Schulden durch Schwarzfahren
Frau Bocks Schützlinge werden zu Opfern der Inkassobüros
Ute Bock wurde für ihr soziales Engagement schon mehrfach ausgezeichnet, doch die Krönung war bis dato eine Anzeige wegen Bandenbildung und Drogenhandels. Die Anklage wurde fallen gelassen, ihre Suspendierung als Heimleiterin aufgehoben, doch die Gemeinde Wien verbietet Ute Bock weiterhin, afrikanische AsylwerberInnen in ihrem Heim unterzubringen. Also organisiert sie private Wohngemeinschaften, die mittlerweile über 300 Menschen aus Afrika Unterkunft und Meldeadressen bieten. Christina Steinle sprach für Augustin TV mit der nimmermüden Frau Bock.
Seit wann kümmern Sie sich um Menschen, die nach Österreich kommen und vom Staat vernachlässigt werden?
Ich habe mich beruflich meistens um ausgegrenzte Menschen gekümmert. Zuerst waren es ÖsterreicherInnen, dann Kinder von GastarbeiterInnen. Erst später kamen junge AsylwerberInnen, die aus der Bundesbetreuung fielen, dazu.
Seit 1995 habe ich nun auch AfrikanerInnen, denn für sie hat es nichts mehr gegeben, und die Bevölkerung war auch schon sehr stark gegen AusländerInnen eingestellt. Sie sind auf der Straße beschimpft und sogar fotografiert worden, die Bilder wurden der Polizei zugespielt. Leute in der Umgebung haben sich beschwert, dass sie nicht mehr die Kinder auf die Straße lassen könnten, weil die Schwarzen eine Gefahr seien.
Ich hätte alle hinaus schmeißen sollen. Es hatte geheißen, sie dürften bei uns nicht untergebracht werden, sie müssten woanders hinkommen, doch ein Woanders gab es für diese Leute nicht. Dann ist eine Razzia inszeniert worden, bei der man alle AfrikanerInnen verhaftet hat. Alle, die bei uns gewohnt haben, und viele, die regelmäßig auf Besuch gekommen sind beziehungsweise einmal hier gewohnt hatten. Ich bin der Meinung, dass viele bei der Razzia verhaftet wurden, die nie etwas mit Drogen zu tun hatten. Sie sind alle mit irre hohen Strafen verurteilt worden. Das hat der Bevölkerung gefallen, doch damit wurden Menschenleben zerstört. Von da an habe ich versucht, Wohnungen anzumieten und sie dort unterzubringen.
Was wünschen Sie sich von Medien und Politik?
Eine normale, faire Einstellung. AsylwerberInnen müssen eine Chance bekommen. Sie sind zum Teil seit fünfzehn Jahren unterwegs und auch oft krank – meist bedenken wir das nicht.
Was bekommen Sie von der Bevölkerung zu hören?
Die einen meinen, wir sind die ÖsterreicherInnen, wir haben uns mühsam erkämpft, was wir jetzt haben, und davon geben wir nichts her. Die anderen, es sind mehr, als man annehmen möchte, sind sehr positiv eingestellt. Ich werde aber auch oft auf der Straße von Leuten angesprochen, die nichts über AsylwerberInnen wissen. Ich glaube, dass auch viele nicht wissen wollen, dass unter uns Menschen leben, die nichts zu essen und nichts zu schlafen haben.
Wie können wir helfen?
Die beste Hilfe wäre, eine bessere Stimmung zu schaffen. Die Einstellung muss sich ändern. Die Gesetze sind streng. Sie sind nicht so, wie wir sie gerne hätten, also muss sich unser persönlicher Umgang ändern.
Die Stimmung wird generell schlechter. Das hat nicht nur mit den AusländerInnen zu tun, sondern auch mit uns – man denke beispielsweise an die Pensionsreform. Am einfachsten ist, immer mitzuschimpfen, wenn die anderen schimpfen, aber unsere Aufgabe ist, sich zu informieren und diese Dinge immer öffentlich zu sagen, denn dann fällt die Ausrede – ich habe nichts davon gewusst – weg.
Stichwort Nichtshaben. Wie viele Ihrer Schützlinge sind durchs Schwarzfahren verschuldet?
Sicher 95 Prozent. Wissen Sie, wie hoch die Grundversorgung ist? Wenn jemand privat untergebracht ist, bekommt er 180 Euro im Monat für den Lebensbedarf und höchstens 110 Euro für die Miete. Jetzt suchen Sie eine Unterkunft, die nur 110 Euro kostet, d. h. er muss von den 180 Euro für den Lebensbedarf etwas für die Miete wegnehmen. Jetzt kostet die Monatsfahrkarte aber 45 Euro. Wie soll das bezahlt werden? Noch schlimmer ist es für jene, die in einem Flüchtlingsheim untergebracht sind, denn sie werden versorgt und bekommen daher nur 40 Euro Taschengeld im Monat. So wird aus 1,50 Euro für den Fahrschein schnell eine Forderung des Inkassobüros über 700 oder 800 Euro.
Was machen Sie dann?
Wir bemühen uns um eine Art Berufung, wo festgehalten wird, dass man mittellos ist und nicht bezahlen kann. Das Höchste der Gefühle ist dann eine Ratenvereinbarung zu bekommen, bei der 10 Euro im Monat zu bezahlen sind, doch auch das können die meisten nicht, d. h. die Schulden steigen, steigen und steigen, beziehungsweise, wenn sie diese 10 Euro monatlich bezahlen, fällt dabei aber noch die Erlagscheingebühr von zirka 2,50 Euro an.
Warum denkt der Österreicher / die Österreicherin von sich, ein besserer Mensch zu sein?
Weil der Mensch, der was hat, bei uns was ist. Wir sind alle zum Anhäufen erzogen worden. Du musst ein Sparbuch, Aktien, Eigentumswohnung oder Auto haben. Alle, auch Österreicher, die dies nicht erreichen, sind Menschen zweiter Klasse.
INFO
www.fraubock.at