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Gebühr machen

Christine Sauerzopf ist – wie die Wiener nicht sehr respektvoll sagen "ein Schwarzkappler"


Uwe Mauch 15.03.2006
Ein Wort gab das andere. Zwei Worte waren dann beinahe zwei Worte zu viel. Und nur ein Muckser mehr –– und die Amtshandlung wäre handgreiflich geworden. Entgleist zwischen den U-Bahn-Stationen Westbahnhof und Zieglergasse. Doch im letzten Moment fand Christine Sauerzopf, laut Dienstausweis „Kontrollorgan“ der Wiener Linien, die emotionale Notbremse.

Sie ließe auch mit sich reden. Hatte sie noch vor dem Einsteigen erklärt. Sie müsse nicht unbedingt strafen. Strafen sei Ermessenssache. Bei Zivil- und Wehrdienern, Müttern mit kleinen Kindern, Obdachlosen drücke sie daher oft beide Augen zu. Nur wenn es einer „hundertprozentig genau wissen will“, könne sie auch anders.

Kaum hatte Sauerzopf dies von sich gegeben, wollte es einer hundertprozentig genau wissen: Erst zückte er seine Jahreskarte wie der Wirtshausraufer das Springmesser, dann pfauchte er der Uniformierten „Zwerg“ hinterher. Das saß. Denn wenn die Fahrausweis-Kontrollorin eines nicht ausstehen mag, dann sind das Schmähungen hinsichtlich ihrer nicht allzu üppigen Körpergröße in Kombination mit einer Herabwürdigung ihres Berufs.

„Riese“ gab sie daher laut und ebenso herausfordernd zurück. Was die Gespräche rundum im Waggon endgültig zum Stocken brachte. Ein Muckser mehr –– und.

Doch die Ordnungshüterin im dunkelblauen Anorak der Wiener Linien kriegt knapp vor der Station Zieglergasse doch noch die Kurve. Lässt den Psycho einen Psycho sein. Hebt die schnell entstandene Stille im Waggon ebenso schnell wieder auf. Indem sie sich anderen Fahrgästen zuwendet und diese freundlich um das Vorzeigen ihrer Fahrausweise bittet.

Es ist in Wien um ein Vielfaches bequemer, gegen „SchwarzkapplerInnen“ zu sein, als Sympathien für die Kontrollorgane der Wiener Linien zu hegen. Schon die Bezeichnung „Kontrollorgan“ ist eine mittlere semantische Katastrophe. Kein Wunder, dass die WienerInnen lieber bei „Schwarzkappler“ bleiben, auch wenn diese schon seit ewiger Zeit kein schwarzes Kapperl mehr tragen.

Doch betrachten wir es einmal andersrum: Auf Menschen wie Frau Sauerzopf wird bei einer durchschnittlichen Fahrt mit der U3 vom Westbahnhof bis zur Landstraße (das sind insgesamt nur sieben Stationen) mehr menschlicher Müll abgeladen, als die Mehrheit der Fahrgäste in einer ganzen Arbeitswoche über sich ergehen lassen muss.

Mein Gott, jetzt hat das Hunderl den Fahrschein g’fressen! Ja wo ist er nur, ja natürlich, das Kind hat ihn verloren! Der Entwerter hat so komische Geräusche von sich gegeben, da habe es die Dame im Pelz einfach nicht gewagt, ihren Fahrschein zu entwerten. Die Kampagne der Wiener Verkehrsbetriebe, bei der auf Plakaten 101 gängige Ausreden zitiert werden, um damit den Fahrgästen zu signalisieren, dass es de facto keinen Interpretationsspielraum gibt, ließe sich unendlich fortsetzen.

Den Vogel schoss diesbezüglich ein Minister der aktuellen Regierung ab. Der kleine Schelm hält Schwarz-Fahren offensichtlich für ein Kavaliersdelikt. Und will daher, als es ums Begleichen seiner Schuld ging, bedauerlicherweise „nur“ einen Fünfhunderter vorweisen können.

Die 45-jährige Wienerin versucht dennoch Haltung zu bewahren. Seit sechs Jahren ist Sauerzopf ein Kontrollorgan. Zuvor hat sie acht Jahre lang städtische Linienbusse durch den Süden von Wien gelenkt. „Autobusfahren ist an sich nicht so schwer“, erklärt sie zwischen zwei Patrouillen. „Aber der Verkehr ist immer mehr geworden. Da musst du mehr und mehr auf andere VerkehrsteilnehmerInnen aufpassen. Die ständig drängeln und die dich auch schimpfen.“

Sie schimpft nicht. Ihre Kontrollen startet sie stets mit dem Satz „Grüß Gott, Ihren Fahrausweis bitte“. Ihr Wechsel zur V 41 (so wird die Betriebsaufsicht intern genannt) sei nebenbei auch ein beruflicher Aufstieg gewesen. Sechs Jahre „Gebühr machen“ (so wird das Ausforschen der Gratisflitzer unter Kollegen genannt) haben jedoch auch Spuren hinterlassen. Die tägliche Jagd prägt nicht nur die Gejagten. Und so freut sich die Jägerin fast diebisch, wenn ihr wieder einmal ein schwarzes Schaf durch eine Finte oder ihr geschultes Auge „ins Netz geht“.

Im Augenwinkel sieht sie, wie sich ein junger Herr von einem anderen Fahrgast einen ungültigen Fahrschein zustecken lässt. Der will nach dem Auffliegen des Schwindels einen auf Anwalt machen. Auch einer von den Hundertprozentigen. Seine Drohung, er werde sich bei der Direktion über ihr Verhalten beschweren, kostet Sauerzopf aber nur ein kühles Lächeln.

Nein, es ist wirklich nicht angenehm, andere Menschen ständig mit dem Buchstaben des Gesetzes zu konfrontieren. Eine ganz aufgeregte Kindergarten-Tante weist ihre Kinder während der Amtshandlung lautstark auf ihre grandiose Entdeckung hin: „Schauts dort drüben, ein Schwarzkappler.“

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Kappler ein „Kopfgeld“ für jeden dingfest gemachten Schwarzfahrer einstreifen. Tatsächlich bekamen sie früher ein paar Groschen für jeden Enttarnten. Solche Prämien gibt es jedoch schon lange nicht mehr. Nur das Aufsehen und die Aufregung sind geblieben. Christine Sauerzopf lässt auch die Kindergarten-Tante über sich ergehen. Hauptsache, die Gnädigste hat ihre Hetz!
Uwe Mauch 03/2006

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