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"Ich schicke kein Kind ins Nirwana"

Norbert Ceipek kriegt von der Polizei hundert Mädchen pro Monat

Zehnjährige als Taschendiebinnen verhaftet, Vierzehnjährige um 750 Euro verkauft. Karin Hirschl und Norbert Ceipek vom Krisenzentrum „Drehscheibe“ schlagen sich mit den unmenschlichen Auswüchsen der Verarmung in Bulgarien und Rumänien herum. Doch Österreich bietet nicht viel mehr als Rückführung an.
Der eine Polizist benimmt sich wie ein Vater, ist voller Mitleid, wenn er ein Mädchen zu uns bringt. Der nächste ist stinkesauer, weil der die Oma, die einem Herzinfarkt nahe ist, auf seinem Kommissariat sitzen hat, der ihre 600 Euro Pension geklaut wurden – wenn sie überhaupt so viel Pension kriegt ...“ Karin Hirschl kann auf mittlerweile 25 Dienstjahre in der Krisenarbeit mit Kindern und Jugendlichen zurückblicken. Vor fünf Jahren stieg die Sozialpädagogin bei der „Drehscheibe“ der MA 11 ein, die sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und um minderjährige Fremde kümmert. „Nachmittags liefert die Polizei bei uns die Mädchen an. Teilweise kennen wir sie schon“, sagt Norbert Ceipek, der Leiter der Drehscheibe. „Wir unterschreiben noch die Übernahme, da fragt das Mädchen nach der Toilette und ist schneller wieder bei der Türe hinaus als die Polizei. Das ist ein Kreislauf.“

701 Mädchen waren es im Jahre 2005, heuer in den Monaten Januar und Februar schon 203 – das Doppelte vom Vorjahr. Die meisten sind um die zehn, elf Jahre alt, kommen wahrscheinlich aus Bulgarien und gehören zur türkischen Minderheit oder zu den Roma. Alle drei Monate ändern sich die Gesichter.

Warum sind das wohl alles Mädchen? Ceipek fuchtelt mit den Händen in der Luft herum: „Mädchen sind leichter zu schlagen. Mädchen sind von diesen männlichen Jugendlichen leichter zur Räson zu bringen. Sie sind leichter verkaufbar und billiger. Das ist ein brutales Geschäft.“ Sozialarbeiter gegen Ausbeuter, ein ungleicher Kampf. „In Österreich haben wir Gott sei Dank ein offenes Heimsystem mit offenen Gruppen. Aber die Schlepper nutzen das aus. Das Mädchen kann bei uns übernachten, sich ausruhen, bei Zahnweh schicken die sie fast her. Wir dürfen nicht zusperren.“

Zu schlau für Polizei-Observationen


„Das pädagogische Arbeitsfeld ist sehr eingeschränkt“, konstatiert Karin Hirschl. „Von der menschlichen Ebene her sind wir sehr gefragt, aber wir stehen einander mehr oder weniger sprachlos gegenüber. Die Kleinen sind noch sehr arglos und kindlich – von der lustigen Abteilung. Die sind abgerichtet wie die Hundln und haben kein Unrechtsbewusstsein. Verschreckt sind eher die Größeren, die nach einer gewissen Bewusstseinsbildung raus aus dem Ganzen wollen.“ Vierzehn Lebensjahre bedeuten eine gefährliche Grenze. „Ab vier wird das Mädchen als Taschendiebin ausgebildet. Wenn sie zehn ist, verlange ich 10.000 Euro von meinem Nachbarklan, die sie in zwei bis drei Monaten wieder hereinbringen muss. Mit 14 hat sie dann in Österreich eine Latte an Diebstählen begangen und kommt sofort in Haft. Das erste Mal kriegt sie eine bedingte Strafe, muss innerhalb von 48 Stunden wieder stehlen gehen, wird wieder verhaftet und sitzt die ganze Strafe ab. Wir können sie nicht vor dem Diebstahl schützen“, erklärt der dynamische Leiter. „Oder, wenn das Mädchen nicht gut genug stiehlt, wird sie am Wochenende als Prostituierte gehandelt. Sie wird für 24 Stunden an erwachsene Türken verkauft, um 750 Euro, der darf sie weiter vermieten. Nach 24 Stunden bringt er sie wieder.“ Das betreffe zum Teil Zehnjährige! „Prostituierte werden immer jünger“, meint auch Karin Hirschl. „Wir sind am Dokumentieren. Das steckt noch alles in den Kinderschuhen. Hauptsache ist, dass die Kinder merken, es passiert ihnen in unserem Krisenzentrum nichts. Diese Mädchen können wir nicht fassen. Für die Observationen der Polizei sind die viel zu schlau.“

