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Rudolf Prikryl, der 3-Tage-Bürgermeister von Wien

Noch als Leich´ gescheitert

„Herr Bürgermeister, ich hätte gern das Flotten-Kino.“ „Nichts dagegen. Bitte nehmen Sie’s!“ Oder: „Ich bevollmächtige Sie, den Betrieb Sowieso aufzusperren.“ So ähnlich liefen die Amtsgespräche ab in jenen drei Apriltagen des Jahres 1945, die als Wiens kuriosesete Bürgermeisteramtsperiode gelten. Über das patscherte Leben des Installateurs Rudolf Prikryl, der drei Tage lang dem rätselhaften Drang, Verantwortung zu übernehmen, nachgab und es nicht verdient, in diesem „Gedenkjahr“ ignoriert zu werden
Gerald Grassl 15.06.2005
Im Wiener Rathaus gibt es eine Galerie mit Porträts der vergangenen Bürgermeister der Stadt. Ein Bild fehlt jedoch: das des Spanien- und Widerstandkämpfers Rudolf Prikryl, der, noch während im April 1945 die Rote Armee gegen SS-Einheiten kämpfte, als Bürgermeister drei Tage lang wichtige Maßnahmen setzte, zum Wiederaufbau der Infrastruktur der Stadt. Rasch wurde er –– fast –– vergessen. Sein Leben nach dieser Ära war hauptsächlich von persönlichen Niederlagen geprägt.

Rudolf Prikryl wurde am 21. März 1886 als zweites Kind der Handarbeiterin Karoline Prikryl in Wien 9, Schubertgasse 29, geboren. Nach den Pflichtschulen absolvierte er eine Installateurslehre. 1919 übersiedelte er nach Zagreb und arbeitete dort in einem Gaswerk, kehrte 1925 nach Wien zurück, erwarb die Konzession für das Gas- und Wasserinstallationsgewerbe und dürfte eine Zeitlang im 10. Bezirk ein eigenes Geschäft betrieben haben. Danach eröffnete er in Wien 7, Kirchberggasse 12, eine Kohlenhandlung.

Nach seiner Rückkehr aus Jugoslawien trat er dem Republikanischen Schutzbund bei. Bei den Februarkämpfen 1934 wurde er bei der Verteidigung des Rudolfsheimer Bahnhofs verletzt. Er schloss sich den Revolutionären Sozialisten an, doch als er wegen Verbreitung der illegalen „Arbeiterzeitung“, weiters wegen Herstellung revolutionärer Flugblätter am 18. Juni 1935 ins Anhaltelager Wöllersdorf eingeliefert wurde, beschuldigten ihn die Behörden, dass er Mitglied der Kommunistischen Partei sei.

1935 ging er nach Spanien, um auf der Seite der Republik gegen den Faschismus zu kämpfen. Allerdings dürfte seine „Flucht“ aus Wien vielleicht auch andere Gründe gehabt haben. Er war inzwischen mehrfach vorbestraft, und das nicht nur aus politischen Gründen: Wegen des Besitzes verbotener Waffen und des Exekutionsvereitelungsgesetztes, wegen Ehrenbeleidigung, Diebstahl und Veruntreuung. Eine Frau Huk sagte aus, dass Prikryl „wegen Gas- und Stromdiebstahls fünf Jahre“ hätte kriegen sollen.

„Ich ließ mich vom Gefühl leiten“


Nach dem Sieg Francos in Spanien gelang es Prikryl und seiner Frau, sich rechtzeitig nach Paris abzusetzen, wo sie am 31. 5. 1938 als politische Flüchtlinge aus Österreich anerkannt wurden. Als im April 1945 Wien von der Roten Armee eingenommen wurde, hieß es im „Befehl Nr. 1 des Ortskommandanten“ in Punkt 2: „Die Funktion der zivilen Gewalt wird der von mir ernannte provisorische Bürgermeister ausüben.“ Im Palais Auersperg hatten sich Anfang April 1945 WiderstandskämpferInnen aller politischen und religiösen Richtungen getroffen, um zu beraten, wie die Verwaltung in Stadt und Land neu zu organisieren sei.

