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"Wohin des Weges?"

Das menschliche Antlitz von Lainz: Arbeit mit Demenz-PatientInnen

Ein Kaffeehaus, eine PatientInnenküche, Signaltöne von „"Autofahrer unterwegs"“: Im Geriatriezentrum am Wienerwald bemühen sich Menschen wie Abdulrahman Reda engagiert um die bewegungsfreudigen Demenz-PatientInnen. Gelingt ihnen das Kunststück, trotz „schlechter Presse“ motiviert zu bleiben?
Die Alarmanlage läutet nicht besonders laut, aber in regelmäßigen Abständen. Stationspfleger Reda geht rasch um die Ecke und schaut, wer den Alarm am einzigen Ein- und Ausgang der Demenzstation ausgelöst hat. Wir befinden uns im Pavillon 12, einem roten Backsteinbau, im Geriatriezentrum am Wienerwald. Eine verlegen lächelnde kleine Frau steht vor der piepsenden Tür, hält den Kopf schief und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Fehlalarm. Abdulrahman Reda schaltet mit der Fernbedienung die Alarmanlage aus.

„Unsere Zielgruppe sind eben die Leute, die Demenz haben –– und diesen Bewegungsdrang. Am Anfang zählen wir mit, wie oft jemand versucht, die Station zu verlassen. Bis zu 60 mal in der Woche!“, erzählt der langjährige Leiter der Demenzstation. „Nach ein paar Jahren sind es dann nur noch 11 mal die Woche. Früher nannte sich das eine Evaluation der Stationsflucht, aber weil das so negativ klingt, nennen wir das jetzt ‚ungeplante Ausgänge’.“ 1994 wurde ein Qualitätsmanagementprojekt für eine eigene Demenzstation entwickelt und 1996 beim Krankenanstaltsverbund eingereicht. 1998 begann der Umbau der Station –– speziell für Alzheimer-PatientInnen. Nun kann man hier richtig eine große Runde laufen, die Türen in den Garten sind offen. Der Garten in buntem Herbstlaub hat einen schönen Springbrunnen mit einer sich drehenden Kugel – und einen Zaun.

„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht zu der Bank gegangen. Die Banken in Mistelbach sind besser. Ich zahle alles zurück!“ –eine alte Dame im Wintermantel biegt um die Kurve und winkt aufgeregt mit ihrem Stock. „Wohin des Weges?“, fragt Krankenschwester Daphrose freundlich. „Wenn ich das alles erledigt habe, bin ich ein anderer Mensch. Glauben Sie mir, Schwester!“, ist die Antwort. Dann strebt die Dame eilig zu ihrer Freundin, einer südkoreanischen Musikprofessorin, die ihr lächelnd entgegen kommt. Hand in Hand gehen die beiden davon.

„Man kann nicht sagen, warum die Leute keine Ruhe haben“, sagt Herr Reda. „Wo wollen sie hin? Es gibt Leute, die Nachtdienst hatten und um Mitternacht arbeiten gehen wollen. Frauen wollen ihre Kinder versorgen und die Kinder leben schon gar nicht mehr.“ Bis jemand auf der Station landet, hat sie oder er zumeist schon eine lange Geschichte hinter sich. Verwandte nehmen oft große Mühen auf sich, doch es ist schwer. „Zu Hause kriegen sie oft Schimpfe. Warum ziehst du den Wintermantel im Sommer an? Sie laufen dann vor der Schimpfe und den Menschen davon. Sie haben das Gefühl, sie machen immer etwas Falsches und können das Wort ‚Warum’ schon gar nicht mehr hören. Wo es ihnen nicht gefällt, laufen sie weg.“

Freiheit und Sicherheit


Herr Reda, der seit 32 Jahren im ehemaligen Lainzer Pflegeheim und jetzigen Geriatriezentrum am Wienerwald arbeitet, bildet sich laufend fort. Das gesamte Team besuchte Validationskurse, in denen gelernt wird, den Menschen durch bestimmte Methoden die Angst zu nehmen. Es geht nicht um Bewertung, sondern um Wertschätzung: „Man darf nicht fragen, warum weinen Sie? Man sagt z. B.: Sie haben sich sicher sehr bemüht, das Richtige zu tun. Es tut weh? Ja, es tut weh.“ Aussagen haben oft eine symbolische Form, das Mitteilungsbedürfnis und die Körpersprache sind wichtig. Das Team überlegte sich Strategien und mit einem Musiktherapeuten wurde eine Serie von Kennmelodien entwickelt, die nun mit „Fit mach mit“ in der Früh und „Autofahrer unterwegs“ zu Mittag für einen besseren Tages- und Nachtrhythmus sorgen. Auch ein Kaffeehaus im Stil der 50er Jahre wurde initiiert, in dem zweimal die Woche Betrieb ist. Dem schönen alten Klavier fehlt leider ein Ersatzteil, das 1500 Euro kostet. Ein Klavierstimmer wäre gefragt.

