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Vor der Wende waren sie "Lumpenproleten" und "Arbeitsscheue"

Die Geächteten von "Fedel nelkül"

In Ungarn gibt es seit der Wende in der Politik neue Gruppen von Obdachlosigkeit Betroffener. In der Budapester Straßenzeitung „Fedel nelkül / Ohne Dach“ schreiben ausnahmslos Obdachlose, deren Texte von einer Jury ausgesucht und mit Preisen bedacht werden.
Ich habe jetzt 100.000 Roma aus der Slowakei“, sagt Frau Bock in ihrem Kellerbüro von SOS Mitmensch bei der Mariahilfer Straße und lächelt ihren ungarischen Besuch freundlich an. „Die kriegen ein Jahr Sozialhilfe, dann ist das aus und die sitzen dann ganz still in der Wohnung und warten, ob jemand die Miete zahlt. Alle mit Kindern und ohne Männer.“ Ute Bock schüttelt den Kopf. Aus Budapest sind der Sozialarbeiter Szabolcs Sebestyen und der Theologe Sandor Horvath von der Straßenzeitung „Fedel nelkül/ Ohne Dach“ in ihren weißen Hemden mit Karomuster gekommen, um zu sehen, wie der Augustin funktioniert. Für Sandor musste der Augustin extra eine amtliche Erklärung abgeben, der gebürtige Ukrainer soll schließlich nicht im schönen Wien verbleiben...

Nach einem langen, informationsreichen Nachmittag mit Andi vom Vertrieb und Robert von der Redaktion wollten die beiden noch die große alte Dame der privaten AsylwerberInnen-Betreuung kennen lernen. „Wir haben in Budapest auch viele Roma, aus Rumänien und dem ehemaligen Jugoslawien. Die können auf der Straße leben, weil sie ungarisch sprechen und nicht besonders auffallen. AfrikanerInnen hingegen fallen auf, wir haben nur einen einzigen obdachlosen Afrikaner, einen Theologen aus dem Kongo“, erzählt Seb, für den die ganzen AfrikanerInnen-Geschichten in Wien neu sind.

Ihm gefällt die bunte Mischung der Augustin-KolporteurInnen. Erstaunt und nachdenklich zugleich betrachtete er die drei hübschen schwarzen Jungs, die im Internetraum des Augustin-Vertriebsbüros ihre Mails abschicken und auf love.at herum surfen. Er selbst arbeitete bereits in Aachen und in London bei Straßenzeitungen mit. Aber es war schwierig, aus Ungarn raus zu kommen. „Na ja“, lacht Seb und fasst in einem kurzen Satz die ganze Ambivalenz der Osterweiterung der Europäischen Union zusammen: „Wir Ungarn sind jetzt in der EU. Wir dürfen nicht rein.“

Als die ArbeiterInnenheime geschlossen wurden...

Seit der Wende 1989 gibt es in Ungarn sehr viel mehr Obdachlose als zu Zeiten des Staatssozialismus. Dreißig- bis sechzigtausend Obdachlose sind es insgesamt, davon lebt jeder zweite in Budapest. Der prozentuelle Anteil der Frauen erhöht sich von Jahr zu Jahr. Im Vergleich zu Österreich ist erstaunlich, dass 95 Prozent der obdachlosen Menschen in Ungarn arbeiten gehen und nur fünf Prozent von der Sozialhilfe leben, aber der Lohn reicht nicht für die Miete.

„Vor der Wende hatten wir ein System von ArbeiterInnenheimen. Leute, die nach Budapest kamen, um zu arbeiten, lebten da. Als die Heime in den 90er Jahren geschlossen wurden, wurde diesen Leuten auf der Straße ihr Leben beendet.“ Sandor Horvath, der mit seinem rasierten Schädel und der Jeans wie ein supercooler Theologe aussieht, fährt seit Jahren im Krisenauto, das Tag und Nacht erste Hilfe für Obdachlose anbietet. „Das waren damals plötzlich ein paar Tausend Leute mehr auf der Straße. Es gibt nur ganz wenig soziale Wohnungen. Die Fabriken wurden auch geschlossen. Im Sozialismus gab es wenig Obdachlose und kaum Arbeitslose. Wer absolut keine Arbeit hatte, kam als sogenannter Arbeitsscheuer erst in ein Lager und dann ins Gefängnis.“

In der Zeitung der Budapester Obdachlosen schreibt ein Jozsef Bakos dazu: „Das einzige Problem ist, dass die Zeit vergeht; nur ich verändere mich nie. Zur Zeit des Kommunismus war ich ein gefährlicher Arbeitsscheuer, später ein Lumpenproletarier und jetzt bin ich ein Obdachloser.“

Eine andere Gruppe, die heute mit Sicherheit auf der Straße landet, sind Jugendliche, die genau zu ihrem 18. Geburtstag aus dem Jugendheim geschmissen werden. Niemand ist für sie zuständig. (Das Problem kennt Frau Bock, nach Jahrzehnten als Leiterin eines Gesellenheimes der Stadt Wien, auch gut genug.) Sandor betreute in letzter Zeit viele Mädchen in dieser misslichen Lage. Da der Wohnraum in Budapest teuer ist, ziehen selbst viele Jugendliche, die sich mit ihren Eltern verstehen, die Straße den engen Wohnverhältnissen bei den Eltern vor. Ein eigenes Zimmer ist unerschwinglich.