1950 erzählte Prikryl dem späteren Bundespräsidenten Adolf Schärf: „Um mich bildete sich eine Gruppe, die mit dem Sozialismus sympathisierte. Wir wurden als Kommunisten bezeichnet, keiner kannte den anderen. Ich ließ mich von dem einen Gedanken leiten, alle die hier müssen gute Antifaschisten und Österreicher sein, sonst hätten sie nicht die Courage, hier zu sein … Zum Schluss wurde ich als erster provisorischer Bürgermeister eingesetzt … Wer die kritischen Tage vom April 1945 kannte, wusste, dass keine Zeit zum Debattieren oder Parteipolitik zu betreiben war. Wien war eine ausgestorbene tote Stadt. Wir zogen sofort in das fensterglaslose Rathaus ein und löschten mit Wasserkübeln händisch einen von den abziehenden Nazis gelegten Brand, es war ein Zimmer, wo die Nazi-Kartei sich befand. Nun ging es an die Arbeit, vor allem galt es die Toten, die noch herumlagen, provisorisch zu begraben –– wegen der Pestgefahr, die Lebensmittelversorgung anzukurbeln, E-Werke, Gaswerke, Transportwesen in Betrieb zu setzen. Die SS-Horden hatten sich bereits über die Donau zurückgezogen und die Stalin-Orgeln zogen nach. Nun kamen täglich Leute zu mir, die sich befähigt fühlten, am Wiederaufbau Wiens mitzuarbeiten. Ich frug keinen nach seiner Parteizugehörigkeit, ich hielt diese Frage für zweitrangig, ich frug nur: "Waren Sie bei der NSDAP? Sind Sie guter Antifaschist und Österreicher? Was können Sie leisten zum Wiederaufbau?"’ Ich ließ mich leiten durch das Gefühl, denn Röntgenaugen hatte ich ja keine …“

Nach den Erinnerungen des ehemaligen Stadtrates Anton Weber sei jedoch er selbst zum Übergangsbürgermeister ernannt worden und Rudolf Prikryl, den er „schon lange als ehemaligen Sozialdemokraten“ und Spanienkämpfer kannte und der nun der KP angehörte, ihm als Vizebürgermeister zur Seite gestanden.

Mit Stempel ans Werk


Sicher ist, dass Prikryl während der ersten drei Tage, als große Teile Wiens bereits von den Nazis befreit waren, allein die wesentlichen Entscheidungen der Stadt bestimmte.

In dieser Zeit stellte er jede Menge an Ausweisen, Schutzbriefen, Bescheinigungen und Vollmachten aus. Neben seiner Unterschrift prangten ein dreieckiger Stempel mit Hammer und Sichel mit der Umschrift in Kyrillisch „"Proletarier aller Länder, vereinigt euch"“ und ein Rundsiegel mit fünfzackigem Stern und dem Schriftzug "„Österreichische Freiheitsbewegung"“.

Der legendäre Kulturstadtrat Viktor Matejka erinnert sich in seinem Buch „Widerstand ist alles –– Notizen eines Unorthodoxen, 1984, Löcker-Verlag, 1984, S. 153 f.: Die Gespräche mit ihm waren kurz, er hatte einen unerhörten Drang, die Leute, die in Schlange angestellt waren, möglichst rasch zufrieden zu stellen. Auch ich stellte mich an und kam an die Reihe. Prikryl: "Was brauchst, Genosse?"’ Ich begann von den kulturellen Aufgaben zu erzählen, und dass da neu angefangen werden müsste. Prikryl unterbrach mich und diktierte eine Vollmacht, nachdem er zuvor gesagt hatte: "Du bist der erste, der mit der Kultur daherkommt, aber du wirst es schon wissen; die anderen kommen, damit die Fabriken wieder aufgesperrt werden."’ Prikryl war großzügig, er machte mich gleich zum "Generalbevollmächtigten für alle kulturellen Angelegenheiten in Österreich’". Indessen hatte ich selbstverständlich nur an Wien gedacht. Die Stampiglie hatte einen zweisprachigen Text. Die russische Übersetzung war für die nächste Zeit unentbehrlich.“

Die neue Ordnung


Prikryls Ziehtochter sagte in einem Interview mit Hugo Portisch für seine Fernseh-Dokumentation „Österreich II“: Und wenn wer gekommen ist und gesagt hat: „Herr Bürgermeister, ich hätte gern zum Beispiel das Flotten-Kino’, hat er gesagt: "Ich hab gar nichts dagegen. Bitte nehmen Sie’s’", und ich hab halt schreiben müssen, der Herr Sowieso ist berechtigt –– ich glaub, das hat damals geheißen, öffentlicher Verwalter’ oder so ähnlich–, also als solcher berechtigt, das Kino zu übernehmen und zu führen. Und wenn ich zu ihm gesagt hab: "Du, du kennst die Leut doch gar nicht, glaubst du denn, dass er fähig ist?"’ Hat er gesagt: "Wenn er net fähig ist, muss er es eh aufgeben."’ Ob das nun ein Geschäft war, oder egal was das war, wer gekommen ist, hat halt gekriegt, was er wollen hat. Er war absolut nicht bedenklich diesbezüglich.“

Inzwischen hatten sich schon ÖVP, SPÖ und KPÖ als Parteien neu konstituiert. Neuer Bürgermeister von Wien wurde General Theodor Körner.

Prikryl waltete noch kurz als Vizebürgermeister seines Amtes. Spätestens ab 18. April verabschiedete er sich endgültig von der politischen Bühne und widmete sich nunmehr seinem –– eher erfolglosen –– Privatleben.

