Pension ohne Frühstück
Arbeiter-Samariter-Bund als Neuling in der Obdachlosenhilfe
Die meisten WienerInnen, nehme ich an, kennen das Otto-Haus. Das größte Schutzhaus der Rax ist von der Seilbahnbergstation aus selbst mit Sandalen und Stöckelschuhen zu erreichen. Der Weg, sehr eben, gilt als die leichteste aller alpinen Familienwanderrouten. Wer hingegen das Haus Otto erklimmen will, kann leicht ins Keuchen kommen. Zumal unter den Gästen auffallend viele lädierte Körper vertreten sind – Folgen des Straßenlebens oder der Drogensucht. Das Haus Otto, „ganz rechts oben“ im Areal des Otto-Wagner-Spitals (Baumgartner Höhe), ist nämlich eine Notschlafstelle für männliche Obdachlose.
Bis 2005 war der Pavillon 25 ein Teil der „Psychiatrie“. Seit Juli vergangenen Jahres verwaltet der Arbeiter-Samariter-Bund das Gebäude. 60 Betten für akut Obdachlose stehen hier zur Verfügung. Das Haus Otto ist ein Schlafplatz, der nicht vor 18 Uhr und nicht nach 22 Uhr Einlass gewährt; bis spätestens 8 Uhr früh muss die Einrichtung verlassen werden. Die an sich wünschenswerte Einführung eines Rund-um-die-Uhr-Angebots für Wohnungslose übersteige die finanzielle Potenz der Trägerorganisation, sagt Hausleiterin Verena Radl.
Erst seit einem Dreivierteljahr beackert der Arbeiter-Samariter-Bund das Feld der Wohnungslosenarbeit. Als Rettungsdienst oder als Essen-auf-Räder-Verteiler sind die Samariter bekannt wie das Rote Kreuz. Doch selbst die samaritischen Rettungsfahrer waren überrascht, als sie – nachdem das Haus Otto eines Tages für einen erkrankten Notschläfer den Rettungsdienst alarmiert hatte – erfuhren, dass die Einrichtung von Vereinskollegen geleitet wird. „Sie wunderten sich, MitarbeiterInnen des Samariter-Bunds zu Gesicht zu bekommen, die im Dienst keine Uniform trugen“, erzählt Bernhart Litschauer.
Litschauer ist Koordinator der mittlerweile zwei Obdachloseneinrichtungen des Arbeiter-Samariter-Bunds. Zusammen kann der Verein 130 Notschlafstellen anbieten, 70 davon in der Kastanienallee. Die Organisation ist ein Kind der österreichtypischen Zweiteilung des gesellschaftlich-politischen Lebens, vulgo „rote und schwarze Reichshälfte“ genannt. Die Sanitäter des Republikanischen Schutzbundes, der paramilitärischen Organisation innerhalb der Sozialdemokratie, pflegten sich als "Arbeiter-Samariter" zu bezeichnen. 1932 entstand der Arbeiter-Samariter-Bund als selbstständiger Verein, weil die Arbeiterbewegung „böse Erfahrungen mit der christlich bzw. christlichsozial gefärbten Rettung machte. Sie fürchtete, dass die ‚rechten’ Retter einen politischen Gegner im Ernstfall auf der Straße liegen lassen würden“, meint Litschauer.
Das Haus Otto nimmt auch „Vergiftete“
Bunt. Humorvoll. Respektvoll. Tolerant. Heimelig. Schützend. Spannend. Strapazierfähig. Wachend. Flexibel. Menschlich. Sozial. Notwendig. Diese Attribute stehen auf einem Bogen Papier, der im administrativen Zimmer an der Wand hängt. Überschrift: „Wie ist Otto?“ Diese assoziative Liste drückt das Selbstbild des zehnköpfigen Betreuungsteams – darunter zwei diplomierte SozialarbeiterInnen – des Pavillons am Rand vom Steinhof (antiquierte, aber volkstümliche Bezeichnung der Baumgartner Höhe) aus. Verena Radl und Bernhard Litschauer legen Wert auf die Feststellung, dass „Otto“ zu den weniger strengen Einrichtungen für die Ärmsten von Wien zähle. Schnaps sei im Haus zwar verboten, während Bier und Wein zu den Mitteln des Lebens zählen. Nicht wenige im „Otto“ sind von illegalen Drogen abhängig; Obdachloseneinrichtungen manch anderer Trägervereine wären ihnen verschlossen.
Respektvoll? Menschlich? Benoten die Gäste des Pavillon 25, die hier je nach Zuweisungsdauer monatelang oder auch nur eine Nacht schlafen, die Einrichtung ebenso positiv? Auf Verenas Ersuchen haben Andi, Christian und der Franzose Cederic auf das Erscheinen des Augustinreporters und des Augustinfotografen gewartet, die nicht vor neun Uhr früh mit ihrer Arbeit beginnen wollten. Christian wurde, als Haftentlassener, vom Verein Neustart vulgo Bewährungshilfe, ans Haus Otto vermittelt. Cederic war durch die Liebe nach Wien geschwemmt worden, er übernachtet seit neun Monaten im Pavillon 25 und ist dabei, seine Papiere in Ordnung zu bringen. Andi, früher Selbstständiger in Sonnenschutzangelegenheiten, übernachtete nach seinem sozialen Absturz einen Sommer lang in den Donauauen bei Hainburg und Stopfenreuth, wo er – weil er passionierter Fischer ist – jedes Platzerl kennt.
Besonders Andi findet beim Vergleich der Verhältnisse nette Worte fürs „Otto“. Als die Herbstkälte die Nächte in der Au unerträglich machten, probierte er die Sandler-Bodenhaltung der „Gruft“ (Träger: Kirche) und das Armenasyl Gänsbachergasse (Träger: Stadt) aus. In Ersterer hielt er das absolute Fehlen von Intimität, in Letzterer die Hierarchie und die Überreglementierung schwer aus. Immerhin ist der Keller unter der Mariahilfer Kirche trotzdem Teil seines alltäglichen Tageszyklus geblieben: Wenn das „Otto“ um acht Uhr früh zusperrt, fährt er in die „Gruft“ frühstücken. Leckere Brote gibt´s auch im „Otto“ – allerdings nur am Abend.
Wann immer eine neue Notunterkunft in Wien ihre Pforten öffnet, ist sie rasch voll belegt. Im Pavillon 25 übernachten derzeit mehr Männer als ursprünglich vorgesehen. Kein Wunder, meinen Bernhard Litschauer und Verena Radl: Immer mehr Menschen in Wien werden zu „Sozialhilfefällen“ und können sich die Wohnungsmarktmieten nicht mehr leisten. Die Wiener Machatscheks der Sozialdemokratie sollten sich in dieser Angelegenheit von den SamariterInnen der Sozialdemokratie was sagen lassen ...