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Die Fassade stimmt

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Vor einem Jahr brannten Autos in Paris. September 2005. Schon vergessen. Jugendliche zertrümmern Straßenlaternen, dringen in Schulen ein und liefern sich Straßenkämpfe mit der Polizei. Wir schreiben den September 1911. Auch vergessen. In den Wiener Vorstädten Hernals und Ottakring brennen Feuer vor den Schulen, die von aus den Klassenzimmern geworfenen Katalogen, Büchern und Heften genährt werden.
Martin Schenk 15.10.2006
Die Jugendlichen sind Kinder von Hilfsarbeitern, Arbeitslosen, Bettgehern, Dienstboten. Ihre absehbare Zukunft ist jedenfalls die von Hilfsarbeitern, Arbeitslosen, Bettgehern und Dienstboten. Ein Großteil ihrer Eltern kommt aus den verschiedenen Kronländern der Monarchie, die überwiegende Anzahl aus Böhmen und Mähren. Migrantenkinder, die keine sozialen Aufstiegschancen haben und mit beträchtlicher Ablehnung der Eingesessenen wie der Eliten kämpfen müssen. Für die romantische Vorstellung vom Schmelztiegel Donaumonarchie wird erst 80 Jahre später Zeit sein.

Ein 20-jähriger Bursch aus Slowenien lebt um 1900 in Untermiete bei einer Näherin in Ottakring. Später in seinen literarischen Texte wird Ivan Cankar die Zeit im Vorstadtelend Wiens so beschreiben: „Die Häuser sind hoch und langweilig; die Leute, die hier entgegenkommen, sind schlecht gekleidet, ihre Wangen sind hohl und ihr Blick ist unzufrieden.“ In der Romangestalt Jereb setzt sich Cankar autobiographisch mit den Minderwertigkeitsgefühlen, der Verunsicherung, der Scham, aber auch der Stärke, der Wut, der Verstörung eines jungen Mannes auseinander, der von der Ottakringer Vorstadt auf die Ringstraße des Zentrums trifft. „Doch anders war es, wenn er zufällig und unverhofft auf eine große Straße mit hohen, reichen Gebäuden und elegantem Publikum geriet. Er kroch gleichsam in sich, er beugte den Kopf, und mit Händen und Füßen wusste er nichts mehr anzufangen. Er schämte sich, er fühlte sich klein, verwahrlost, lächerlich; als würde er mit seinem Äußeren, seinem fadenscheinigen Anzug, seinem ängstlichen Vorstadtgesicht und seinen linkischen Gebärden das elegante Antlitz der Großstadt entstellen und verschandeln.“

Die Wohnräume von Arm und Reich sind klar segregiert. Innerhalb des Rings Adel, Hof und Besitzende, innerhalb des Gürtels Beamte, Wissenschaft und Gewerbetreibende, und dann die Vorstadt mit ihrem Arbeitslosenheer, Bettgehern, Working Poor, Migranten, Prostituierten, Jugendbanden und Verelendeten. Peripherie und Zentrum stehen einander undurchdringbar gegenüber.

Die außen passabel wirkenden Gründerzeithäuser in den von den Innenstädtern gemiedenen Außenbezirken verbergen die dahinter liegenden sozialen Problemlagen, „Alles schön, alles neu, wer sollte denken, dass er beim Betreten der ersten Wohnung krassestem sittlichen um sozialen Elend gegenübersteht“, beschreibt Stadtreporter Max Winter seine Eindrücke.

Da ist Architektur nur Fassade. Der Schein trügt nicht nur, er betrügt die Bewohner um ein besseres Leben. Die am meisten Ausgeschlossenen sind gleichzeitig die am stärksten Eingeschlossenen. Wer liegen gelassen wird, wird nicht mehr losgelassen. Man kann zwar draußen stehen, insgesamt bleibt man aber drinnen, sonst wäre das Draußen kein Draußen mehr. Auf paradoxe Weise sind die am meisten Ausgegrenzten die am stärksten Eingegrenzten.

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