ico_youare10g.gif ZEITUNGARTISTIN
http://www.augustin.or.at/

A Good Man of Canterbury

Musikarbeiter unterwegs – per Mail ins UK und retour

Über Robert Rotifer, Musiker und Journalist, Wahlengländer und sein Album „Before The Water Wars“.
Rainer Krispel 15.02.2006
Das Leben flasht mich vollkommen. Als Vater eines Neugeborenen ist Scheiße jetzt tatsächlich Gold, Verdauungsvorgänge sind ein epochales Ereignis, was sich beim Stillen zwischen Mutter und Bub abspielt, ist ein Thriller mit immer wieder überraschendem Happy End und der spannendste Sound überhaupt das Atmen dieses kleinen Menschen. Keine Angst, ich werde den Augustin nicht missbrauchen, um mich in die publizierten Erlebnis-Orgien junger Väter und Mütter einzureihen. Nur einmal sei es mir gestattet, ein Glück zu feiern, dass wir in aller Aufgeregtheit und Demut genießen. Demut, dass wir uns mit Kind in einer Geborgenheit und materiellen Sicherheit eingrooven können, die nicht selbstverständlich ist, nicht in diesem Land, nicht auf diesem Planeten. Unsere Zeit läuft anders und so, wie es wieder ein endloses Reservoir an ersten Malen gibt, schmeckt und klingt fast alles anders, auch Musik. Kaum welche, die durch den Schleier über Kind-Mama-Daddy dringt. Robert Rotifer gelingts.

Vor den Wasserkriegen


„Bitte, das wär ein Traum, das Album auf Vinyl. Der Song „A to B“ mit „His way of getting from A to B was to turn the record over“ – genau das Ende der A-Seite“ mailt Robert aus Canterbury. Auch auf CD: 12 Songs avanciertes Songwritertum, souverän umgesetzt. Reifer Pop, no Fadesse. Dabei waren Rotifer und Musiker gerade mal zwei Tage im Studio – „Was zählt, sind die so genannten Vibes.“ Von Mod(ernism) über Indie-Pop (Electric Eels) und Musik mit den frühen Sofa Surfers führte der Weg des Musikers. „Selbstfindung“ ist eine Scheißvokabel, aber ihre Ergebnisse hier super. Da ist jemand nach langer Arbeit – seit fast zwanzig Jahren steht der Sänger und Gitarrist auf der Bühne – wo angekommen. (Wie hierzulande Stootsie und dessen SeeSaw). Schön, wie FM4-Kollege Jordan (Rotifer sorgt dort für „Heartbeat“) Roberts Musik per Zitat lobt.

Umso aussagekräftiger, weil das Lob von Wreckless Eric oder einem Franz Ferdinand kommt. „Mein größtes Problem ist, dass ich als Journalist nur zu gut weiß, dass die Welt nicht auf meine Platten gewartet hat, während die meisten Musiker gerade diese Illusion motiviert. Andererseits hat genau bei diesem Album der Musiker über den skeptischen Journalisten gesiegt. Ich hör sie mir an und finde sie ganz schamlos einfach gut.“ Der Titel? „Eine Art Realo-Fatalismus, ich sehe den großen Krach leider wirklich als unvermeidlich. Das Wasser muss dabei nicht einmal im Mittelpunkt stehen. „Vor den Ölkriegen" lässt sich ja nicht mehr sagen.“ Songs wie „Schengenländer Die!“ treffen zwischen pointierten Beobachtungen und Wut, sympathisch leise („why are you angry with me, boy?“, fragt einer aus der Thatcher-Generation in „I’ll be in your song“), stimmig.

Angenehmes Straßenleben


Aus dem Herzschlag dieser Musik spricht ein Erwachsener, trotz allem entspannt im Hier und Jetzt. „Privat zu glücklich für die Melancholie, immer ein bisschen zu feig, um wirklich zu kämpfen. Ich meine, mein Opa war bei den Internationalen Brigaden in Spanien und den Partisanen in Jugoslawien. Ich bin ein Schwadroneur.“ Die eigene Familie hört man in der Musik. „Der sanftere Sound, das Fingerpicking – man spielt nicht so laut, schläft nebenan ein Baby. „Shoes that the children had made“, ist aber eine Anspielung auf Sweatshops. Mein Sohn Oskar hat das gleich verstanden. Wir haben über Kinderarbeit bei der Turnschuhherstellung gesprochen. Dann läuft die CD und er sagt „Daddy, da geht's um Turnschuhe, oder?“

Rotifer, in Printmedien wie dem Falter zu lesen, schaut genau. „Schreibe ich auf der FM4-Homepage über britische Innenpolitik, merke ich, wie viele Leute in Österreich noch an die hier schon ziemlich desavouierte Privatisierungsdoktrin glauben. Da werd ich der linken Propaganda beschuldigt, wenn ich zum Zustand des privatisierten Bahnnetzes Standpunkte wiedergebe, die sich hier in kreuzliberalen Zeitungen finden. Die Briten leben jeden Tag mit den Konsequenzen des Thatcherismus. Andererseits – was die österreichischen Sozialdemokraten Positives in Blairs Politik hineinlesen, da muss man befürchten, dass sie in dieselbe Richtung gehen. Nur: Die Einkommensunterschiede sind noch nie so gestiegen wie unter New Labour. Von wegen Augustin: 2000 meinte die von der Regierung als Homelessness Czar beauftragte Louise Casey, eine Zeitung wie Big Issue fördere Obdachlosigkeit, weil sie das Leben auf der Straße ‚zu angenehm’ mache.“

Wie kommt seine Musik in England – 97 ist er von Wien nach London, um als freier Journalist Fuß zu fassen – vor?. „Lowest profile. Ich kenn Leute, die sie sehr schätzen, aber ohne PR keinen Hype. Da muss man investieren. Ein Heimspiel ist in London ein Gig im Monkey Chews in Kentish Town. Da kommen Leute, mit denen ich Fußball gespielt hab, Freunde aus der Gegend, Eltern mit meinen Kindern befreundeter Kinder, Journalistenkollegen und nette Leute aus der Indie-Label-Welt. Das ist schon recht witzig. Letztens waren da der Parlamentskorrespondent des Daily Telegraph und unsere ehemalige Babysitterin.“


„Before The Water Wars“, Survival Of Defeatist/Wohnzimmer
Robert Rotifer & Band auf Tour in A von 7.–11. 3.
www.robertrotifer.co.uk

Kommentare zu: A Good Man of Canterbury

    Zu diesem Artikel gibt es noch keine Kommentare.