Aktion "Hunger auf Kunst und Kultur" weitete sich aus
Brot für alle, Spiel für alle
Die Aktion "Hunger auf Kunst und Kultur" ist eine Kooperation der österreichischen Armutskonferenz mit diversen VeranstalterInnen im kulturellen Bereich. Sie ermöglicht sozial Schwachen einen Gratiszugang zu Theater, Musik, Film oder Museum. Wenn der Staat seiner Pflicht nachkäme und sich darum kümmern würde, dass nicht immer mehr Menschen draußen aus dem Spiel bleiben, würde sich die Aktion erübrigen ...
Wien-Favoriten um 1920. Gerhard Bronner, Kind aus Favoriten, in seiner Autobiographie Spiegel vorm Gesicht über Wien-Favoriten:
die Menschen gingen in zerlumpter Kleidung, Arbeit suchend, die es nicht gab. Man hatte Hunger. Das ist ein Zustand, an den man sich nicht gewöhnen kann, auch wenn er noch so lange andauert. Mein Vater, der nicht nur den allgemein üblichen Hunger nach Nahrung hatte, hungerte auch nach Kultur. Als ihm jemand eine Theaterkarte für das Volkstheater schenkte, sah er "Die Weber" von Gerhart Hauptmann. Dieses Stück machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er beschloss, seinen nächsten Sohn nach Gerhart Hauptmann zu benennen. Ich war vermutlich der erste Sohn jüdischer Eltern, der mit so einem teutonischen Namen behaftet wurde. (Ein Irrtum des Standesbeamten verweichlichte den Gerhart zum Gerhard) Und das in der böhmischen Nachbarschaft von Favoriten, wo dieser Name noch nie gehört wurde.
Wien, Naschmarkt, 2005. Maria Holzer (Name von der Redaktion geändert) schreibt an die Armutskonferenz: Meine finanzielle Situation ist so angespannt, dass ich auf dem Naschmarkt um Gemüseabfälle bettle. Meine Wohnsituation ist sehr bedrückend. Manchmal weiß ich nicht mehr weiter. Mit ihrem Kulturpass war ich seit 10 Jahren wieder einmal im Kino und in der Volksoper. Am Naschmarkt können wir die Kluft ganz deutlich und sehr drastisch wahrnehmen: hier die Welt der Gutverdienenden, dort die der Einkommenslosen. Immer mehr Gastronomie der gehobenen Preisklasse, aber auch immer mehr, die Essbares aus den Mülltonnen herausholen. Weniger augenscheinlich und nüchtern der Sozialbericht der Statistik Austria: Nahezu 10 Prozent der WienerInnen Bevölkerung sind statistisch gesehen arm. Konkret sind das 150.000 WienerInnen. 7 Prozent der WienerInnen, also fast alle dieser Armen, tragen stark abgenutzte Kleidung und können ihre Wohnung nicht ordentlich heizen.
Wien 2003 – in einer Schneiderei. Wo sonst als hier könnte gekonnter etwas gegen die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich unternommen werden? Ein trüber Novembervormittag. Pressekonferenz. In der Schneiderei des Schauspielhauses wird "Hunger auf Kunst und Kultur", eine gemeinsame Aktion von Armutskonferenz und Schauspielhaus vorgestellt. Und auf einmal ist dieser Vormittag gar nicht mehr so trüb. 2003 ermöglichte das Schauspielhaus als zunächst erste und einzige Kulturinstitution KulturpassbesitzerInnen einen kostenlosen Theaterbesuch.
Andere Städte kopierten die Idee
Bei Uneingeweihten gilt das Schauspielhaus als zu hochgestochen. Eingeweihte wissen aber, dort gibt´s nicht nur interessante Eigenproduktionen, sondern immer wieder treten Gäste auf. Franzobel, Erwin Riess, Günther Gunkl Paal, Café Drechsler, Harri Stojka, Helen Schneider, Lucy Mc Evil, Hermes Phettberg, um nur einige zu nennen. Und vor allem immer wieder Otto Lechner. Mit kleinen feinen Abenden in der Schneiderei oder mit seinen massentauglichen Programmen im großen Saal. Unvergesslich eine Sylvesternacht mit Otto und seinen Windhunden, der Publikumsraum eine große Tanzfläche.
2003 initiierte also das Schauspielhaus in Kooperation mit der Armutskonferenz die Aktion unter dem Motto "Theater für alle". 2004 machten fünf weitere KulturveranstalterInnen mit. Und 2005 waren es schon 25. Museen, Jazzlokale, Kinos, mehrere Theater und als erster Kabarettist Josef Hader.
Für die meisten der 150.000 statistisch erfassten WienerInnen gibt es vermutlich wichtigere Grundbedürfnisse als den Besuch von kulturellen Veranstaltungen. Aber 8.000 Menschen holten sich ihre Kulturpässe bei den 60 – vom Augustin bis zum Wiener Hilfswerk – ausstellenden Institutionen.
Bereits 8.000 Menschen können somit ihren anderen Hunger unentgeltlich stillen. Für sie ist das Erleben von Kunst und Kultur, das nachträgliche Nachdenken und Reden darüber, bereichernd. Vielleicht verändert es Einstellungen. Vielleicht gibt es Ezzes für Vornamen zukünftiger Kinder. Endlich können in die Armut abgerutschte AlleinerzieherInnen mit ihren Kindern ins Kinder-Theater oder Kinder-Kino gehen. Menschen mit Theater-Berührungsängsten könnten mit dem Volkstheater in den Bezirken beginnen. Nach Musik Hungernde haben mehrere Wahlmöglichkeiten. Vom Arnold-Schönberg-Center, der Jeunesse bis Porgy & Bess. Oder die Schottenberg-Festwochen-Erfolgsproduktion Der Graf von Luxemburg in der Volksoper. Und noch viel Musikalisches mehr. Bald kamen die ersten Dankesbriefe mit Sätzen wie Der Kulturpass ist wirklich ein Lichtpunkt in meinem derzeitigen Alltag.
Andere Städte informierten sich. 2004 führte Zürich den Kulturpass ein, 2005 folgte Berlin. In Österreich wird vermutlich Salzburg die nächste Kulturpass-Stadt werden. Oder Linz.
Gerhard Bronners Vater war 1921 noch auf eine geschenkte Eintrittskarte für das Volkstheater angewiesen. Heute sagt Volkstheater-Chef Michael Schottenberg: Kunst und Kultur sind Teil der Allgemeinbildung und der Herzensbildung, kurzum: Lebenselixier. Brot und Spiele gehören zusammen. In einer Demokratie müssen Kunst und Kultur für alle erreichbar sein, die sich dafür interessieren. Die Praxis ist anders. Immer mehr leben in Armut, sind draußen aus dem Spiel, können sich den Eintritt in die Welt der Kunst und Kultur nicht leisten. Das haben wir KünstlerInnen satt. Wo die Politik versagt, wollen wir KünstlerInnen zumindest den Hunger auf Kunst und Kultur stillen.
Wer bekommt den Kulturpass?
Sozialhilfe- und Mindestpensionsempfänger, Arbeitslose, Flüchtlinge.
Wo ist der Kulturpass erhältlich?
Bei 60 Institutionen, darunter Augustin.
www.armutskonferenz.at/soziale-einrichtungen.doc
www.armutskonferenz.at/kultureinrichtungen.doc
Veranstaltungstipp:
Otto Lechner und Anne Bennent
20.000 Meilen
(nach Jules Verne)
SOS-Menschenrechte-Produktion von João de Brucó mit Flüchtlingen aus dem Lager Traiskirchen
Schauspielhaus
mit Kulturpass: GRATIS