Land Art Cross Soccer
Über die Dörfer - ein Fußballexperiment
Am 3. Juli 2005 kam es im oberen Mühlviertel zu einem außergewöhnlichen Doppelpass zwischen Sport und Kunst. Zum Abschluss des Festivals der Regionen trafen sich zwei Nachbarorte zu einer fußballerischen Auseinandersetzung unter dem viel versprechenden Titel "Land Art Cross Soccer".
Der Stadtplatz von Aigen ist an diesem Sonntagnachmittag für den Verkehr gesperrt. Vor der Kirche stehen zwei Tore friedlich Schulter an Schulter. Über eine Lautsprecheranlage dröhnt die Stimme eines Fußballreporters. Sie überschlägt sich professionell, als er vom ersten Höhepunkt des Spiels berichtet: Ein Aigener Spieler hat gerade ein Eigentor geschossen und damit unbeabsichtigt die Sportunion St. Oswald mit 0-1 in Führung gebracht. Die unvermeidliche Wortschöpfung Aigentor leitet die wohlverdiente erste Pause in einer Begegnung ein, die sich im buchstäblichen Sinn räumlich wie zeitlich in die Länge ziehen wird. Was bei einem herkömmlichen Fußballspiel ein sicheres Zeichen von Langeweile wäre, macht hier den Reiz der Sache aus: "Land Art Cross Soccer" verzichtet auf die engen Grenzen des Spielfeldes, dafür schweift es über die Landschaft und versetzt sich selbst in einen Zustand der Unvorhersehbarkeit, den man sich von manch statischem Geplänkel eines Champions-League-Spieles oft vergeblich wünscht.
Ein Bus verbindet die Zwischenstationen des Querfeldeinspieles, sodass auch der Zuspätgekommene noch auf den Spielverlauf stoßen kann. Während das Festivalradio Live-Interviews mit den Masseuren der Teams bringt, die Auskunft über die körperliche Verfassung der Spielerinnen und Spieler geben, gesteht der Busfahrer, dass er schon lange mit dem Fußball Schluss gemacht habe. Zu vü Airbag, meint er lächelnd und klopft sich auf seinen Bauch. Gemütlich schlängelt er sein Fahrzeug durch die engen Kurven der kleinen Siedlungen auf eine Autokarawane zu, die aus der Gegenrichtung kommt. Und plötzlich taucht auf der Wiese auch ein vielbeiniges rot-weißes Menschenknäuel auf. Es scheint zunächst nur zäh vorwärts zu kommen, doch dann bewegt es sich wieder ruckartig weiter. Ab und an sieht man eine weiße Kugel über den Köpfen aufblitzen und gleich darauf wieder im Dickicht der Spielenden verschwinden. Begleitet werden diese von drei Reitern. Im Näherkommen entpuppt sich einer von ihnen als der Radiokommentator.
Regeln und Regionen
Die Idee zum Land Art Cross Soccer stammt von dem Grazer KünstlerInnenkollektiv rhizom. Zwei Leute in unserem Umfeld, die nicht nur mit Kunst, sondern auch mit Fußball zu tun hatten, haben uns darauf gestoßen, erzählt der Rhizomat Leo Kreisel-Strauß. Zum einen Said Saib, ein Marokkaner, der in den Achtzigern bei Sturm Graz gespielt und uns erzählt hat, wie er als Kind auf der Straße das Fußballspielen gelernt hat. Und zum anderen Mirko Maric, ein aus Sarajevo stammender Künstler, der ebenfalls Fußballer war. In Analogie zum labyrinthischen Stadtraum mit seinen Gässchen und holpernden Plätzen verlegte man sich für das Festival der Regionen, das sich programmatisch um eine Begegnung von künstlerischen Initiativen mit dem ländlichen Lebensraum bemüht, auf eine Variante, die die Unebenheit der Landschaft als Herausforderung aufnimmt. Was lässt sich dabei spielerisch über das dörfliche Neben- und Miteinander und auch über ein so vermeintlich bekanntes Phänomen wie den Fußball herausfinden? Gemeinsam mit Vertretern der Vereine versuchte man in einem Probespiel Regeln für ein Fußballspiel von einem Ort zum anderen zu entwickeln. Ab diesem Zeitpunkt haben die Leute hier heroben das Projekt selbst in die Hand genommen, erzählt Leo. Wir waren die Impulsgeber für einen demokratischen Prozess, in dem die Akteure und Akteurinnen untereinander die Spielregeln ausdiskutierten und festlegten.
Die 7,5 Kilometer zwischen St. Oswald und Aigen wurden in vier Etappen geteilt, an deren Zielen jeweils zwei Tore nebeneinander aufgestellt wurden. Die Spielzeit an den Etappenzielen wurde auf fünf Minuten begrenzt, bei einem Tor würde automatisch abgepfiffen und weitergezogen.