„Wir haben nur noch zwei Klassen von Leuten, ganz reiche und ganz arme –– dazwischen gibt es nicht viel. Das soziale Netz hat große Lücken“, resümiert Sandor, der aus seinem Theologiestudium mitgenommen hat, wie man mit Menschen umgeht, dass nicht nur das Materielle zählt. („Mit dem materiellen Erfolg allein ist er nicht zufrieden“, schimpft Seb. „Dabei ist das doch auch schon viel.“) Wenn wer aus der Psychiatrie raus kommt, muss er oder sie auf der Straße warten, bis die Aufnahme in ein Sozialheim erfolgt. Die Wartelisten sind lang. Sandor kritisiert auch, dass es keine Heime für ganze Familien gibt, die dann eben auseinander gerissen werden –– Frau mit Kindern ins Heim, Mann auf die Straße.

Wettbewerbe für Schreiberlinge

„blaues himmelchen...isst kleine wolke....dort spaziert der wind.“ Die Texte in Fedel nelkül / Ohne Dach sind alle von Obdachlosen verfasst, es gibt noch eine zweite, professionell aufgemachte Straßenzeitung „Pflaster“, in der auch JournalistInnen schreiben dürfen. Fedel nelkül hat 1.257 registrierte Verkäufer – 30 Prozent davon sind Frauen, insgesamt 500 verkaufen regelmäßig. Die älteste Straßenzeitung Budapests (seit 1994) wird von der Stiftung „Menhely/Asyl“ herausgegeben und finanziert sich großteils über ein EU-Projekt mit Spanien und Großbritannien. Drei SozialarbeiterInnen sind beschäftigt, der Chef ist auch Tischler von Beruf.

Die Ungarn sind im Vergleich zum Augustin ziemlich leistungsorientiert: Die vierzig „besten“ VerkäuferInnen werden besonders unterstützt. Die eher lyrischen, oft traurigen Texte werden von einer Jury bewertet, die aus zwei „zivilen LiteratInnen“ und einem Koordinator von der Zeitung besteht und für die Publikation auswählt. Die AutorInnen erhalten einen Preis, kein Honorar. „Sie können ihre Werke einfach abgeben. Der Wettbewerb gilt in den Sparten Lyrik, Prosa und Grafik. Der Sieger oder die Siegerin erhält pro Sparte 3.500 Forint“, erklärt der rührige Seb, der im November ein großes Reggae-Festival als „Charity Sound System Party“ für seine Zeitung organisieren will, um vermehrt junge LeserInnen anzusprechen.

Als Eintrittskarten stellt er sich Konservendosen und Kleider vor, jeder soll was mitbringen. „Unsere KlientInnen, also unsere VerkäuferInnen, werden das nett finden. Sie kommen aber nicht rein, weil das für sie ein bisschen einen ideologischen Konflikt darstellt. Sie schämen sich für ihre Obdachlosigkeit.“ Dann regt Seb sich auf, weil die Gruppe „Gentleman“ nur in Wien aufgetreten ist, obwohl sie zweimal für Budapest gebucht waren.

Sandor macht sich inzwischen grundlegende Gedanken: „Ich habe ein ganz großes Problem mit dem ungarischen System. Die ganze soziale Arbeit mit den Obdachlosen steht und fällt mit der Straßenarbeit, die wir machen. Es existiert keine klassische soziale Arbeit durch den Staat. Es ist nur Wasser auf Feuer. Wenn Leute sich nicht selbst aus einer Situation heraus helfen können oder wollen, bleiben sie für immer auf der gleichen Ebene stehen. Es gibt wenige Projekte zur Reintegration in die Gesellschaft. Nur eine Handvoll Leute kann die Untermiete bezahlen, die meisten bleiben in den Heimen hängen, in denen man z.B. bis zu einem Jahr in einem Zimmer zu viert leben kann.“

Der Staat kann aufgrund einer Entscheidung des Verfassungsgerichtes von 2000 nur im Fall der direkten Lebensgefahr zur Versorgung verpflichtet werden. Die Gewährung der Unterbringung ist Aufgabe der „Hauptstädtischen Selbstverwaltung“. Es gibt den „Rat der zehn Delegierten (Tizek Tanacsa)“ und den „Hauptstädtischen Rat des Obdachlosenwesens“, in dem die 150 verschiedenen Organisationen zusammen arbeiten. Das neuste Programm betrifft die Sicherung der Unterstützung für die Miete. Die beiden Fedel nelküls wirken auf jeden Fall so, als ob sie sehr viel Zeit auf der Straße verbringen.

www.fedelnelkul.hu

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