Auf die Frau angesprochen, die sich trotz Alarmtür mit Hilfe ihres Rollstuhls und einer Treppe kürzlich in einem anderen Pavillon selbst zu Tode brachte, meint Herr Reda, dass eben Freiheit und Sicherheit gleich wichtig sein müssten. „Ich möchte das Recht auf meine Oberschenkelhalsfraktur“, hatte es ein Arzt in der Fernsehsendung „Vera“ ausgedrückt. „Die schlechte Presse ist so demotivierend für die Leute, die hier arbeiten“, sagt Schwester Daphrose, die aus Zentralafrika stammt. „Man kann die Leute nicht einsperren. Die wehren sich, wenn sie eingesperrt werden. Gott sei Dank gibt es noch Leute, die sich wehren.“ Sie selbst ist aus einer Diktatur geflüchtet. „Nach dem neuen Pflegeheimgesetz darf man jetzt die Leute in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, wenn sie sich oder andere gefährden“, meint der erfahrene Stationspfleger Reda vorsichtig. „Das galt bisher nur auf der Psychiatrie und nicht für Pflegeheime.“ Der Arzt muss zum Beispiel anordnen, ob Seitengitter am Bett notwendig sind. Ein Neurologe bewährt sich bei der „Gratwanderung der Medikation“ (Reda). Das „Heimaufenthaltsgesetz“ gilt seit 1. Juli 2005.

Die nicht salonfähigen Krankheiten


PatientInnen mit anderen Erkrankungen reagieren oft aggressiv auf Leute mit Alzheimer.
Unter Dementen lebt es sich leichter“, erklärt Herr Reda. „Die greifen sich nicht gegenseitig an, bewerten sich nicht. Die Sympathie bleibt.“ Demenz-PatientInnen sind sehr tolerant. Die Leute halten sich gerne in Gruppen auf, obwohl sie die letzten zehn bis zwanzig Jahre zu Hause meist in Isolation („mit dem Partner oder ganz alleine“, sagt Herr Reda) verbracht haben. Auf Demenzstationen würden sich Drei- bis Vierbett-Zimmer bewähren: „Ein bis zwei ist zu langweilig und fünf bis sechs Leute im Zimmer zu anstrengend.“ In der Gesellschaft wird Demenz, die als Orientierungslosigkeit in Zeit und Raum definiert wird, gerne tabuisiert. „Sogar der Kranke selbst versteckt es. Wenn er auf einem Spaziergang plötzlich nicht mehr weiß, wo er sich befindet, sagt er zu seiner Frau, gehen wir nach Hause – und nicht, wo bin ich hier?“ Herr Reda meint, dass sich jeder schämt, nicht leistungsfähig zu sein. Die Krankheit ist nicht salonfähig, wie z. B. der Schlaganfall als Folge von Überarbeitung. „Menschen, die weniger geistige Leistung bringen können, werden dafür noch schief angeschaut! Dabei hatte es Ronald Reagan auch und als Präsident der Vereinigten Staaten musste er sicher viel Gehirnakrobatik machen ...“ Herr Reda, ein gebürtiger Syrer, ist übrigens ein versteckter Militärflüchtling. „Ich habe diese sozialen Einengungen auch in Aleppo schon nicht gemocht. Wenn die Nachbarn in der Gasse Militärübungen machen, fragt man sich, was man in der Stadt noch soll“, erzählt Abdulrahman Reda. Nach einem Jahr als Krone-Zeitungsverkäufer besuchte er den Kurs als Stationsgehilfe in Lainz. Damals konnte man auch ohne Vorkenntnisse schon nebenbei arbeiten und Geld verdienen.

Ein älterer Herr in kariertem Hemd und Jeans, mit Baseballkappe auf dem Kopf, dreht in der Patientenküche, in der sich die Leute selbst Speisen und Getränke herrichten können, die Kaffeemühle. „Wir würden gerne Urlaubsbetreuung anbieten, damit die Familien auch mal eine Pause haben. Und auch Betreuung für einzelne Tage bzw. Nächte wäre gut. Wenn eine Generation gelernt hätte, mit Demenz-PatientInnen zu leben, dann wäre das nicht abnormal, die Leute würden sich auskennen.“ Die Tendenz geht hin zu kleineren Geriatrie-Zentren, auch am Wienerwald soll bis zum Jahre 2010 die Bettenanzahl von 1.800 auf 1.000 reduziert werden.

In dem Film „"Demenz darf sein"“, der in Lainz zu Ausbildungszwecken von PflegeschülerInnen erstellt wurde, heißen die Zwischentitel „"Welt ohne Namen"“, „"Zeit ist mühsam"“ und „"Werte: Wer versteht wen?“" Eine Frau singt mit geschlossenen Augen „"Strangers In The Night"“. Sie trifft alle Töne. Im Pavillon 12 ist es plötzlich ganz ruhig, obwohl 24 Leute bei der Jause sitzen, von denen ab und zu welche zwischendurch einen kleinen Verdauungsspaziergang einlegen. „Das muss man erst mal erreichen“, lächelt Herr Reda stolz. „Das sind alles Leute, bei denen andere Stationen angerufen haben. Bitte holen Sie sie ab, wir sind hier schon mit den Nerven fertig.“

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