"Auch unsere Leute lachen"
Zeitungmachen als "sinnvolle" Alternative zum erzwungenen Nichtstun?
Die Straßenzeitung Kupfermuckn beschreibt die Schnittstelle zwischen Randgruppensprachrohr und gesellschaftskritischem Journalismus auf virtuose Weise. Oder anders ausgedrückt: Die Kupfermuckn (Vagabundenslang für: Unterschlupf, Abbruchhaus) ist ein Sozialprojekt für und von Armut und Obdachlosigkeit Betroffene(n), von dem auch die von kritischen Zeitungen nicht gerade verwöhnte oberösterreichische LeserInnenschaft profitieren kann.
Darf ich bitte tippen, tippen, fragt Fredl seines Zeichens nicht Tippser, sondern Redakteur der Kupfermuckn, regelmäßig die angestellte Redakteurin Daniela Warger, denn die handgeschriebenen Beiträge lechzen nach Digitalisierung. Eine Gruppe von zirka zwanzig Menschen, darunter natürlich Fredl, arbeitet kontinuierlich an und bei dieser Straßenzeitung. Diese, laut Chefredakteur Heinz Zauner, inhomogene Gruppe lässt sich jeden Vormittag in den Redaktionsstuben mit Tagesstruktur nieder, um zu arbeiten und um Gaudi zu haben. Wenn unsere Leute im Café sitzen, lachen sie auch, sie sind nicht die ganze Zeit traurig. Und wenn das nicht auch in der Zeitung Platz fände, dann wären wir nicht authentisch. Sie haben eine Alltagskultur, und warum sollten sie nicht darüber schreiben, meint Heinz Zauner, der nichts davon hält, nur die stereotypen Themen wie Alkoholismus, Armut und Wohnungslosigkeit für die Zeitung aufzugreifen. In diesem Punkt scheint er selbst von den MitarbeiterInnen geläutert worden zu sein: Ich habe mich in die Nesseln gesetzt, wie ich gemeint habe, wir seien kein literarisches Blatt, wir bräuchten nur die echten Geschichten, gesteht der Chefredakteur.
Würstelstand versus McDonalds
Pro Ausgabe wird ein Schwerpunktthema in basisdemokratischer Manier ausgewählt und mitunter in mannigfachen literarischen Gattungen aufbereitet, das heißt, es kommen nicht nur Hardcore-Sozialreportagen ins Blatt, sondern auch Essayistisches oder gar Lyrisches. Und das fruchtet definitiv! Beim Lesen der Kupfermuckn sticht sofort ins Auge, dass die Leute, die schreiben, etwas zu sagen haben oder besser etwas zu erzählen wissen. Bei scheinbar unbrisanten Themen wie dem Würstelstand, das vermeintlich nur dem Gaudium oder dem Sozialvoyeurismus dienen könnte, treten ernste Absurditäten zu Tage, wie das Bemühen McDonalds, eine ehrenwerte Linzer Würstelstandinstitution zu verdrängen. Oder der neue Hauptbahnhof von Linz, der mit den Worten Zauners auch kein lockeres Thema war: Der neue hat keine Ecken mehr, wo die Leute reingehen können. Das ist jetzt ein Glaspalast mit Shoppingmall. Der alte war abgefuckt, da haben unsere Leute recht gut dazu gepasst, meint er unverblümt, doch nicht ohne Solidarität mit den Wohnungslosen.
Wenn Heinz Zauner von unseren Leuten spricht, dann denkt er an die freien RedakteurInnen der Kupfermuckn und an die KolporteurInnen, die zum Großteil aus dem Wohnungslosenberatungsbereich zur Straßenzeitung gestoßen sind. Die Aufnahme in die Redaktion ist ein niederschwelliger, kurzer Vorgang konkret: Nach einem Monat arbeiten als Gast entscheidet schließlich die gesamte Redaktion ob der Aufnahme. Für die Kolportage reicht im Prinzip die drohende oder vorhandene Mittellosigkeit, so dürfen auch PensionistInnen mit niedriger Rente verkaufen.
Träger der Zeitung ist die Arge für Obdachlose Linz. Finanziert wird sie über die Sozialabteilung des Landes Oberösterreich, doch Heinz Zauner möchte betonen, dass die Zeitung einen sehr hohen Eigenerwirtschaftungsgrad habe und die Kupfermuckn soziale Dienstleistungen biete, die andere Straßenzeitungen nicht vorweisen könnten. Dazu gehören mehrtägige erlebnispädagogische Workshops, wie zum Thema Wohnen unter der Leitung eines Architekten, und solche Veranstaltungen müssten dann schon von der öffentlichen Hand finanziert werden.
Eine Straßenzeitung für den Großraum Linz
Pro Monat werden an die vierzehntausend Zeitungsexemplare im Großraum Linz, dessen Ränder die Städte Steyr und Wels abstecken, verkauft. Der Standort Wels dient nicht nur dem Verkauf, sondern hat auch eine Lokalredaktion, die von einer dort ansässigen Wohnungsloseneinrichtung betreut wird. Insbesondere klappt der Straßenverkauf in Wels gut, doch die redaktionelle Zusammenarbeit läuft noch nicht so geschmiert wie erwünscht. Hingegen läuft das Kupfermuckn-Werkl in Linz auf Hochtouren: Hier gibt es ein irrsinniges Interesse an der Mitarbeit und Mitgestaltung, lobt Daniela Warger stolz ihre MitarbeiterInnen aus dem Wohnungslosenbereich. Doch Geld kann kaum als Motivationsfaktor dienen, denn das Honorar für Beiträge ist mit bloß bescheidenen fünfzehn Euro veranschlagt. Also muss Freude, Gaudi und Idealismus am Journalismus der Motor sein, der die Kupfermuckn auf Touren brachte, was metaphorisch zu verstehen sei, denn die Kupfermuckn ist kein Fahrzeug, auch wenn sie viel mit Straße zu tun hat.