Wer Mensch geblieben ist in diesen rohen Zeiten, erlebt Momente, in denen er seine Sachen packen und auswandern möchte, wenn ihm menschlichere Zonen auf diesem Planeten einfielen. Doch der Herr Dr. Bukasa bleibt ja auch in Wien – und warum sollte man ihn allein zurücklassen in dieser Stadt, die Fremden zunehmend Furcht bereitet und die letzten Reste ihrer Gastfreundschaft zu verlieren scheint ...
Menschenrechtsaktivist Dr. Di Tutu Bukasa (58), Vorstandsmitglied der Wiener Integrationskonferenz, Mitbegründer des Menschenrechtskomitees Seibane Wague, wissenschaftlicher Begleiter der Straßenzeitung "Die Bunte", Vorsitzender des F.C. Sans Papiers und stellvertretender Obmann von Asyl in Not, macht den Eindruck eines Mannes, der nicht so leicht zu brechen ist, als ihn der Augustin in seinem Kraftort in der Rotenlöwengasse 12 (Bunte-Büro) besucht. Dabei liegt der Vorfall, der für Bukasa gleichermaßen irreal und logisch war, erst fünf Tage zurück. Ja, er muss auch eine logische Seite haben für einen, der wie Bukasa über den politischen Hintergrund Bescheid weiß, der solche Vorfälle quasi gesetzmäßig auslöst. Die Spuren der Misshandlung sind noch zu sehen.
Am 13. April, kurz vor Mitternacht, will Di Tutu Bukasa (58) in der Nähe des Naschmarkts zu seinem Auto gehen, um nach Hause zu fahren. Plötzlich steht ihm eine Gruppe im Weg, an der, wie Bukasa sofort ahnt, kein leichtes Vorbeikommen sein wird. Es ist eine Situation, sagt er fünf Tage später, auf die Frauen in der Regel so reagieren: Sie wechseln die Straßenseite. Bukasa bleibt auf seinem Weg, begrüßt die jungen Männer. Sechs Rechtsradikale um die 20 beschimpfen ihn daraufhin mit Parolen wie "Neger, geh nach Hause."
Bukasa versucht dennoch mit ihnen zu reden. Wo liegt das Problem, fragt er sie.
Eine Augenzeugin: "Einer der Täter hob sein Bein hoch, zeigte ihm die Stiefelsohle und sagte: Leck meine Stiefel, Sklave! Die überaus aggressiven Männer werfen Bukasa zu Boden, prügeln ihn, treten auf den Liegenden ein. Er versucht sich zu verteidigen, aber gegen diese Übermacht ist das unmöglich. Eine anwesende Bekannte verständigt den Polizeinotruf. Als die Beamten erscheinen, sind die Täter nicht mehr da. Die Beamten sind cool, distanziert, korrekt. Bukasa ist unter Schock, muss von einem Arzt behandelt werden.
Eine Anzeige wird erstattet, die Täter werden beschrieben, die Fahndung läuft (bis Redaktionsschluss ohne Erfolg).
Wer immer nach dem Vorfall mit Dr. Bukasa spricht, bekommt es mit einem politischen Analytiker und nicht mit einem Opfer zu tun, das nichts anderes will als seine Peiniger hinter Gittern zu sehen. Die Schreibweise von Kronenzeitung und vergleichbaren Medien im Verbund mit den rhetorischen wie praktischen Verhalten der Regierenden gegenüber unerwünschten NichtstaatsbürgerInnenn ermutige Menschen vom Schlage der Gruppe vom Naschmarkt geradezu, ihre Ressentiments offen auszuleben. Nicht die sechs jungen Männer, sondern die Schlagzeilen der Krone, die im Volk eine AfrikanerInnenphobie schürten, seien das Problem.
Bukasas Asyl in Not-Kollege Michael Genner nimmt in seiner Stellungnahme, deutlicher als andere AktivistInnen aus dem Menschenrechtsbereich in ihren Solidaritäts-Statements, die neue Staatsräson ins Visier. Die Regierung habe durch permanente Hetze gegen die Fremden, gegen Flüchtlinge und MigrantInnen, das geistige Klima geschaffen, in dem solche Verbrechen geschehen, stellt er fest. Sie habe mutwillig Gerüchte und manipulierte Statistiken verbreitet, die "beweisen" sollten, welche Gefahren für die Sicherheit von AsylwerberInnen und anderen "Fremden" ausgingen. Der Überfall auf Di Tutu Bukasa zeige – wie schon die "angemessene Amtshandlung" gegen Seibane Wague – einmal mehr, wer die Sicherheit in diesem Land gefährde. Die Regierung habe durch Asylgesetz und Fremdenpolizeigesetz die legalen Grundlagen geschaffen, um Fremde zum rechtlosen Freiwild zu machen. Die Ministerinnen Prokop und Miklautsch seien mit ihren verschärften Maßnahmen (sprich: Deportationen) gegen Personen, die angeben, traumatisiert zu sein, mitschuldig an der Gewalt gegen wehrlose Fremde, schreibt Genner.
Bukasa lädt zum gemeinsamen Nachdenken ein, wie man die Kampagne der Kronenzeitung gegen AfrikanerInnen, die pauschal als DrogendealerInnen diffamiert werden, stoppen könne. Auf eine kaum beachtete Facette dieses systematisch verbreiteten Pauschalurteils hat übrigens der Bildungsreferent des Wiener Afro-Asiatischen Instituts, Esperance-Francois Bulayumi, in seinem neuen Buch "Dealer wider Willen?" hingewiesen. Bulayumis These: Durch die pauschale Verurteilung und undifferenzierte Berichterstattung werde der Drogenmarkt sogar noch angekurbelt. Süchtige würden sich bevorzugt an Schwarzafrikaner wenden, da sie sich automatisch bei jedem Drogen erwarten. Das führe nach den Mechanismen des Marktes dazu, dass auch immer mehr Schwarzafrikaner in das Drogengeschäft involviert seien. Die Krone generiert aus dieser Sicht die Gefahr, vor der sie warnt – ein Grund mehr, Bukasas Anliegen zu unterstützen, den Journalismus dieses Typs zu bekämpfen.
Den rassistischen Angriff auf Di Tutu Bukasa finden übrigens nur wenige Medien berichtenswert. Einer sich als besonders seriös, besonders boulevardfern gerierenden Tageszeitung ist der Vorfall nur ein Kürzel wert – und das nicht einmal im politischen Teil des Blattes, sondern im Wiener Lokalteil. In der Nacht auf Donnerstag wurde ein Antirassismus-Aktivist von einer Bande rechtsradikaler Jugendlicher beschimpft und verprügelt, steht da, gleich neben der gleichrangigen Nachricht, dass die Rechte Wienzeile wegen Bauarbeiten gesperrt sei.
Afrikaner als Informationsquelle nur eingeschränkt relevant
Ein Land zum Auswandern