Wie aus weniger mehr wird
Eing´SCHENKt
„Stilvoll verarmen“, lautet der Buchtitel des Bestsellers Alexander von Schönburgs. Die Botschaft: Mit weniger besser auskommen, sinnvoller leben, „ärmer“ „reicher“ werden. Das Buch ist exzellent geschrieben und trifft einen richtigen Punkt: was brauchen wir alle den Konsumramsch und den „immer mehr, aber nie genug“-Stress.
Das war`s aber auch schon. Wirklich problematisch wird es nämlich, wenn man sich anschaut, was Von Schönburg unter „Verarmen“ versteht. Statt ins teure Restaurant zu gehen, empfiehlt er selber zu Kochen. Statt übers Wochenende kurz mal nach London zu fliegen, tut´s ein Ausflug auf die nahe Wiese auch. Das Jahresabo im Fitnesstudio ist verzichtbar. Und die teure Dachbodenwohnung muss ja nicht sein, wenn man auch in einer kleineren Wohnung Freude haben kann.
Das ist eine irreführende und verharmlosende Verwendung des Begriffs „Armut“. Die aktuellsten Daten der Statistik Austria sprechen von 460.000 „manifest armen“ Personen in Österreich. Davon sind 113.000 Kinder. Ihre Eltern sind zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können. 91.000 Betroffene sind arm trotz Arbeit. Diese Menschen haben nicht nur niedrigstes Einkommen, sondern leben unter schwersten Lebensbedingungen: Die Betroffenen können sich abgetragene Kleidung nicht ersetzen, die Wohnung nicht angemessen warm halten, keine unerwarteten Ausgaben tätigen, sie weisen einen schlechten Gesundheitszustand auf, und leben in feuchten, schimmligen Wohnungen. Das Krankheitsrisiko von Armutsbetroffenen ist doppelt so hoch wie das der Durchschnittsbevölkerung. Menschen, die am Limit leben, haben geringere Aufstiegschancen. Ihre Zukunft wird von der sozialen Herkunft bestimmt.
Diese neuen Zahlen wurden Anfang April veröffentlicht. Die Reaktionen waren dürftig. Von Armut hört man in den Chefetagen und Ministerbüros nicht gerne. Vielleicht haben sich auch alle schon daran gewöhnt. Das ist die freundliche Interpretation. Die andere wäre, dass dieser Sockel an Armut eigentlich gebraucht wird, um billige und willige Arbeitskräfte zu haben und um Druck auf diejenigen ausüben zu können, die noch knapp über der Armutsgrenze liegen.
Und jetzt die 460 000 aufzufordern, das alles ein wenig lockerer zu sehen und dem Elend ein wenig mehr Stil zu geben… naja, das fällt dann nur mehr unter postmodernes Schnöseltum oder neoliberale
Ratgeberlyrik.
Dabei hat der Aristokratensohn Von Schönburg, der den Armutsbegriff umdeutet, um sozialen Abstieg aus der oberen Mittelschicht als pädagogisch wertvolle Lernerfahrung zu preisen, einen wichtigen Impuls für den sozialen Ausgleich geliefert. Weniger Reichtum ist die Chance für ein mehr an Glück, schreibt er sinngemäß. Wohlan! Diesem Glück soll nichts im Wege stehen. Eine höhere Vermögenssteuer würde diejenigen, die von zu viel Reichtum betroffen sind, in ihrer stilvollen Arbeit am Glück massiv unterstützen. Österreich liegt mit seinen Vermögenssteuern im unteren Drittel Europas. Da kann ja im doppelten Sinne aus weniger mehr werden.