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neunerHaus Nummer 2: Obdachlose finden in Döbling zur inneren Ruhe

Unkonventionelle Liberalität

Der Verein neunerHaus eröffnete am 5. September feierlich sein zweites Haus. Hausleiter Johannes Lorenz und Geschäftsführer Markus Reiter führten den Augustin durch die billige, aber mitnichten grindige Absteige für Männer in akuter Wohnungslosigkeit.
Mehr Regeln bedürfen mehr Kontrolle“, hält Johannes Lorenz fest, und da er weder Kontrolleur noch Anwärter auf einen Big Brother Award, sondern Sozialarbeiter und Hausleiter der beiden neunerHäuser ist, kommen für ihn strenge Hausregeln, wie sie in anderen Obdachloseneinrichtungen üblich sind, nicht in Frage. Markus Reiter, geschäftsführender Obmann des Vereins neunerHaus, erklärt, dass eine Betreuungsidee verfolgt werde und nicht bloß Wohnplätze geschaffen würden: „Obdachlose erzählen, sie gingen nicht in städtische Häuser, weil dort Alkohol- und Hundeverbot herrsche, die Ausstattung dürftig sei und Pärchen nicht einziehen dürften.“

Markus Reiter ist äußerst bemüht, den Bedürfnissen seines Klientels gerecht zu werden. Das bedeute „ihnen Freiraum zu bieten“ und „ihnen gegenüber Respekt aufzubringen“. Der Freiraum, den er meint, besteht darin, „die eigenen vier Wände selbst einrichten zu können, Haus- und Wohnungsschlüssel zu bekommen, Besucher und Besucherinnen empfangen zu dürfen und was besonders wichtig ist, keinen Zeitdruck auszuüben“. Die BewohnerInnen des Hauses Hagenmüllergasse (anders ist es beim Haus Billrothstraße, doch dazu unten mehr, Anm.) können dort dauerhaft wohnen. Die Summe dieser sehr liberalen Rahmenbedingungen ermöglicht den ehemaligen Obdachlosen sich zu stabilisieren, wieder zur inneren Ruhe zu finden, was sich unter anderem auf die Reduktion des Alkoholkonsums und der Gewaltbereitschaft auswirke. Als Beleg dafür verweist Markus Reiter auf die Anzahl der Dosencontainer, die binnen eines Jahres um ein Drittel verringert werden konnte.

Bei Häupl abgeblitzt


Das erste neunerHaus hätte ursprünglich im 9. Wiener Gemeindebezirk seine Pforten öffnen sollen (daher leitet sich, wie scharf nachdenkende LeserInnen jetzt sicher vermutet haben, auch der Name ab, Anm.), wäre es nach dem Wunsch der dezidiert über Parteigrenzen hinweg agierenden sozialpolitischen Initiative, aus der sich der Verein neunerHaus entwickelte, gegangen. Diese Initiative forderte von Bürgermeister Häupl „schaff´ hier Häuser für Obdachlose“, wie es Markus Reiter salopp und prägnant zugleich formulieren vermag. Häupl kam der Aufforderung nicht nach, also war Eigeninitiative angesagt, um den Obdachlosen aus dem Umfeld des Franz-Josefs-Bahnhofs eine Einrichtung zu bieten. Die Suche nach einem geeigneten Objekt verlief im 9. Bezirk erfolglos, doch schließlich wurde man wenigstens im 3. Bezirk in der Hagenmüllergasse fündig und führt es nun seit Jänner 2001 mit über sechzig Wohnplätzen für Frauen und Männer.

„Anfangs ist unser Konzept auf Ablehnung seitens der Stadt und auf große Skepsis seitens der Fachwelt gestoßen, doch mittlerweile sind wir akzeptiert und gut in der Wiener Obdachlosenhilfe vernetzt“, erzählt Markus Reiter, „und wir schaffen es jetzt auch, bei Konzeptreformdiskussionen andere mit unseren Inhalten anzustecken“.

Mittlerweile wurden auch das Wiener Service für Wohnungslose – P7 und der Fonds Soziales Wien (=FSW) so erfolgreich infiziert, dass sie in Kooperation mit dem neunerHaus getreten sind, um ein Pilotprojekt - eine Übergangseinrichtung für Männer in akuter Wohnungslosigkeit – zu schaffen, und zwar in einem Haus, das im Jahr 1927 von der Gemeinde Wien für ledige Mütter erbaut worden war. Nicht dass man jetzt in Versuchung gerate zu denken, das neunerHaus torpediere in phallokratischer Manier Schutzräume für Frauen, die der Hilfe bedürfen, nein, denn erstens wohnten schon lange keine ledigen Mütter mehr darin und zweitens wurmt es den Hausleiter Johannes Lorenz gehörig, diese Bedingung seitens des FSW, keine obdachlosen Frauen aufnehmen zu dürfen, schlucken zu müssen.

Nun hat der Verein neunerHaus also im Juli 2005 das neue Haus mit der Adresse Billrothstraße 9 im 19. Wiener Gemeindebezirk, also einer nicht gerade abgefuckten Gegend, bezogen und bietet dort 35 Männern Plätze an, die am Tag der offiziellen Eröffnung schon beinahe zur Gänze belegt waren.

Ein Zimmer im Nobelbezirk für 200 Euro


Einer davon ist Gerald Sch. - ein typischer Fall für akute Wohnungslosigkeit. Aufgewachsen in Wien, doch die Liebe lotste ihn vor 20 Jahren nach Salzburg. Die Beziehung währte nicht ewig, und er wollte nach der Trennung zurück in seine Heimatstadt. Hier war er auf eine billige Wohnung angewiesen und seine Internetsuche führte ihn zu P7 und in weiterer Folge zum neunerHaus Billrothstraße, wo er sich auch vor zwei Monaten ein Zimmer von dreien auswählen und fein einrichten konnte. Nur einen Schönheitsfehler hat sein neuer Wohnraum – es stehen noch oben auf dem Küchenkästchen die Umzugskartons vom Einzug, und sie bleiben auch dort stehen, denn in vier Monaten heißt es für Herrn Sch. wieder einpacken und weiterziehen: das Wohnangebot im Haus Billrothstraße ist generell auf sechs Monate befristet. Doch diesen Bewohnern wird vom Verein neunerHaus neben den schmuck renovierten Wohnräumen auch Hilfe zur Selbsthilfe geboten, das heißt spätestens nach einem halben Jahr stehen die meisten wieder auf ihren eigenen Beinen und können dem neunerHaus in der Billrothstraße 9 getrost den Rücken zudrehen, doch ob sie erneut ein Zimmer in Döbling für 200 Euro finden können, muss wohl stark bezweifelt werden.


4. neunerHAUS-Kunstauktion zugunsten Obdachloser
Am 20. Oktober um 19:30 Uhr wird im Wiener MAK die vierte Kunstauktion zugunsten des Vereins neunerHAUS über die Bühne gehen. Zur Versteigerung kommen mehr als 130 Werke von so renommierten Kü
nstlerInnen (darunter Cornelius Kolig, Ernst Fuchs, Arnulf Rainer, Christian Ludwig Attersee)
www.neunerhaus.at

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