Bulgarien weigert sich


Als große Zahlen an minderjährigen Flüchtlingen nach Österreich kamen (Magistratsangestellte Astrid Kellner sprach in der „Bunten“ von 550 Jugendlichen für das Jahr 2000), musste man sich auf diesen neuen Bedarf in der Jugendarbeit einstellen. Inzwischen gibt es sowohl Häuser für junge Flüchtlinge als auch Minderjährige in Schub- oder Strafhaft. „Wir machen ständig neue Sachen“, freut sich Ceipek, der 1978 mit einem Kollegen das Konzept für das erste Krisenzentrum schrieb und ab 1998 auch im Bereich ausländische Jugendliche mitmischte. „Es ist alles ein Kampf, was neu ist! 2003 hatten wir das gleiche Problem mit rumänischen Burschen. Die waren aber nicht unbedingt Kinder aus Volksgruppen bzw. Analphabetinnen, sondern gescheite Kinder mit Schulbildung, die ohne Arbeit auf der Straße lebten. Die rumänische Regierung negierte aber das Problem nicht.“ Innerhalb von zwei Monaten nach Kontaktaufnahme wurde in Bukarest ein Krisenzentrum aufgebaut, Norbert Ceipek schulte drei Wochen lang vor Ort das Personal ein. 2004 sind es schon 14 Krisenzentren in ganz Rumänien. Gerade ist eine Delegation aus der Grenzregion Arad zu Besuch in Wien. „Wir übernahmen im letzten Jahr von Österreich eine Gruppe von fünf rumänischen Mädchen, die gehandelt worden waren“, berichtet die schmale Juristin mit Brille vom Zentrum für die Unterstützung und den Schutz der Opfer des Menschenhandels in Arad. Sie betreut Opfer des Frauenhandels, die aus Holland, Italien und Spanien zurückgeschickt werden. „Ich habe 15 Notfallplätze. Oft rufen die Frauen von der Grenze an, ich mache für sie die Grenzformalitäten. Manchmal können sogar Täter verhaftet werden.“

Norbert Ceipek will nun mit Hilfe von medialem Druck in einer Art Einzelkämpfer-Mission die bulgarische Regierung in die Knie zwingen. Bis im Juni die österreichische Ratspräsidentschaft endet, will er so weit sein. „Ich schicke kein Kind ins Nirwana. Ich will ein garantiertes Monitoring für die Kinder. Ich habe den bulgarischen Innenminister vor laufender Kamera gefragt, warum sich diese Kinder nicht an die Schulpflicht halten müssen. Innen- und Sozialministerium sollen ihre Zusagen verwirklichen. Die Chefin der Agentur für Kinderschutz stammt selbst aus der türkischen Minderheit. Die Bulgaren kriegen das Problem ja nicht weg, wenn die Mädchen schwanger sind, kommt die nächste Generation ...“ Das Ganze hätte natürlich einen wirtschaftlichen Hintergrund: „Wenn die meinem Land 200.000 Euro Devisen bringen, lasse ich die auch ziehen. Aber ganze Regionen brechen ab, das ist ja bei uns auch nicht anders.“ In Rumänien hat Ceipek einige Jugendliche bei österreichischen Unternehmen untergebracht, denn „die Wirtschaft muss helfen, wenn ein soziales Gefüge auseinander bricht ...“

Heißes Eisen


Doch weiterhin werden bulgarische Mädchen um 4000 Euro an Bordelle in Zentralanatolien verkauft. Ist Rückführung alles, was Österreich diesen Mädchen bieten kann? Ist die nicht gefährlich? Ceipek wünscht sich ein spezielles Opferschutzzentrum. „Es ist einfach nicht machbar, meine Leute arbeiten sich zu Tode. Wenn ich jetzt ein Kind bekomme, das zigmal vergewaltigt wurde, kann ich nur der Vermittler sein, der stationäre und therapeutische Hilfe bringt.“ Er kommt ja aus der Burschenarbeit. „Außerdem bin ich ein Mann. Aber ich bin Sozialpädagoge, daher habe ich kein Geschlecht.“ Geld hat er auch nicht. Drei bis vier bulgarische Studentinnen unterstützen ehrenamtlich, machen notwendige Übersetzungen. „Ich kann ihnen nichts zahlen, ich bin ja eine Institution der Gemeinde Wien“, lacht Ceipek. EU-Gelder, wie aus dem Daphne Projekt zur Gewalt gegen Kinder, in dem z. B. ein Romaprojekt gegen Verschleppung unterstützt wird, darf er auch nicht aufstellen.

Die Interventionsstelle gegen Frauenhandel/LEFÖ nimmt in Notfällen Mädchen ab 16 auf, wenn das Jugendamt zustimmt, kann die junge Frau bleiben. Bei der Frauenberatungsstelle Peregrina im WUK hat Georgia Sever von einem 14-jährigen Straßenkind gehört, das im fünften Monat schwanger ist. Sie erschien aber nicht zur Beratung. „Vielleicht liegt es daran, dass wir weder Bulgarisch noch Rumänisch anbieten können“, meint sie. Es klafft eine große Lücke des Schutzes von Mädchen zwischen zwölf und sechzehn. „Wir können nur Grundversorgung anbieten. Außerdem haben wir unsere eigene Klientel zu betreuen.“ Karin Hirschl wünscht sich ein spezielles Team und ein Ausstiegsszenario für diese Mädchen, „denn es gibt immer wieder Bitten der Mädchen, da bleiben zu dürfen, aber wir müssen ihnen klar machen, dass sie in Österreich keine Chance haben, so lange es kein Angebot gibt. Deswegen gelingt es nicht den Kontakt mit den Mädchen zu halten. Noch nicht, würde ich sagen. Wir würden sie gerne wenigstens fünf Tage unter dem Titel der Freiwilligkeit da behalten. Aber warum das alles so ein heißes Eisen ist, ist mir ein Rätsel.“

Ceipek würde gerne bundesländerweit arbeiten. „Von wegen Schule!“, sagt eine Bekannte, die in Salzburg in leitender Position in einem Heim mit 200 Kindern arbeitet. „Wie willst du die denn derbandeln? Und sollten wir wirklich mal solche Mädchen bekommen, liegt es an der Bezirkshauptmannschaft. Der Tagsatz für ausländische Mädchen ist deutlich niedriger als für einheimische. Obwohl der Aufwand durch die harten Lebenserfahrungen sicher größer ist.“

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