Zwischen Galata und Galway
"Nim Sofyan" als Botschafter des rotweißroten Musiklebens
"Edelweiß, Edelweiß..." Es soll ja immer noch Menschen auf diesem Planeten geben, die den kitschigsten Song aus der Geschichte des Kitsches, bekannt durch die Hollywood-Verfilmung der Trapp-Familiengeschichte "The Sound of Music", für die österreichische Nationalhymne halten, genauso wie die AustralierInnen fälschlich mit "Waltzing Matilda" identifiziert werden. Dabei ist Edelweiß nicht einmal Musik aus Österreich. Aber düm tek ist Musik aus Österreich, echt ...
Und die Lieder mit Titeln wie Katsivella, Adana, Efem, Jovano Jovanke oder Tabancamin Sapini sind Lieder aus Österreich. Sie sind nicht gerade österreichische Hymnen. Aber sie repräsentieren die österreichische Musikwelt. Das ist staatsamtlich beglaubigt. Denn die Weltmusikband Nim Sofyan mit ihrem türkischen Sänger Alp Bora – ihre jüngste CD düm tek enthält die erwähnten Titel ist von einer Jury im Auftrag des österreichischen Außenministeriums und der Wirtschaftskammer zu einem der musikalischen Botschafter Österreichs ernannt worden.
The New Austrian Sound of Music nennt sich dieses Programm, das die Negation des Sound of Music-Klischees schon im Titel führt. Die geringsten Probleme mit dieser Austrifizierung von oben das Augustingespräch dauerte lange genug, um unterschiedliche Nuancen in der sich ansonsten als demokratische Einheit darbietenden Formation sichtbar zu machen scheint der aus Ankara stammende Leadsänger Alp Bora zu haben.
Seit er weiß, dass die Schmähs, als charmante Würze seiner Moderation in gehobenem tschuschischen Deutsch dargeboten, beim überwiegend inländischen Publikum verstanden werden, fühlt er sich ebenso österreichisch wie türkisch. Wobei die türkischen Identitätsanteile zunehmend zu erblassen scheinen. Einem Oberflächenbetrachter, der im Habitus des jegliche Lautstärke meidenden Sängers jeglichen Gastarbeiterstyle vermisst, gibt Alp Bora durchaus recht: Er fühle sich mehr als Großstädter denn als Türke, und er glaube auch nicht, dass die Bauern aus Anatolien, die der türkischen Community in Wien den Stempel aufdrücken, ihn als einen der ihrigen betrachteten. Wenn man ihn seine unheilbare Liebe zur traditionellen Musik gestehen hört, ist jedenfalls nicht nur die authentische türkische Volksmusik gemeint. Es sei furchtbar schade, sagt Alp Bora, dass dem österreichischen Volksliedgut durch seine Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus der Resonanzboden entzogen worden sei. Dass das Wienerlied, das alpenländische Lied trotz dieser Vereinnahmungsepisode nicht untergehe, sei ein Zeichen der Ehrlichkeit traditioneller Musik. Nur ehrliche Musik werde von Generation zu Generation überliefert. Nur Lieder, die nicht Nummer 1 der Charts werden wollen, nennt der aus Ankara Zugereiste ein mögliches Kriterium dafür.
Die ideale Verkörperung des Prinzips der musikalischen Fusion
Nochmals: Alp Bora fühlt sich gut aufgehoben in der The New Austrian Sound of Music-Kampagne, auch weil er sich wohl fühlt in Wien, das voller Menschen ist, die Nim Sofyans musikalischem Brückenschlag zwischen Orient und Irland, zwischen Galata und Galway huldigen. Perkussionist Daniel Klemmer übernimmt im Augustingespräch die Rolle des kritischen Gewissens. Natürlich sei zu begrüßen, dass die üblichen Aushängeschilder österreichischer Kultur wie Sängerknaben oder Philharmoniker mit zeitgenössischen MusikerInnen oder multikulturellen Bands wie Nim Sofyan ergänzt werden, wohler werde er sich aber in der Haut eines österreichischen Kulturbotschafters ab dem Moment fühlen, ab dem die jetzige Regierung, die dem Image der Republik geschadet habe, zur Geschichte gehört.
Daniel Klemmer, in Finnland aufgewachsen und vernarrt in die europaweit wohl schrägste Musik- und Kunstszene (In Finnland, wo sonst, tanzt man den Wittgenstein und erklärt man das Brüllen von Nationalhymnen zur Kunst) fühlt sich jedenfalls keineswegs von Regierungsseite instrumentalisiert, wenn seine Band demnächst in Berlin einen Part im Auftaktfestival des The New Austrian Sound of Music-Förderungsprogramms übernimmt (Nim Sofyan spielt am 8. November im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz). Denn dass Wien MusikerInnen aus vielen Kulturen, vor allem aus dem goldenen Dreieck Wien-Ankara-St.Petersburg (Klemmer) zum Resonanzboden und zur neuen Heimat wird, ist ja keine Propaganda, sondern Realität.
Nim Sofyan ist die verkörperte Wiener Mischung und dazu die ideale Verkörperung des Prinzips der musikalischen Fusion. Flötist Pedro Duarte stammt aus Lissabon (aber hasst den Fado wie die Pest, wie Alp Bora augenzwinkernd verrät) und aus der Klassik. Paul Gangl, der Keltomane, der auch für Smoky Finish aufgeigt, lässt den Groove der gälischen Kneipen einrinnen. Stromgitarrist Roland Mach kommt aus den Welten des Jazz und des Flamenco und definiert den Stil Nim Sofyans als multikulturelle Musik, die für jede und jeden leicht zugänglich ist.
Daniel Klemmers Liste der Partner abseits des Nim Sofyans-Teams liest sich wie ein Auszug aus der Enzyklopädie der Wiener Weltmusikszene: Er spielte mit Dobrek Bistro, der Tschuschenkapelle, den Schmetterlingen, Sainkho Namtschylak, Martin Lubenov, dem Dschungelorchester, Rockin' Janitor und er erinnert sich im Augustingespräch an seine ersten Bands, deren Namen Poesie sind und die an dieser Stelle allein schon aus Gründen der Euphonie nicht unter den Tisch fallen dürfen: Limo Joe & Co (mit dem Bassisten Vincenz Wizlsperger), Jonny & The Credit Cards, Erstes Wiener Abfallsymphonieorchester. Nur unter Protest Alp Boras (Vom Blues bin ich geheilt!) kann hier folgende Notiz hinzugefügt werden: Als Jugendlicher war dieser mit einer Bluesband, die den absolut bluesfreien Namen Mirage trug, durch die Türkei getingelt.
Nach dem Festival der anderen österreichischen Musikkultur von 6. bis 9. November in der deutschen Hauptstadt neben Nim Sofyan nehmen auch weitere Austria-Botschafter wie Die Strottern, Zur Wachauerin, Folksmilch oder Fatima Spar & die Freedom Fries teil sollen die im New Austrian Sound-Programm geförderten Ensembles weltweit von österreichischen Kulturforen und Botschaften zu Live-Auftritten eingeladen werden. Die reisefreudigen Sängerknaben bekommen Konkurrenz. Das fünf Oskars starke Edelweiß wird sanft im Hauch des Bergwinds (türkisch: Alp Bora) zittern. Gegen Julie Andrews kann Nim Sofyan nicht an. Möge es also leben, das pseudoösterreichische E-Gewächs. Wir bedienen uns lieber im orientalisch-balkanisch-keltischen Kräutergarten namens Wien.
www.nimsofyan.com
http://blog.sms.at/derwienersalon_worldmusic/