Ein paar Stände weiter lächelt ein Turbanträger mit dunkelgrünem Pullunder sehr freundlich. Namaste heißt übrigens Guten Tag. Eine Umkleidekabine wäre gut. Es gibt keine, meint er. Aber die old Austrian ladies, very nice. Der indische Politologe Mahendra Galani, der uns beim Spaziergang über den Brunnenmarkt begleitet, übersetzt, dass der Verkäufer für die Verbesserung ist und auch bereit wäre, etwas dafür zu zahlen. (Einige werden Mahendra von der Ausstellung Dialog im Dunkeln kennen, wo er Führer ist.) Dann bringt uns der Mann zu dem geschlagenen Inder, der wirklich ein blaues Auge hat. Reden will er nicht, obwohl Mahendra ihn ausführlich bequatscht. Nur bei der Frage, ob die Polizei bei der Anzeige gegen den Hütchenspieler nett war, lächelt er. Die österreichischen Polizisten sind gegen illegale Sachen. Im Gegensatz zu den indischen ..., meint er.
Mahendra und der Verkäufer lachen, denn die Brutalität von bestimmten Polizeibeamten in Bombay ist legendär. Wenn es klar ist, dass eine Anzeige nicht halten wird, erschießen die schon mal einen Verhafteten, erzählt Mahendra. Es gab eine große, erfolgreiche Kampagne der Familienangehörigen von Opfern gegen die Mörder in Uniform. Auch der Mann mit dem blauen Auge meint, dass die Hütchenspieler den Marktleuten das Geschäft wegnehmen: Die Leute kaufen weniger, wenn sie ihr Geld bereits verspielt haben.
Ein anderer Inder mit leuchtend blauem Turban und vorne einem roten Streifen verkauft gerade dem Opa eines kleinen Mädchens ein Auto, das sich drehen kann. Die Kleine hüpft vor Begeisterung. Der Stand dieses Nordinders wurde auf die andere Seite des Marktes, auf die Piazza am Yppenplatz versetzt. Dort erlitt der Besitzer aber hohe Umsatzeinbußen, denn die jungen Leute, die den Club International und die neuen Cafés besuchen, sind ein anderes Klientel und kaufen nicht bei den Standlern. Nun ist er wieder zurück in der Brunnengasse. Der tägliche Transport der Kindersachen ist anstrengend. In einem fixen Stand könnte man ein Lager haben, sagt er, ansonsten sei ihm das alles egal, denn er ist nicht der Chef.
Mahendra lacht ihn aus. Aber du könntest doch auch einmal Chef werden. Ein junger Mann, der bereits in Österreich geboren wurde, trägt einen schwarzen Turban nach Piratenart. Höflich sind sie, die Österreicher. Beim Verkaufen lerne ich immer neue Leute kennen. Mir macht es Spaß.
Serbgit Suchdev aus dem Pandjab, die sehr entspannt ihre vielfarbigen, leuchtenden Büstenhalter verkauft, thematisiert die mangelnden Parkplätze. Die Leute haben wenig Zeit, laufen meistens schnell durch. Zwei bis fünf Minuten zu schauen ist zu wenig. Dann rennen sie zu ihrem Auto zurück. Die ausgebildete Volksschullehrerin hat im Winter von der Kälte Schmerzen in den Händen und den Schultern. Sie lebt seit 1996 in Österreich und zwei ihrer drei Kinder wurden in Wien geboren. Serbgit verkauft auch glitzernde Abendkleider. Für Herren geht leider nichts, resümiert sie.
Die Brunnengasse ist seit Frühjahr 2005 Fußgängerzone, das gesamte Brunnenviertel wurde übrigens als 30-km/h-Zone deklariert. Die Kosten der Bauphase 1 (Straßenabschnitt Payergasse-Friedmanngasse) von 1,3 Millionen Euro trägt die Stadt Wien und der Bezirk.
Das Architekturbüro Maczek-Mateovics entwickelte drei Typen von Ständen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind bereits 20 geschlossene Stände in Planung. Die schönen transparenten System-Boxen sind in Blau-Grün gehalten. Ein Prototyp mit Holzboden wurde bereits aufgestellt. Ein Kiosk, wie Nelin die Box nennt, kommt laut Kostenschätzung der Architekten auf 18.000 Euro. Den fixen Preis für die Standler kann man noch nicht sagen. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Auf jeden Fall sind sie nicht verpflichtet zu bauen, erläutert Nelin und breitet ihre Pläne aus. Für die weiteren Bauphasen werden nun wieder Ausweichmöglichkeiten für die Stände während des Umbaus gesucht. Angedacht ist, den Markt über die Thaliastraße hinaus bis zur Menzelgasse zu führen.
Im achten Jahr des Festivals SOHO IN OTTAKRING machen nicht wenige StandinhaberInnen und Geschäftsleute bei Kunstprojekten mit. Ich Baustelle nennt sich ein Projekt von Greta Znojemsky, bei dem acht Personen vom Markt an der Kunst teilnehmen, u. a. die kroatische Friseurin Marija, die österreichische Fleischhauerin Frau Sterkl und der Besitzer vom türkischen Börek-Geschäft, Herr Halis. Mehr zum Festival im Kulturteil.