Wir haben uns viel mit den philosophischen Konzepten der Italienerinnen, –den „Mailänderinnen“ und der „Diotima-Gruppe“ –auseinander gesetzt und haben dort auch das Labyrinthprojekt vorgestellt. Die sagen: partire da sé, d. h. von sich ausgehen, aber gehen. Zugleich bedeutet partire auch gebären. Sie gehen ja sehr weit, in ihren Vorstellungen und Visionen. Und so geh auch ich von mir aus. Ich überlege mir: Was möchte ich denn? Und: Was möchte ich denn für eine Welt? Da schau ich einerseits in die Weite und entwickle eine Vision, ein Begehren, und andererseits schau ich bei mir selber und in mein konkretes Umfeld. Wenn ich heute von meinen Enkelkindern gesprochen habe, so sind das einfach neue Menschen, die in die Welt gekommen sind. Das heißt jetzt nicht, dass ich nicht auch an andere Kinder denke. Ich denk auch an die Kinder, die ich während meiner Jahre in Afrika gesehen habe. Meine mittlere Tochter sagt beispielsweise: Ich hab keine eigenen Kinder, meine Kinder sind in der ganzen Welt zerstreut. Ich denke, das muss sich nicht ausschließen, die Vision und das ganz konkrete Umfeld, das dir einerseits den Anstoß gibt, überhaupt über so etwas nachzudenken, und das dir andererseits auch die Möglichkeit gibt, einen Raum zu schaffen, etwas von dem umzusetzen.
Es treten ja mittlerweile die unterschiedlichsten politischen Gruppierungen für ein Grundeinkommen ein. Was halten Sie davon?
Ich glaube, da vermischen sich sehr viele verschiedene Interessen. Von neoliberaler Seite betrachtet, sehen die es wahrscheinlich als die billigste Lösung …
Die billigste, um den Aufstand zu verhindern, langfristig?
Ja, und dem Rechtsstaat soll formal Genüge getan werden. Es soll halt niemand verhungern. Diese Herangehensweise heißt für mich aber auch, dass man sich damit abfindet, dass es Menschen gibt, die eigentlich überflüssig sind. Und da stellt sich mir schon die Frage: Was steht da für ein Menschenbild dahinter?
In Ihrem Papier haben Sie sich ja hauptsächlich mit der Frage beschäftigt, wie sich das Grundeinkommen auf das Geschlechterverhältnis auswirken würde.
Ja, wir stellen uns vor, dass alle von der Geburt an ein Grundeinkommen erhalten, und zwar eines, das verhindert, dass Familien und gerade auch Alleinerzieherinnen in die Armutsfalle tappen, wie das jetzt oft der Fall ist.
Ein weiterer Diskussionspunkt beim Kongress war die Frage: Wer soll ein Anrecht auf ein Grundeinkommen haben. Nur StaatsbürgerInnen? Oder alle, die in dem betreffenden Staat leben? Die Abwesenheit von MigrantInnenorganisationen auf dem Kongress war ja auch auffallend.
Ich denke, grundsätzlich sollte jeder Mensch ein Anrecht auf ein Grundeinkommen haben. Schließlich muss jeder Mensch von was leben, sich kleiden und ein Dach über dem Kopf haben. Uns ging es in dem Papier aber weniger um die konkrete Umsetzung, als vielmehr um grundsätzliche Fragen des Menschenbildes, des Gesellschaftsbildes.
Bei der Fortsetzung der Grundeinkommensdiskussion im Frauencafé gab’s Einwürfe, dass das eigentlich eine Luxusdebatte sei angesichts der Tatsache, dass auf der Welt immer noch Menschen verhungern. Was meinen Sie dazu?
Ich möchte das unterstützen, was Gisela Notz gesagt hat, nämlich dass es auch bei uns Arme gibt, und diese Tatsache ist gerade auch in reichen Ländern zu skandalisieren. Es gibt ja auch viel versteckte Armut. Und es muss auch thematisiert werden, dass der Reichtum hier auf der Ausbeutung von Menschen anderer Länder beruht. Diese Verbindung müssen wir sehen. Und da seh’ ich die Grundeinkommensdebatte auch als einen Denkort, wo viele andere Themen, die unsichtbar geworden sind, wieder hochkommen und sich vernetzen, wie jene der Verbindung zwischen armen und reichen Ländern oder die Frage, wie sich Frauen und MigrantInnen im Kontext der Lohnarbeit und des Einkommens bewegen und welchen Status sie haben. Wir leben in einer Welt, wo alle aufeinander bezogen sind. Die Aufgabe einer politischen Gemeinschaft ist es, sich das anzuschauen, ohne das Ganze aus dem Blick zu verlieren.
Infos:
www.labyrinthplatz.ch
www.gutesleben.org
Erwähnte Literatur:
– Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis. Libreria delle donne di Milano. Berlin 1991
– Jenseits der Gleichheit. Über Macht und die weiblichen Wurzeln der Autorität. Diotima. Königstein/Taunus 1999