„Lebensnaher“ Schulunterricht – der Begriff scheint etwas daneben gegriffen zu sein, wenn es um ein Friedhofs-Projekt geht. Für unseren Fall stehen uns ja noch die Variationen „praxisnah“ oder „wirklichkeitsnah“ zu Verfügung. Schüler und Schülerinnen des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums pflegten auf dem Wiener Zentralfriedhof vernachlässigte jüdische Grabstätten.
Für die Jugendlichen bildet diese Exkursion die Abschlussveranstaltung einer intensiven Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus. Mit ihrem Geschichtslehrer Bernhard Golob sind sie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit durchaus auch außerhalb der Schulmauern angegangen. Gespräche mit einem Zeitzeugen und das eigenständige Sammeln von Informationen waren die Vorbereitung für die Hauptveranstaltung des vergangenen Semesters: Die Klasse reiste im April nach Polen und nahm am „March of Remembrance and Hope“ von Auschwitz nach Birkenau teil (Information siehe Kasten).
Jetzt stehen und sitzen die Schülerinnen und Schüler vor den Gräbern von Schnitzler und Torberg, während sie Details zu den unterschiedlichen Bauweisen und dekorativen Elemente der jüdischen Grabstätten erfahren. Sie wirken motiviert, kein Handy nervt.
„Meine Schülerinnen und Schüler sind sehr an der Materie interessiert. Während des Unterrichts und der verschiedenen Veranstaltungen habe ich immer wieder ihre Betroffenheit gespürt, und auch auf dem Marsch der Überlebenden haben sie sich würdig verhalten“, resümiert Bernhard Golob seine Erfahrungen des zu Ende gehenden Schuljahres.
Robert Streibel klärt inzwischen unter anderem das Rätsel, warum Mr. Spock im Raumschiff Enterprise mit seltsam gespreizten Fingern grüßt: Mit seiner besonderen Fingerhaltung zollt Leonard Nimoy seinem jüdischen Großvater Tribut, mit dem er als Kind die Synagoge besuchte. Dieselbe Fingerhaltung sieht man auch auf einigen Grabsteinen: sie stellt die Gebetshaltung jüdischer Priester dar und symbolisiert einen Segensgruß.
Dem Historiker ist es wichtig, den Jugendlichen mit griffig erzählten Geschichten und Anekdoten die Mythen, Symbole und Gebräuche des Judentums rund um den Tod näher zu bringen, bevor es mit Spachtel und Gartenschere daran geht, von Efeu und Wildem Wein überwucherte Grabsteine freizulegen.
Im Gegensatz zu christlichen Friedhöfen werden jüdische prinzipiell „für die Ewigkeit“ angelegt und werden nicht aufgelassen („enterdigt“ werden die sterblichen Überreste eines Menschen nur für eine Überstellung nach Israel). Für die meisten Gräber auf dem jüdischen Friedhof des Wiener Zentralfriedhofs gibt es keine Nachkommen, die die Grabpflege übernehmen könnten. Weder die Friedhofsverwaltung noch die Israelitische Kultusgemeinde haben dafür, abgesehen von den Ehrengräbern, ausreichend Budget und freie Kapazität.
Während vereinzelte Stimmen die Versunkenheit des jüdischen Friedhofs in seiner verwahrlosten Form als mehr zu Herzen gehendes Mahnmal betrachten, will die Israelitische Kultusgemeinde „die Geschichte lesbar machen“. Grabsteine sollen freigelegt, aber in ihrer ursprünglichen Form belassen werden. Die Unterstützung durch freiwillige Helfer ist daher dringend notwendig.
Nach Streibels theoretischer Einführung werden Handschuhe ausgepackt und Werkzeuge verteilt. Nur ein kurzer Spaziergang durch eine schattige Allee mit überwältigendem Lindenblütenduft ist erforderlich, um eine verträumte Blumenwiese, durchsetzt mit Wiesenerdbeeren und Waldreben, zu erreichen. Eine in Wien selten erlebte Vielfalt an Schmetterlingen ist zu bewundern. Nichts weist darauf hin, dass sich hier Grabstätten verborgen halten.
Robert Streibel fasst sich Spachtel und Schere und zaubert aus einem Gewirr von Efeu und Wildem Wein einen alten Grabstein hervor. Die Jugendlichen haben ein Aha-Erlebnis und gehen ebenfalls – zögernd, aber motiviert – ans Werk: wenn unter den Ranken und Zweigen erst einmal Größe und Form des Grabsteins ausgemacht sind, geht die Arbeit erstaunlich schnell voran. Bereits nach wenigen Minuten kräftigen Reißens, Schabens und Schneidens lassen sich die ersten schlichten Steine bewundern.
Jetzt packt alle der Ehrgeiz. Im Laufe der nächsten eineinhalb Stunden wird eine ganze Gruppe von Grabsteinen aus dem Gestrüpp geschält. Am Ende präsentiert sich ein kleiner Teil des verlassenen jüdischen Friedhofs wieder so, wie er sein sollte.