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"Blau-gelb ist mein Herz"

Lokalmatadorin

Tanja Richter trägt einen Mantel von Prada –
und zum Wochenende die Farben der Vienna.

Uwe Mauch 24.10.2007
Yellow-blue is the colour, football is the game, we ‘re all together, Vienna is the name! Bitte Burschen, zaht’s an, ja, ja, genau so, geh durch, ui, na, das darf’s jetzt aber nicht sein, der Goalie von den anderen hält den Schuss, geh Voller-Andy, schnorr mir bitte an Tschick, weil ich halt das nicht aus, was fragst, ob wir heuer Meister werden, geh bitte, frag mich was Leichteres. Abseits! Heast Schiri, hast nicht gsehn, das war Abseits!
Freitag. Abend. Zu Gast bei den Döblinger Kojoten, auf der Hohen Warte, einem der ältesten Stadien der Stadt, in dem das einst glorreiche Fußball-Wien das Heute und gleich auch die Zukunft zu erdrücken droht. Unten auf dem Rasen müht sich der First Vienna Football Club mit einer anderen drittklassigen Mannschaft ab. Nein, nein, kein Wunderteam. Schall zu Vogel, Vogel zu Schall, Tooor, das spielt es hier schon lange nicht mehr. In der Regionalliga Ost gibt es keine Wunder. Gewinnt man gegen den FC Harreither Waidhofen an der Ybbs, gegen Neusiedl am See oder gegen den Floridsdorfer Athletik-Club, kann man von Glück reden.

Umso beachtlicher die jungen Leute auf der Haupttribüne, links oben. Alle blau-gelb gekleidet, alle gut gestimmt. Alle? Na gut, allzu viele sind’s nicht. Vielleicht 50, der harte Kern. Mitten drinnen: Tanja Richter, 28, bekennende Vienna-Fanin.
Blau-gelb ist mein Herz, ich sterb’ in Döbling! Meine Güte, bin ich heut’ wieder aufgeregt. Seit acht Jahren geht das nun schon so. Ein Freund von mir, der Niki, hat mich zu den Kojoten mitgenommen. Der Niki kommt ja aus einer total Vienna-verrückten Familie. Und ich hab’ mich hier auch auf Anhieb wohlgefühlt. Ich kann von mir behaupten, dass ich in den acht Jahren nur zwei Spiele versäumt habe. Wegen Krankheit.
Auch bei allen Auswärtsspielen bin ich dabei. Echt gemütlich ist es in den Kantinen in Würmla und Zwettl. Schön ist auch das alte Stadion in Eisenstadt. Schade, dass dort nicht mehr gespielt wird. Als Schülerin war ich öfters bei Rapid. Mein Vater hat mich damals mitgenommen. Bis er gestorben ist, da war ich 16.

Die Vienna, das ist ganz was anderes. Das hat ein eigenes Flair. Bei uns steht der Boss eines Platten-Labels neben einem Punk, und beide lassen sich nicht spüren, dass es da einen sozialen Unterschied gibt. Wir sind hier wie eine Familie, auf du und du. Sag’ Andy, wie geht’s deinem Bruder? Den hab ich schon ewig nicht mehr gesehen? Wir singen auch ganz andere Lieder als die anderen.
My heart burns for you, oooooohhhhhh, Vienna! Was wir singen, hängt vom Spielverlauf ab. Wie viele Zigaretten ich während eines Spiels rauch’? Auch das hängt vom Spielverlauf ab. Weil wenn sie besser spielen, singen wir mehr. Bier? Gehört zum Fußball dazu, auch wenn ich mehr auf „Almdudler weiß“ stehe. Kein Alkohol, bei uns auch okay. Es gibt bei den Kojoten auch keine Gewaltexzesse. Als Frau hatte ich hier nie Probleme. Jeder freut sich, dass ich überall dabei bin. Maximal ist einer überrascht.
Inzwischen sind wir ja auch zu dritt. Wir nennen uns die „Vienna Girls“ oder „die Kojotinnen“. Aufnahme-Kriterien? Erst wenn du mit dem Fan-Bus mitfährst, den der Verein sponsert, wirst du voll akzeptiert. Na doch, schon. Es braucht schon ein bisserl a Herzblut.

„Es geht sich immer nicht aus.“ Hast du unser Fan-Video gesehen? Das ist Kult, es dokumentiert unsere Leidenschaft. Und unser Leiden in jener Saison, als wir den Aufstieg in den letzten drei Runden ruhmlos vergeigt haben. Obwohl: Dass wir heute nur in der dritten Liga spielen, das nagt bei mir nicht mehr so wie am Anfang. Ich hab’s ja selbst erlebt, wenn du zehn Stunden mit dem Bus nach Lustenau fährst, dort schmerzvoll verlierst, und dann wieder zehn Stunden nach Hause musst. Damals, beim Abstieg aus der zweiten Liga, da ist es mir wirklich nicht gut gegangen. Danke nein! Da lob’ ich mir die Ostliga, in weniger als zwei Stunden bist du überall. Und dann gibt es ja noch unser Derby gegen den Wiener Sportklub! Die Sportklub-Fans haben ein ähnliches Schicksal wie wir.

Oh weh, unsere Abwehr ist heute offen wie ein Scheunentor. Blöd anreden darf mich nach einer Niederlage niemand. Mir ist das alles sehr ernst, ich spiele nicht Theater, mir geht das nahe. Das wissen auch meine Kollegen in der Firma. Wie der Verein einen guten Spieler verkauft hat, hab’ ich geheult. Ein Montag nach einem verlorenen Spiel ist überhaupt die Hölle. Bin froh, wenn der vorüber geht. Weil da ist gleich die ganze Woche im Eimer. Andererseits, wir gewinnen ja auch öfters mal. Bast Fantasty, schiaß! Wahnsinn! Tooor! Für uns! Unglaublich, wir führen!
Mode? Natürlich interessiert mich Mode, sehr sogar, aber das ist alltäglich, das ist auch mein Job als Fotoredakteurin beim „Kurier“. Am Freitag tausche ich dann mein Prada-Mäntelchen gegen die Vienna-Schale: Blau-gelber Schal, blau-gelbes Trikot, gelbe Hose, blaue Schuhe, dazu die Vienna-Buttons. Weil so wie Fußball interessiert mich nix anderes. Fußball ist für mich Entspannung, Freundschaften, mein Leben. Und als Nächster kommt der Sportklub zu uns auf die Hohe Warte! Das wird wieder ein Wahnsinn!

Info:
Neu im Netz: www.doeblingerkojoten.at.

Uwe Mauch 10/2007

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