Auf und Ab
Nach torlosen fünf Minuten am zweiten Ziel zeichnen sich zwei entgegengesetzte taktische Konzepte ab, die auch die unterschiedlichen Temperamente der Teams widerspiegeln. Aigen stellt eine junge, verspielte Mannschaft, die sich auf den Korridoren zwischen den Stationen meist in Ballbesitz befindet. St. Oswald spielt deutlich ökonomischer und verfügt über eine erfahrene, um nicht zu sagen, ergraute Defensive, die sich nobel am Schluss des Feldes zurückhält und immer wieder von den begeisterten Zuschauern überlaufen wird. Nau, homs di scho mim Auto nochigfiad, ruft ein Oswalder einem Teamkollegen zu, der gemütlich trabend im Begleitkonvoi auftaucht. Sein lächelndes Schweigen wird zur Kenntnis genommen, die genaue Erörterung der Umstände seines Nachzügelns auf das anschließende Grillfest verschoben.
Nach einem immer angespannteren gegenseitigen Belauern zeigen die Oswalder aber ihre Gefährlichkeit: Ein Traumpass über dreißig Meter in Richtung Etappenziel überrascht die Aigener Kreativabteilung; sie fehlt nun in der Spitze, in der ein Oswalder zum entscheidenden Lauf ansetzt. Kurz bevor er zum Schuss kommt, wird er von einem Aigener notgebremst. Das Spiel steht vor den nächsten beiden Toren, die Stimmung kocht. Aigen drückt und will den Ausgleich, aber auch die Oswalder lauern an der Fünfmetermarke vor den Toren, die nicht übertreten werden darf. Ein Schuss eines Oswalders wird vom Aigener Tormann abgelenkt und landet neben seinem im Oswalder Tor. Jubel brandet auf, kurze Ratlosigkeit bei den Schiedsrichtern, der eine für die Aigener unverständliche Entscheidung folgt: Der Treffer zählt nicht. Nun aber sind sie erst recht motiviert. Wieder kriegt ihr Tormann den Ball zu fassen und reagiert schnell: Er wirft den Ball einem Knäuel von Aigener Spielern zu, die allesamt an der Markierung lauern. Einer von ihnen streckt erfolgreich sein Bein aus, 1-1, grenzenloser Jubel. Nach einer weiteren Trink- und Rauchpause zieht das Spiel der Entscheidung entgegen. Die Aigener Spieler lassen, angeführt von ihrem glänzend die Fäden ziehenden Kapitän Manfred Leitner, die Oswalder kaum mehr an den Ball. Das Spiel durchquert kurzfristig den Heuspeicher eines Bauernhofs, in dem sofort fleißig mit der Bande kooperiert wird. Die Idee eines kurzen Ausflugs in den Stall wird vom Schiedsrichter freundlich, aber bestimmt unterbunden. Bei den Oswaldern macht sich ausgelassene Verzweiflung breit: Nach einem Bodycheck am Garagentor schnappt sich einer von ihnen den Ball, steckt ihn sich unter das Leiberl und setzt zur Flucht an. Auch dieser individuellen Variante des Cross Soccer gegenüber bleibt der Schiedsrichter unnachgiebig und pfeift ihn zurück.
Immer weiter und über die Grenze?
Während sich die OswalderInnen schon am Marktplatz tummeln und eine aus ungefähr 27 Spielern bestehende Viererkette bilden, tricksen sich die Aigener Jungspunde am Dorfplatzeingang fest. Und aller Müdigkeit zum Trotz scheint eine spontane Sehnsucht fortzubestehen nach einem Immer-Weiter, über die Felder in den nächsten Ort und dann vielleicht gar über die Grenze, nach Tschechien, nach Deutschland, immer weiter, vielleicht einmal um den Erdball, den großen, der ja auch nicht zufällig eine Kugel ist, um die sich alles dreht, die alles in Bewegung hält, was lebt. So endet die Begegnung mit einem gerechten Unentschieden, das nichts von einer schalen Punkteteilung hat, sondern viel eher einem Punktetausch, einem Austausch der Stand-Punkte. Die Aigener sind an diesem Sonntag aufgebrochen und haben keinen Punkt, sondern gleich die ganzen Oswalder aus Oswald entführt. Sie sind mit ihnen über die Landschaft gezogen und haben nicht bloß die Punkte, sondern eine ungewöhnliche Erfahrung mit ihnen geteilt. Zum Dank dafür haben sie die Oswalder nachher zu einem großen Fest eingeladen, das wer weiß? immer noch im Gang ist. Und wenn die Aigener das nächste Jahr Meister werden, dann gibt es auch wieder ein tolles Derby, und bis dahin vielleicht die eine oder andere Cross-Soccer-Trainingseinheit mit Perspektivenwechsel.