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Kiosk under construction

Über Marktfahrer, höfliche Kunden und Hütchenspieler

Indische TextilverkäuferInnen wünschen sich Umkleidekabinen, Parkplätze für die Kunden und überhaupt mehr Geschäft. Der Brunnenmarkt in Wien Ottakring wird gerade großzügig umgebaut. Die Bauphase 1 soll bereits Ende Juni abgeschlossen sein. Ein Report aus Anlass des am 20. Mai startenden Kunstprojekts SOHO IN OTTAKRING, dessen heuriges Thema die Entwicklung des Straßenmarktes ist.
Die meisten Inder am Wiener Brunnenmarkt sind Marktfahrer. Das bedeutet, dass sie nur für einen Tag einen Marktstand haben, um ihre Waren zu verkaufen. 13 Marktfahrerplätze werden jeden Tag in der Früh verlost“, erzählt Nelin Tunc, Marktmanagerin des Brunnenmarktes und von Beruf Architektin. Nelin Tunc ist die Ansprechperson für allgemeine Fragen bezüglich des Aufwertungsprozesses des Brunnenmarktes. Der längste Straßenmarkt Europas mit über 550 Meter Länge wird unter Beteiligung der BürgerInnen momentan ausführlich umgebaut. Die Marktparteien wünschten sich zusätzlich zu Strom- und Wasseranschlüssen für die Stände, neuer Beleuchtung und Schaffung von Freiräumen auch eine eigene Marktmanagerin, die die einzelnen Bauphasen begleitet.

„Machen Sie den Markt schöner?“, fragt der lange Reddy Samla mit den Bernsteinaugen, der Sonnenbrillen, längsgestreifte Blusen und Militärhosen verkauft. „Geht der dann besser?“ Ein kleiner Anflug von Zynismus ist nicht zu überhören. „Die Idee des Umbaus war ja, dass der Markt dann besser geht und die Marktparteien bessere Arbeitsbedingungen haben“, antwortet Nelin. Reddy, ein junger, studierter Buchhalter aus Südindien, ist sein eigener Chef. „Ich habe viele Stammkunden, ohne die würde es nicht gehen. Ältere Leute leben von 600 oder 700 Euro Pension und die handeln mich dann für eine Bluse von 29 Euro auf 22 hinunter. Die großen Läden kaufen um zwei Euro ein, wir kleinen um fünf. Bringen Sie mir günstigere Ware, bitten die Leute.“ Reddy arbeitet seit sechs Jahren am Brunnenmarkt, er zahlt zwischen 120 und 150 Euro monatlich für seinen fixen Stand. Alles dreht sich hier ums Geld. „Verbesserung ist immer gut, aber wird das nicht teuer? Wenn die Gebühr um fünf bis zehn Euro rauf geht, okay, aber 50 Euro wäre zu viel.“ Nelin Tunc betont, dass die Gebührenregelung mit der neuen Wiener Marktordnung zu tun hat und nicht mit der Neugestaltung des Marktes, und nach dem Einbau von Stromzählern zahle jeder nur noch das, was er verbrauche.

„Die albanischen Hütchenspieler machen den Markt kaputt“, berichtet Reddy noch von internen Streitigkeiten am Markt. „Vorige Woche wurde ein indischer Mann geschlagen, der dagegen protestierte. Nach der Prügelei kamen viele Inder, auch von anderen Märkten zusammen, dann sind die Hütchenspieler abgehauen. Seit drei Tagen ist es ruhig.“

Very nice ladies


Ein paar Stände weiter lächelt ein Turbanträger mit dunkelgrünem Pullunder sehr freundlich. „Namaste“ heißt übrigens „Guten Tag“. „Eine Umkleidekabine wäre gut. Es gibt keine“, meint er. „Aber die old Austrian ladies, very nice.“ Der indische Politologe Mahendra Galani, der uns beim Spaziergang über den Brunnenmarkt begleitet, übersetzt, dass der Verkäufer für die Verbesserung ist und auch bereit wäre, etwas dafür zu zahlen. (Einige werden Mahendra von der Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ kennen, wo er Führer ist.) Dann bringt uns der Mann zu dem geschlagenen Inder, der wirklich ein blaues Auge hat. Reden will er nicht, obwohl Mahendra ihn ausführlich bequatscht. Nur bei der Frage, ob die Polizei bei der Anzeige gegen den Hütchenspieler nett war, lächelt er. „Die österreichischen Polizisten sind gegen illegale Sachen. Im Gegensatz zu den indischen ...“, meint er.

