Verrohte Uniformierte
Die Sprache der amtlichen Handschellen ist derb, aber deutlich
Der Augustin ist längst (auch) zur Westerweiterung der osteuropäischen VerliererInnengemeinschaft geworden. Jozef Katona ist einer der zahlreichen slowakischen VerkäuferInnen der Wiener Straßenzeitung (viele davon sind Roma). Wir kennen Jozef also und wissen, dass seine Geschichte nicht erfunden ist. Es ist eine schreckliche Geschichte, die zeigt, wie weit die Verrohung in unserem Land gediehen ist, wenn es um Armuts-MigrantInnen geht. Wir würden gerne wissen, wie viele solcher Geschichten unprotokolliert bleiben.
Ich heiße Jozef Katona und seit ca. drei Monaten bin ich ein Augustin-Verkäufer. Erlauben Sie mir bitte, Ihnen eine Geschichte zu erzählen, die mir, meinem Sohn, meinem Schwiegersohn und noch zwei Freunden am 7. Jänner 2005 passierte.
An diesem Tag besuchten mich diese vier Männer aus meiner Heimat, der Slowakischen Republik. So viel Geld, dass ich ihnen ein Zimmer im Hotel zahlen könnte, habe ich nicht. Weil mein Schwiegersohn mit dem Auto nach Wien kam, entschlossen wir uns, alle im Auto zu übernachten. Ein passender Platz, wo wir das Auto abstellen konnten, um ungestört zu schlafen, war nicht so leicht zu finden, wir kennen uns in Wien nicht so gut aus. Nach längerem Hin und Her landeten wir durch Zufall beim Penzinger Frachtenbahnhof. An dem Abend waren wir so müde, dass wir sofort einschliefen.
Irgendwann mussten wir einer nach dem anderen pinkeln gehen, was ganz natürlich ist, nicht wahr? Als wir dann wieder alle im Auto waren, stand plötzlich neben uns ein großes Auto, ein Jeep. Ich dachte, dass der Mann einparken wollte, aber er stieg aus seinem Auto aus, schaute sich unser Autokennzeichen an, dann parkte er ein paar Meter hinter uns. Unabhängig davon näherten sich zwei Eisenbahner, sie sagten kein Wort und schauten nur, also dachten wir, dass es besser wäre, weiterzufahren. Mein Schwiegersohn startete das Auto an, und in diesem Moment stand der Mann aus dem Jeep mit einer Pistole, die er auf uns richtete, vor unserem Auto, ohne ein Wort zu sagen. Man sah, dass die beiden Eisenbahner genauso erschreckt wie wir waren.
Dieser Schock dauerte ein paar Minuten, als dann plötzlich zwei Polizeiautos bei uns standen. Was dann passierte, ist wie ein Alptraum. Unser Auto wurde mit starken Reflektoren beleuchtet. Die Polizisten forderten uns schreiend zum Aussteigen auf. Es waren insgesamt zehn Polizisten, neun Männer und eine Frau. Sie haben uns gewatscht, gestoßen, wir mussten uns mit erhobenen Händen zum Auto stellen, wo wir weiter sehr grob untersucht wurden. Unser Scheiß-Auto, wie sie es nannten, einen Lada, traten sie mit Genuss mit ihren Füßen und dabei lachten sie höllisch, sie amüsierten sich sehr gut dabei. Ich erwähne das schon deswegen, weil man in meiner Heimat, wenn man sich ein Auto kaufen will, länger als hier sparen muss.
Der Richter las aus dem Akt, wir seien eine Diebesbande
Als ich fragte, wieso das alles, gaben sie mir keine anständige Antwort, es wurde mir gesagt: Halt die Goschen, du Scheiß Ausländer! In meiner Verzweiflung hoffte ich, dass die Frau, die Polizistin, vielleicht mehr Verstand als die Männer hätte, aber wo, sie war genauso brutal wie ihre männlichen Kollegen. Als ich ihr meinen Meldezettel und den Augustin-Ausweis zeigte, lachte sie zynisch und bemerkte, dass das nur ein Scheiß ist, ich sollte mir es irgendwo hineinstecken. Mein Deutsch ist noch nicht so gut, aber das habe ich perfekt verstanden. Als sie sich lang genug mit uns vergnügt hatten, legten sie uns Handschellen an, die Hände nach hinten. Einer nach dem anderen wurden wir wie Gepäckstücke in den Polizeitransporter geschmissen. Jedem von uns haben sie die Hände mit den Handschellen nach hinten so in die Höhe gerissen, dass wir alle vor Schmerz weinten. Dem arroganten Gesichtsausdruck der Polizisten nach fühlten sie sich in diesem Moment wie die Größten, die Allmächtigsten. Und dabei wussten wir nicht, warum das alles. Sie sagten uns nicht, was wir verbrochen hätten.
Sie lieferten uns in eine Polizeiwache. Wo sie war, erfuhren wir nicht, obwohl ich danach fragte. Auch hier sind wir unter jeder Menschenwürde behandelt worden, wie Schwerverbrecher. Bis dahin dachte ich naiv, dass bei der Polizei in Österreich bzw. in Wien gebildete Menschen beschäftigt sind.