Innerhalb der KPÖ war er aufgrund seiner seltsamen Amtsführung isoliert. Als er sich später den Sozialdemokraten anzubiedern versuchte, wurde er von diesen Genossen ebenfalls nicht ganz ernst genommen.

Einer der wenigen, die Prikryls Arbeit zu schätzen wusste, war Viktor Matejka. Im Gespräch mit Hugo Portisch sagte er: „Es war alles zugesperrt, es war ja Krieg. Es ist niemand in die Arbeit gegangen oder in eine Fabrik. Es hat niemand etwas erzeugt, aber der Prikryl hat Vollmachten ausgestellt und hat gesagt: "Ich bevollmächtige Sie, den Betrieb Sowieso aufzusperren."’ Ganz egal, wer da gekommen ist. Und das ist ja dann auch geschehen. Das war Initiative, eine wichtige Initiative. Er hat auch mir eine Vollmacht gegeben. Ich hab ja gar nicht gewusst, wen es da überhaupt gibt, mit dem man verhandelt. Und der Prikryl, der war da.“

Als bester Gast im Gasthaus seiner Frau


Rudolf Prikryl wurde wieder Installateur und hat zunächst in seiner Innung „mit den Ariseuren und Aasgeiern gründlich aufgeräumt.“

Er übernahm einen arisierten Installationsbetrieb in Wien I, Wipplingerstraße 25, wo er bis zu 45 Arbeiter und Angestellte beschäftigte. Doch ab 1948 ging es für ihn auch wirtschaftlich wieder bergab. Eine Steuerprüfung endete mit Pfändung der Gewerbeberechtigung und der Einsetzung eines Zwangsverwalters wegen Steuerschulden in Höhe von 156.353,22 Schilling. Gleichzeitig klagte der ehemalige Besitzer (Ariseur) des Installationsgeschäftes in der Wipplingerstraße. Ihm wurde vom Gericht Recht gegeben, was zu Prikryls gerichtlicher Delogierung führte.

Im März 1959 wandte er sich an die „Volkshilfe“ und bat um Unterstützung. Anfang 1960 legte er den Gewerbeschein wegen einer Operation und der daraus folgenden Erwerbsunfähigkeit zurück. Immer wieder gelang es ihm Zuwendungen von jeweils ein paar hundert Schilling von der MA 12 zu bekommen. Sein Antrag auf Opferfürsorge wurde 1952 abgewiesen, da seine Vorstrafen zwar getilgt, aber eine weitere wegen Erpressung hinzugekommen war.

Ab 1. März 1961 erhielt er eine Erwerbsunfähigkeitsrente in Höhe von 648,50 Schilling monatlich. Er kämpfte weiterhin erfolglos um eine Opferfürsorge. Er konnte lediglich seine relativ kurze Anhaltung in Wöllersdorf nachweisen, doch fehlten ihm Belege für die Haftzeit in Frankreich.

Frau Huk: „Er hatte viele Weibergeschichten und war meistens stier.“ Daher hatte er „dauernd Schulden, verursacht durch Prozesskosten im Zusammenhang mit der inzwischen erfolgten Scheidung von seiner Frau, und scheint auch sonst nicht imstande gewesen zu sein, mit seinem relativ geringen Einkommen zu wirtschaften.“

Im Dezember 1945 hatte Prikryl die Gastwirtin Pauline Maria Müller geheiratet –– seine dritte Ehe. Er dürfte im Gasthaus seiner Frau selbst der beste Gast gewesen sein. Diese Ehe wurde im Juli 1948 wieder geschieden. Die nächste Ehe dauerte nur wenige Wochen. Im September 1956 heiratete er ein fünftes Mal. Diese Ehe wurde im Juni 1961 geschieden.

Rudolf Prikryl starb am 13. Juni 1965 um 21.15 Uhr im Altersheim der Stadt Wien „Baumgarten“ an Prostatakrebs.

Am 23. Juni wurde die Urne mit seiner Asche am Zentralfriedhof beigesetzt. Sein Sohn, mit dem er kaum mehr Kontakt hatte, musste noch die ausstehenden Pflegegebühren bezahlen, da Prikryl unrechtmäßig seine Pension bezog, die aber dem Altersheim gebührt hätte. Das Grab war ihm von der Stadt „auf Friedhofsdauer“ gewidmet worden. Der rote Rudi scheiterte auch noch am Friedhof: Heute gibt es dieses Grab nicht mehr.

Literatur: Fischer, Karl: Phantom Prikryl. Die Person des Rudolf Prikryl, die Legende vom „Drei-Tage-Bürgermeister“ und der Amtsantritt Theodor Körners als Wiener Bürgermeister, in: Studien zur Wiener Geschichte. Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, Band 51. Wien 1995

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