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Die Shopping-Mall vom Schöpfwerk

Alles zum sensationellen Preis von null Euro und null Cent

Architektur zum Verlaufen, angenehme Öffnungszeiten, kompetente Beratung, großes Warensortiment vom Kühlschrank bis zum Kinderwagen, Café im „Geschäfts“-Lokal, stilgerechte Anreise in einem straßenbahnartigen Verkehrsmittel … Auf den ersten Blick sind die Unterschiede zum Shopping-Chaos Süd nicht zu erkennen, aber bevor Sie Ihre Kreditkarte einpacken und losfahren, lesen Sie das Kleingedruckte!
Florian Müller 15.03.2005
Am 8. Februar hat im Stadtteilzentrum „Bassena“ in der Gemeindebau-Siedlung „Am Schöpfwerk“ nämlich der erste Gratis-Bazar Wiens eröffnet. „Wer hat, der bringt, wer braucht, der holt“, so das Motto. Zweimal wöchentlich werden hier also fleißig Waren gebracht und Waren abgeholt, jeweils zwei bis fünf Kubikmeter, oder 100 bis 180 Stück. Zum Abgeben und Abholen gibt es so ziemlich alles: angefangen von Kühlschränken und Möbeln, die über ein schwarzes Brett angeboten werden, über Gewand bis hin zu Spielzeug, Audio, Video, Hardware und Küchenutensilien. Bringen darf jedeR und auch abholen, allerdings dürfen nur drei Artikel pro Tag bezogen werden und ein Weiterverkauf auf einem Flohmarkt ist natürlich verboten. Und das alles zum sensationellen Preis von null Euro und null Cent. Unabhängig vom Bazar funktioniert auch ein Bücher- und Zeitschriften-Verleih, bei dem Bücher und Zeitschriften kostenlos entlehnt, entnommen und abgeliefert werden können.

Zum Eintritt in den Gratis-Bazar braucht es keinen Nachweis über den Bezug von Sozialhilfe. Die soziale Bedürftigkeit der KundInnen ist kein Thema. Es geht um etwas ganz anderes. JedeR von uns hat hunderte Dinge zuhause stehen, die zu schade zum Wegwerfen und zu „wertlos“ zum Verkaufen sind. Wer sich am Flohmarkt schon ein Mal für ein paar lausige Euro Gewinn bei saftigen Standpreisen einen ganzen Tag die Beine in den Bauch gestanden oder auf einer Internet-Versteigerungs-Plattform schon einmal ein schmuckes Möbel um einen Euro bei achtzig Cent Auktionsgebühren versteigert hat, der/die weiß, wovon die Rede ist. Andererseits muss nicht alles, was uns als Neuerwerb freut oder einfach nützlich ist, etwas gekostet haben. Produkte, die noch nicht im allgemeinen Wegwerf-Wahn produziert worden sind, halten meist länger, als sie benutzt werden.

Um dem allgemeinen Konsum-Wahnsinn entgegenzusteuern, ist die aus Deutschland kommende Idee des Gratis-Bazars nur eine Möglichkeit. Zur Zeit der Krise in Argentinien haben sich zum Beispiel nach dem Motto „Tausche Kochtopf gegen Haarschnitt“ so genannte „Trueques“ entwickelt, bei denen Dienstleistungen und Konsumgüter über Ersatzwährungen ausgetauscht wurden. Eine Zeit lang gab es im Schöpfwerk auch eine Dienstleistungskooperative, bei der eine Arbeitsstunde für 100 „Schöpfer“ zu haben war. Dieses Projekt läuft mittlerweile zusammen mit größeren Dienstleistungskooperativen weiter. Für Renate Schnee, Koordinatorin des Gratis-Bazars, sind all diese Strategien gangbare Wege, für das Schöpfwerk sucht man/frau eben nach dem geeignetsten Modell. Die Erfahrungen der ersten Wochen des Projektes sind durchaus positiv. Meistens muss der Gratis-Bazar wegen einer Traube von 20 Menschen oder mehr vor der Tür bereits fünf Minuten früher aufsperren. Und das freudige Gesicht eines alten Mannes über den neu erstandenen Mantel oder das eines Kindes, das für die Mutter Kochtöpfe besorgt und auf Spielzeug verzichtet, das sind auch Erfolgsbilanzen.

Da Hofa woas ned!


Auf dem Weg zum Gratis-Bazar treffe ich eine Bewohnerin der Siedlung. Ob sie schon etwas vom Bazar gehört habe, fragte ich sie. Ja, ja. Ob sie schon dort „einkaufen“ war? Ja, aber es seien ihr zu viele Leute dort. Und bevor sie in den Gratis-Bazar schaue, ginge sie lieber arbeiten, da verdiene sie wenigstens etwas. Einen Job zu haben, ist durchaus keine Selbstverständlichkeit. Vor allem nicht hier. Über das Schöpfwerk gibt es keine spezifischen Statistiken, aber die Arbeitslosigkeit ist bei Männern relativ hoch und bei Frauen –– nicht überraschend –– noch um einiges höher. Die neue Armut ist nicht nur im Schöpfwerk zuhause, das wäre ein falsches Bild. Aber hier, wie auch sonst überall, wird sie größer.

Stromabschaltungen wegen nicht bezahlter Rechnungen, weil es sich einfach nicht mehr ausgeht, sind hier keine Seltenheit. Aber auch sonst fällt gern und gut der Strom oder das Internet manchmal einfach so aus. Und weil es immer dick kommt, wenn man/frau es nicht so dick hat, verlangt die Wienstrom für eine Neufreischaltung des Stromes stolze 62 Euro, obwohl das Geld offensichtlich nicht einmal für die laufenden Kosten gereicht hat. Gerade Frauen, die sich der Kindererziehung annehmen, sind von dieser Schuldenfalle betroffen. So entstand im Stadtteilzentrum die Idee der so genannten „Frauenbank“. „Einlegerinnen“ sollten hundert Euro für mindestens ein Jahr zur Verfügung stellen, als Kreditzinsen waren hausgemachte Produkte wie Holunder-Marmeladen und Säfte von freiwilligen Mitarbeiterinnen des Stadtteilzentrums „Bassena“ vorgesehen. Spontan meldeten sich 15 Frauen als Leihgeberinnen. Und dann kam die große Überraschung: Es fanden sich keine Kreditnehmerinnen. Dieses Beispiel zeigt, wie Armut noch immer ein Tabu-Thema ist, obwohl man/frau mit diesem Schicksal immer seltener alleine dasteht. Das Projekt der Frauenbank soll in modifizierter Form noch einmal versucht werden. Radio Schöpfwerk, der Schöpfwerkschimmel und der Augustin werden berichten.

Info:
Gratis-Bazar „Am Schöpfwerk“
Stadteilzentrum Bassena
Öffnungszeiten:
(Bringung und Abholung)
Dienstag: 10–20 Uhr
Mittwoch: 10–17 Uhr

ACHTUNG:
Sperrige Gegenstände wie Möbel oder Kühlschränke können nicht deponiert werden. Hierfür sind Anzeigen an einem schwarzen Brett möglich.

Erreichbarkeit:
U6-Station „Schöpfwerk“, Ausgang „Schöpfwerk“, durch das Hochhaus durch den Mittelweg entlang bis zur Schule, dann rechts, und gegenüber der kastenförmigen Kirche rechts die Rampe hinunter und dann scharf rechts ist der Eingang zum Stadtteilzentrum „Bassena“.

Kontakt:
Tel.: (01) 667 84 80
www.bassena.at

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