Alles wurde uns weggenommen und jeder ist dann in eine Einzelzelle hineingestoßen worden. Schlafen konnte keiner von uns. Wie spät es war, wusste auch niemand, weil sie uns – wie ich schon erwähnte – alles weggenommen hatten. Wir hatten Hunger und, was noch schlimmer ist, einen schrecklichen Durst. Man gab uns nicht mal ein Glas Wasser zu trinken. Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir doch etwas zu essen und ein Glas Wasser bekamen. Als einer von uns auf die Toilette musste, ließ ihn die Wache eine halbe Stunde warten.
Nach einiger Zeit – weil die Zelle keine Fenster hatte, konnte ich nicht abschätzen, ob es einen Tag oder nur ein paar Stunden dauerte – wurden wir einer nach dem anderen zum Untersuchungsrichter zitiert, wo eine Dolmetscherin dabei war. Der Untersuchungsrichter hatte schon einen Akt fertig vorbereitet, den mir die Dolmetscherin vorlas. Mit Staunen hörte ich, dass wir eine Diebesbande seien, die die Firma des Herrn Eduard L. (Name ist der Redaktion bekannt) beklauen wollte; Herr L. habe beobachtet, wie wir die Umgebung auskundschafteten, zweimal seien zwei Männer ausgeschwärmt, um sich die Umgebung anzuschauen, und dann sei noch einer alleine herumgeschlichen, ob die Luft rein ist usw. Dann habe Eduard L die Polizei angerufen, so stand es in dem Protokoll. Ich sollte das unterschreiben. Nein, sagte ich dem Untersuchungsrichter.
Ich erzählte ihm dann, wie es wirklich war. Zuerst zeigte er sich sehr arrogant, aber nach und nach ist er doch ein Mensch geworden. Worauf er meine Aussage so notieren ließ, dass ich auch unterschreiben konnte. Unabhängig von mir verlangten es auch die anderen. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich weinte, als ich ihm schilderte, dass meine Frau vor der Entbindung stehe und nicht wisse, wo ich bin, dass sie sich wohl große Sorgen um mich mache. Ich bat ihn, mich zu entlassen oder wenigstens meine Frau anrufen zu dürfen. Es wurde mir nicht gestattet.
Die Spuren der Polizistenfüße am Auto
Dann wurden wir in der Strafanstalt Josefstadt überliefert. Psychisch waren wir alle fix und fertig, besonders mein Sohn. Er war wegen eines Magengeschwürs operiert worden und musste strenge Diät halten, na ja, ein Gefängnis ist kein Sanatorium, und aus uns unerklärlichen Gründen fing er zu schielen an, bis dahin waren seine Augen im Ordnung. Vierzig Tage dauerte unsere Haft, bis es zum Prozess kam. Diese vierzig Tage wussten unsere Angehörigen nichts über unser Schicksal. Man gestattete uns auch in Untersuchungshaft nicht zu telefonieren.
16. Februar, das war der Tag unseres Prozesses. Der Ankläger erzählte wieder Dinge, von denen wir nichts wussten, interessanterweise sagte er kein Wort darüber, dass er es war, der uns die Pistole entgegengehalten hatte. Das wollte ich zur Rede bringen, aber niemand nahm es zur Kenntnis, darf man das überhaupt?
Dank dem Richter, unserem Anwalt, der Dolmetscherin und auch den zwei Eisenbahnern, die als Zeugen geladen und überzeugt waren, dass wir unschuldig waren, wurden wir freigesprochen. Als wir unsere persönlichen Sachen zurückbekamen, stellten wir fest, dass einem meiner beiden Freunde 460 Kronen und ca. 20 Euro aus seiner Jacke fehlten.
Als Erste rief ich meine Frau an. ich erfuhr, dass unser Sohn Daniel am 23. Jänner auf die Welt gekommen war.
Das Auto hatte die Polizei auf einem Parkplatz abgestellt und wir sollten über 300 Euro dafür zahlen. Wir legten alles zusammen, was wir besaßen – nicht einmal ganze 100 Euro. Trotzdem gingen wir zum Abstellplatz, mein Schwiegersohn wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause fahren. Wir wollten verhandeln mit den Leuten, ihnen eine Ratenzahlung vorschlagen. Als wir hinkamen, war ein TV-Arte-Team anwesend. Wer sie informiert hatte, wusste niemand von uns, aber dank denen mussten wir die 300 Euro nicht bezahlen. Das Auto war sehr beschädigt worden, die Autotür konnte man nicht schließen, man konnte die Spuren der Fußtritte der Polizisten sehen, sie können stolz auf ihre Leistung sein.
Ja, wir sind frei, aber was ist mit der Beschmutzung unserer Namen? Was ist mit Satisfaktion für unseren psychischen Zustand, besonderes bei meinem Sohn, der seit dem Vorfall an schweren seelischen Problemen leidet? Wer wird uns für die vierzig Tage, die wir unschuldig in Haft saßen, entschädigen? Wer zahlt die Autobeschädigung? Herr Eduard L. vielleicht? Der hat sich bei uns nicht einmal entschuldigt.
Liebe LeserInnen, ich danke euch für eure Aufmerksamkeit. Ich, Jozef Katona.