Schauplatz: Grätzel um die Geiselbergstraße in Wien-Simmering "Da gehört eine Bombe draufgeschmissen. Mit allen Insassen drin." Das ist die dominierende Meinung unter den Kunden des Würstelstands Ecke Schlechtastraße / Gänsbacherstraße. Es geht um das gegenüberliegende Asylwerberheim "Haus Jupiter" des Roten Kreuzes. Aufgrund der Ausländer dort drinnen leben "die Anrainer in Angst", wie die Kronen Zeitung kampagnemäßig berichtet. Deshalb müsse das Heim geschlossen werden, wie Heinz-Christian Strache via Aussendung fordert. Der Standard dazu: „Jemanden zu finden, der persönlich negative Erfahrungen gemacht hat, ist gar nicht so leicht.“ Die Gesellschaft steckt voller Urteile, die sich häufig als Vorurteile entpuppen. Dennoch wird am laufenden Band und aus allen Lagen weiterhin – von oben nach unten - be- und verurteilt.
Der Psychiater Erich Wulff schrieb unter dem Namen Georg W. Alsheimer in dem viel beachteten Buch „Vietnamesische Lehrjahre – Bericht eines Arztes aus Vietnam 1961-1967“ über seine Erfahrungen beim Aufbau einer medizinischen Fakultät in ehemaligen Kaiserstadt Hué und den Befreiungskampf des Vietcong in Südvietnam. Er wies darauf hin, dass der indirekte Zwang zur Normalität pathologisches Verhalten in einem Doppelsinn produziert: Einerseits kommen Menschen mit diesen Anforderungen nicht zu Rande und werden mit abweichenden Verhaltensweisen auffällig. Andererseits zwingen viele Individuen sich mit so großer Kraftanstrengung zu angepasstem Verhalten, dass sie sozusagen normopathische Züge entwickeln, das heißt quasi krankhaft normal werden (siehe: Erich Wulff, Psychiatrie und Klassengesellschaft, Verlag Das Argument, Berlin 1972).
Im Wiener Volksmund wird eine milde Abart dieses Menschentypus als Zwangler bezeichnet: ZeitgenossInnen, die in Fragen der Moral, Sauberkeit, Konformität usw. ein Übermaß an Anpassung an den Tag legen und so etwas wie vorauseilenden Gehorsam walten lassen. Diese Haltung ist meist mit übergroßer Vorsicht verknüpft und läuft im praktischen Lebensvollzug darauf hinaus, nur zu tun, was ausdrücklich erlaubt ist. Es liegt auf der Hand, dass derartige zwanghaft agierende Personen als Untertanen der Obrigkeit gerade recht sind. Um frei entscheidende Individuen, die ihr Tun und Lassen nach ihrer eigenen Überzeugung steuern und die als grundlegend für das Funktionieren entwickelter Demokratien und lebendiger Bürgergesellschaft betrachtet werden, handelt es sich nicht.
Das krankhafte Streben nach Normalität ist nicht auf Menschen beschränkt, die über jeden Verdacht erhaben sind. Erfahrungsgemäß ist es vielmehr gerade bei solchen ZeitgenossInnen besonders ausgeprägt, für die es nicht einfach ist, die herrschenden Normen und Vorschriften in allen Lebenslagen zu erfüllen. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Leute aus „besseren“ Kreisen wesentlich lockerer mit allgemeinen Moralvorstellungen – von Kleidungs- bis zu Eigentumsfragen – umgehen als Angehörige schlechter gestellter Schichten, die diese Normen selbst nur mit Mühe und Not erfüllen.
Was die Haltung zu kriminellem Verhalten angeht, zeigt sich, dass die Beurteilung der Täter bei sozial und bildungsmäßig hoch eingestuften Schichten deutlich toleranter ausfällt, als das bei Mitgliedern von Bevölkerungskreisen der Fall ist, die aufgrund ihrer sozialen Lage selbst Gefahr laufen, delinquent zu werden. Sie verlangen in der Regel besonders drakonische Strafen, weil laut Wulff bei diesen Personen das Bedürfnis besonders ausgeprägt ist, ihr Wohlverhalten dadurch zu rechtfertigen, dass sie indirekt dadurch belohnt werden, einer strengen Strafe zu entgehen.
Unabhängig davon werden die meisten Träger krimineller Karrieren von Normopathie erfasst. Was soll das, könnte man erstaunt fragen: abweichendes und angepasstes Verhalten in einer Person? – Ja, genau darum geht es. Gerade Kriminelle fallen immer wieder durch rigide Moralvorstellungen in allen jenen Lebens- und Aktivitätsbereichen auf, die von ihrer Delinquenz nicht erfasst sind: Auswüchse in den Bereichen Dresscode, Machismo und Ehrgefühl sind eindeutige Beweise, die einen Freispruch in dieser Frage ausschließen.
Ganz offensichtlich ist es ein Grundbedürfnis der Menschen, wenn sie in einem Punkt massiv von den durchgesetzten gesellschaftlichen Normen abweichen oder etwa aus beruflichen Gründen abweichen müssen, deutlich verstehen zu geben, dass sie dieser eine Gesichtspunkt nicht ausmacht. So gibt es mit großer Sicherheit keine sauberere Berufsgruppe als die Wiener Kanalräumer. Die Mitarbeiter der zuständigen Magistratsabteilung sind tatsächlich gezwungen, sich fallweise in die Unterwelt der Stadt zu begeben. Sie halten mit absoluter Sauberkeit nach getaner Arbeit dagegen, die nicht nur den eigenen Körper, sondern die gesamte Dienststelle umfasst.
In Analogie dazu haben die Mitglieder der Wiener Berufsfeuerwehr ein bezeichnendes Verhalten entwickelt. Der Arbeitsalltag in den 24 Stunden Diensten in den einzelnen Feuerwachen ist von extremer Unregelmäßigkeit bestimmt. Nach der Rückkehr von einem Einsatz kann sofort wieder der nächste Alarm ausgelöst werden - oder eine längere Pause eintreten. Um die physische Einsatzfähigkeit der Mannschaft abzusichern, übernehmen in jedem Dienst zwei Mann den Küchen- und Verpflegungsdienst: Sie wirken an den Einsätzen nicht mit, haben aber dafür zu sorgen, dass für die hart arbeitenden Kollegen wohlschmeckende Mahlzeiten verfügbar sind.
Zuletzt sind wir bei einem Beispiel angelangt, das ein äußerst normales Verhalten im besten Sinn signalisiert, wie es unter dem Druck des Neoliberalismus im Arbeitsleben leider immer weniger vorkommt. Worauf es im individuellen und (schreckliches, aber korrektes Wort) kollektiven Leben ankommt, ist es, locker und nicht zwanghaft „normal“ zu sein.