichtung von Jugendlichentreffen. Die Notwendigkeit, sich besonders der durch die jahrelange Nazipropaganda beeinflussten Jugend anzunehmen, war bereits Anfang August 1945 auf einer Ausschuss-Sitzung diskutiert worden. Unser Ziel ist, die ungünstige Beeinflussung der Jugend durch die NSDAP durch eine Erziehung im allgemein menschlichen Geiste zu ersetzen und dazu ist die Mitarbeit der Jugend selbst unerlässlich.

Die Wiederanknüpfung internationaler Kontakte erfolgte ebenfalls in den ersten Nachkriegjahren. Wichtig waren der Wiedereintritt in die International Federation of Settlements (IFS) im Jahr 1947 und die Teilname an der ersten Nachkriegstagung der Organisation in Amsterdam im Juni 1952. In den folgenden Jahrzehnten leisteten Tilly Kretschmer-Dorninger und später ihre Tochter und Nachfolgerin Fleur Kretschmer-Dorninger als Arbeitsleiterinnen des Settlements wichtige Arbeit in Wien und im internationalen Bereich.

Nachdem die Vereinten Nationen einen Hauptsitz in Wien errichtet hatten, wurde das Wiener Settlement mit der Vertretung des IFS als akkreditierte NGO bei der UNO betraut. In Ottakring blieb das Settlement ein wichtiges Nachbarschaftszentrum, in dem sich weiterhin verschiedenste Gruppen trafen. Ein neuer Schwerpunkt, der sich seit Beginn der Siebzigerjahre herausbildete, war die Arbeit mit Kindern von MigrantInnen, die zuerst über den Lernhort mit dem Settlement in Kontakt kamen. 1972 wurde ein Klub jüdischer Gastarbeiter gegründet, der allerdings schon nach einem Jahr wieder geschlossen wurde. Seit den Sechzigerjahren arbeitete das Settlement auch mit der Lebenshilfe zusammen. Im Settlement wurden für die Lebenshilfe geschützte Werkstätten für geistig und körperlich behinderte Jugendliche eingerichtet. Eine wechselvolle und konfliktreiche Geschichte erlebte das im Settlement befindliche Theaterstudio.

Manner, Meinl, Almdudler und andere Förderer

Die Frage der Finanzierung des Settlements war selbstverständlich in all den Jahren ein wichtiges Thema des Vereins. Immer wieder wurde davon berichtet, dass geplante Projekte aus Geldmangel nicht bzw. nicht im gewünschten Ausmaß durchgeführt werden konnten. Als SponsorInnen in Form von Sachspenden scheinen Ende der Siebzigerjahre Firmen wie Manner, Meinl und Almdudler auf. Die American Womens Association, wohl ein Kontakt aus der Nachkriegszeit, unterstützte das Settlement auch in den Siebzigerjahren noch mit großzügigen Spenden. Die größten GeldgeberInnen der Nachkriegszeit waren jedoch öffentliche Stellen wie die Gemeinde Wien, das Bundesministerium für Soziale Verwaltung und das Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz, aber auch die Kammer für Arbeiter und Angestellte.

Dass das Ottakringer Settlement nach seiner Zerstörung und der Verfolgung vieler seiner MitarbeiterInnen und mancher seiner BesucherInnen durch die NationalsozialistInnen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde, ist der Hartnäckigkeit und Ausdauer ehemaliger SettlementmitarbeiterInnen und -besucherInnen zu verdanken. Dieser Wiederaufbau eines um 1900 gegründeten Frauenprojekts stellt eine Besonderheit dar. In der Nachkriegszeit versuchte das Settlement, Jugendlichen, die während der Nazizeit aufgewachsen waren, ein anderes Menschenbild und eine offene Weltsicht zu vermitteln. Es wurde ein Treffpunkt für Ältere, MigrantInnen und behinderte Menschen. Die letzte Einrichtung, die bis 2003 bestand, war ein Kindergarten. Dass das Settlement seine Pforten im Herbst 2003, über einhundert Jahre nach seiner Eröffnung, schloss, bedeutet nicht nur einen Verlust für Ottakring, sondern auch einen Ort weniger für eine Idee der Begegnung und der Gemeinschaftlichkeit unterschiedlicher Menschen, wie sie Else Federn zeitlebens vertreten hat.

 
Info:
Die Studie zum Ottakringer Settlement, die im Augustin auszugsweise in einer 3-teiligen Serie im Erstabdruck veröffentlicht wurde, wird Ende 2005 in der Edition Volkshochschule als Buch erscheinen.

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