Mahendra und der Verkäufer lachen, denn die Brutalität von bestimmten Polizeibeamten in Bombay ist legendär. Wenn es klar ist, dass eine Anzeige nicht halten wird, erschießen die schon mal einen Verhafteten, erzählt Mahendra. Es gab eine große, erfolgreiche Kampagne der Familienangehörigen von Opfern gegen die Mörder in Uniform. Auch der Mann mit dem blauen Auge meint, dass die Hütchenspieler den Marktleuten das Geschäft wegnehmen: „Die Leute kaufen weniger, wenn sie ihr Geld bereits verspielt haben.“

Ein anderer Inder mit leuchtend blauem Turban und vorne einem roten Streifen verkauft gerade dem Opa eines kleinen Mädchens ein Auto, das sich drehen kann. Die Kleine hüpft vor Begeisterung. Der Stand dieses Nordinders wurde auf die andere Seite des Marktes, auf die Piazza am Yppenplatz versetzt. Dort erlitt der Besitzer aber hohe Umsatzeinbußen, denn die jungen Leute, die den Club International und die neuen Cafés besuchen, sind ein anderes Klientel und kaufen nicht bei den Standlern. Nun ist er wieder zurück in der Brunnengasse. „Der tägliche Transport der Kindersachen ist anstrengend. In einem fixen Stand könnte man ein Lager haben“, sagt er, ansonsten sei ihm das alles egal, denn er ist nicht der Chef.

Mahendra lacht ihn aus. „Aber du könntest doch auch einmal Chef werden.“ Ein junger Mann, der bereits in Österreich geboren wurde, trägt einen schwarzen Turban nach Piratenart. „Höflich sind sie, die Österreicher. Beim Verkaufen lerne ich immer neue Leute kennen. Mir macht es Spaß.“

Serbgit Suchdev aus dem Pandjab, die sehr entspannt ihre vielfarbigen, leuchtenden Büstenhalter verkauft, thematisiert die mangelnden Parkplätze. „Die Leute haben wenig Zeit, laufen meistens schnell durch. Zwei bis fünf Minuten zu schauen ist zu wenig. Dann rennen sie zu ihrem Auto zurück.“ Die ausgebildete Volksschullehrerin hat im Winter von der Kälte Schmerzen in den Händen und den Schultern. Sie lebt seit 1996 in Österreich und zwei ihrer drei Kinder wurden in Wien geboren. Serbgit verkauft auch glitzernde Abendkleider. „Für Herren geht leider nichts“, resümiert sie.

Blau-grüne System-Boxen


Die Brunnengasse ist seit Frühjahr 2005 Fußgängerzone, das gesamte Brunnenviertel wurde übrigens als 30-km/h-Zone deklariert. Die Kosten der Bauphase 1 (Straßenabschnitt Payergasse-Friedmanngasse) von 1,3 Millionen Euro trägt die Stadt Wien und der Bezirk.

Das Architekturbüro Maczek-Mateovics entwickelte drei Typen von Ständen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind bereits 20 geschlossene Stände in Planung. Die schönen transparenten „System-Boxen“ sind in Blau-Grün gehalten. Ein Prototyp mit Holzboden wurde bereits aufgestellt. Ein „Kiosk“, wie Nelin die Box nennt, kommt laut Kostenschätzung der Architekten auf 18.000 Euro. „Den fixen Preis für die Standler kann man noch nicht sagen. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Auf jeden Fall sind sie nicht verpflichtet zu bauen“, erläutert Nelin und breitet ihre Pläne aus. Für die weiteren Bauphasen werden nun wieder Ausweichmöglichkeiten für die Stände während des Umbaus gesucht. Angedacht ist, den Markt über die Thaliastraße hinaus bis zur Menzelgasse zu führen.

Im achten Jahr des Festivals SOHO IN OTTAKRING machen nicht wenige StandinhaberInnen und Geschäftsleute bei Kunstprojekten mit. „Ich Baustelle“ nennt sich ein Projekt von Greta Znojemsky, bei dem acht Personen vom Markt an der Kunst teilnehmen, u. a. die kroatische Friseurin Marija, die österreichische Fleischhauerin Frau Sterkl und der Besitzer vom türkischen Börek-Geschäft, Herr Halis. Mehr zum Festival im Kulturteil.

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