„Hast du die Kronenzeitung gelesen?“ Aufgeregt führt mich Bahram Parsa, der sich plötzlich wieder flott bewegen kann, nachdem er einen Monat im Rollstuhl herum kutschierte, zu einem Tischchen, auf dem die Krone aufgeschlagen liegt. Auf einem großen Foto sind auf Seite 2 fünf Männer abgebildet, denen schon die Schlinge um den Hals liegt. Ihre Hände sind nach hinten gebunden. „Kurz nach diesem Foto wurden die Männer aufgehängt. Die böse iranische Republik...“, schreibt die Krone. Bahram, der schon wegen den Erhängungen nach den Benzinpreis-Demonstrationen nicht schlafen konnte („Ich leide, wenn mein Volk leidet.“), läuft hin und her. „Warum liest du auch die Kronenzeitung ...“, sage ich, was natürlich auch kein schlüssiges Argument ist.
„Vor zwei bis drei Monaten hatte ich einen Niereninfarkt“, erzählt Bahram auf dem Gang vor seinem Zimmer. „Der Arzt meinte, so eine flache Niere habe er noch nie gesehen. Es wäre ihm ein Rätsel, wie eine Niere so ausschauen könne.“ „Das kann ich Ihnen schon erklären“, antwortete Bahram, dessen Name „schöner Tag“ bedeutet, angeblich dem Onkel Doktor: „Das sind die ganzen Schläge, die ich in vier Jahren Gefängnis erhalten habe.“ Der ehemalige Journalist und Theatermacher saß pro Theaterstück sechs bis neun Monate ein, für seinen Film „The Eagles“, einen Anti-Kriegs-Film über einen irakischen und einen iranischen Piloten, der nach zwei Wochen im Kino und großem Zulauf abgesetzt wurde, vier Jahre in Einzelhaft. Das „zwei- bis dreimal Aufhängen“ pro Woche hat die Nerven in seinen Armen und Beinen beschädigt. Die tote Niere ist noch drin.
Bereits 2003 führte mich eine ältere Schauspielerin, aus Russland von Immobilienspekulanten vertrieben, die ihr nach dem Leben trachteten, in ihr Flüchtlingsheim, um den berühmten Regie-Assistenten Parsa persönlich kennen zu lernen. Die umtriebige Viktoria spielte erstaunlicherweise, nach einigen Monaten Caritasheim und mit nur ein paar Brocken Deutsch, bereits in Ruth Maders Film „Struggle“ mit, der später in Cannes nominiert war. Sie spielte eine Arbeitsmigrantin auf irgendwelchen Erdbeer-Feldern nahe Wien. Damals gab sich Herr Parsa weltmännisch gelassen und hatte kaum Zeit für uns. Als einige Monate später eine KünstlerInnengruppe der Bunten (Zeitung) für das Festival SOHO IN OTTAKRING einen Kellerraum im 16. Bezirk erhielt, war Parsa mit von der Partie. Tagelang malte er den tristen, dunklen Raum aus und erzeugte in hellgrün, hellblau und mit viel Weiß eine wunderschöne Atmosphäre, in der später z.B. Keba Cissoko ein Konzert hielt. Schon damals hielt sich Parsa das schmerzende Rückgrat und malte ganz langsam auf einem Schemel sitzend mit einem viel zu kleinen Pinsel den Raum aus. Mit seinem Freund Mahmoud und einem kleinen iranischen Mädchen inszenierte er ein Kinder-Theaterstück gegen den Krieg. „Leyla und Onkel Sam“ handelte vom Angriff der USA auf den Irak und spielte in den Flüchtlingslagern an der Grenze. Die Kinder überlegen sich, warum es Krieg gibt. Am Ende steht die durch den Angriff erblindete Leyla auf der Bühne und ruft „Bitte trocknet das Öl!“. Bei der Premiere sitzen die österreichischen Kinder völlig still auf bunten Hockern. Nachher laufen alle der Darstellerin der Leyla hinterher, die souverän die Spiele anführt.
„Das rote Gold ist Safran, das schwarze Gold ist Öl“, zählt Bahram im AKH auf, „das gelbe Gold ist das normale und das grüne Gold dieser Stein, Jade heißt der, glaube ich“. Bahram führt seinen Ansatz aus, dass das US-Militär nicht wegen der Demokratie, sondern wegen dem Öl in den Irak kam. „Und jetzt, dieses neue Interesse am Iran, das ist doch nur wegen dem Uranium. Das Uranium können sie bei uns überall finden.“
„Jeden Tag schaue ich mir über das Internet an, was in meinem Land passiert. Ich bin kein Stein und die politische Lage geht mir auf die Nerven.“ Bahram Parsa flüchtete nach dem Gefängnisaufenthalt („Ich renne zwei Tage durch die Wüste“) nach Pakistan, wo er auf der Straße schlief, und dann nach Indien. Als er das Auto der persischen Botschaft vor seiner Unterkunft erblickte, flüchtete er weiter nach Singapur, Thailand und schließlich in die Türkei, wo er drei Jahre in einer Plastikfirma arbeitete und der Polizei Geld gab, um nicht verhaftet zu werden.
Über Sarajewo und Slowenien erreichte er Österreich, von wo er erst mal nach Italien abgeschoben wurde. „Mein Bruder wurde umgebracht, meine Mutter starb mit 75 Jahren im Gefängnis“, sagt er. „Ich habe keine Angst mehr.“ Parsa hegt romantische Gedanken über die Zeit vor Khomeini, als er noch jung und frisch war. Er ist einer von drei Millionen iranischen „Zarathustranern“, einer eigenen philosophischen Richtung und kein Moslem: „Liebst du die Liebe und hasst du Hassen und denkst du an alle Menschen, dann bist du ein Mensch. Gut denken, gut sprechen und gut handeln, das ist unser Beten.“ Außerdem bezeichnet sich Parsa manchmal als Monarchist, dann wieder als „linker Monarchist“ oder als „kein Monarchist“. Er erzählt vom persischen König Sirius, 500 Jahre vor Christus, der 5000 Juden frei ließ, denn damals durfte jeder seine eigene Sprache und Kultur haben - „seitdem leben viele Juden im Iran“.
Auf jeden Fall ist Parsa ein Überlebenskünstler, der versucht, das Leben trotz aller Rückschläge und Verluste mit Humor zu nehmen und sich nicht unterkriegen zu lassen.
Bester Beweis: Sein einminütiges Theaterstück für Herbert Haupt. Im Rathaus übergab Parsa bei einer Feierlichkeit dem damaligen Minister sein Theaterstück namens „Oxygen“, das ungefähr so geht: Dunkle Bühne. Aus einem Lautsprecher schallt „Herr Doktor Politiker, bitte!“ In der Intensivstation wird ein Patient operiert. Dr. Politiker kommt. Blut. Messer. Der Blutdruck fällt. Dr. Politiker: „100 Euro mehr Lohn in Zukunft“. Okay, weiter mit der Operation. Der Blutdruck fällt. Der Herr Dr. Politiker: „Fünf Jahre früher in Pension“. „Aber Herr Doktor, der Patient braucht doch Sauerstoff!“, sagt ein Pfleger. Der Patient kriegt eine Decke über den Kopf und wird aus dem Saal geschoben.
Als Parsa Herbert Haupt das Stück übergab, sagte dieser angeblich: „Schreibst du hier bitte keine gefährlichen Sachen!“ Ein anderes kurzes Theaterstück nennt sich „Die Wand“: Jungen spielen Fußball auf eine Wand. Eines Tages fragen sie sich, was wohl hinter der Wand liegt. Sie fragen die Leute. Ein Maler sagt: „Hinter der Wand liegen viele Häuser, deren Fenster keine Farbe haben.“ Eine alte Frau meint, ein Friedhof. Ein Polizist holt einen Jungen von der Leiter, mit der er über die Wand schauen möchte. Der Junge bricht sich dabei den Fuß und schaut aus seinem Fenster wochenlang auf die Wand. Als der Junge wieder gehen kann, klettert er auf die Wand und sieht Leute, die im Müll leben. Der Polizist kommt: „Was wolltest du da?“ Der Junge fällt herunter, mit dem Kopf auf einen Stein und stirbt.
Bahram Parsa will sich auf diesem Wege bei allen ÄrztInnen und PflegerInnen der Station 15H bedanken.