ico_youare10g.gif ZEITUNGTUN & LASSEN
http://www.augustin.or.at/

Deine trügerischen Fotos aus Wien

Briefe an den Vater

Hallo Vater! Es ist wieder fast ein Monat vergangen seit meinem letzten Brief. Das Leben ist in Wien gleich geblieben. Was sich geändert hat: Es gibt sehr viele Hochhäuser mit sehr viel Glas, und es gibt U-Bahn-Verlängerungen. Ansonsten ist Wien immer noch für mich eine museale Stadt. Viel Geld wird in die Museen und in alte Theaterstücke und in die Oper hineingepumpt. Auch die amerikanischen Musicals verschlingen ganz schön viel Geld. Aber sonst – seitdem du weg bist, hat sich nicht sehr viel geändert. Jetzt ist es bei mir in der Wohnung sehr ruhig. Ich kann nicht einmal zu Hause frühstücken. In meiner Jugendzeit habe ich mit meinen sieben Geschwistern und drei Cousins und einem Onkel mütterlicherseits die Speisen auf dem Boden auf einer Decke in einer großen Schüssel serviert bekommen. Da flogen die Löffel in der Luft. Wer am schnellsten die Fleischstücke aus der Schüssel herausfischen konnte, war der Held. Das Zimmer, in dem sich unser tägliches Leben abspielte, war nicht einmal 25 Quadratmeter. Wir waren mit meiner Mutter dreizehn Personen.
Mehmet Emir 15.11.2006
Nach außen waren wir die Familie eines angesehenen Mannes, der im Ausland arbeitet. Alle 13 schliefen im gleichen Zimmer. Es bestand in der Nacht nur aus Betten. In der Früh musste man sehr vorsichtig sein beim Überqueren der Betten, um den noch Schlafenden nicht auf die Köpfe zu treten. Einen Tisch zum Lernen gab es sowieso nicht. Wenn ich Hausaufgaben machte, musste ich mir einen Platz in diesem Wirrwarr finden und liegend, den Kopf nach oben, meine Hausaufgaben machen. Nach einer Zeit wurde der Kopf immer schwerer, und ich konnte mich nicht konzentrieren. Der Kopf fiel auf die Hefte. Meine Mutter fragte nie, ob ich Hausaufgaben habe. Wie es mir in der Schule ging, interessierte sie nicht. Sie hatte sehr viel zu tun. Sie hatte sich nur um das leibliche Wohl der Kinder zu kümmern. Um die Wäsche aller dreizehn Kinder. Das kann ich mir jetzt sehr gut vorstellen. Sie erschien auch nie in der Schule, um meinen Schulerfolg mit den Lehrern zu besprechen (du aber auch nicht, wenn du in der Türkei warst). Sie war aber auch in ihrem eigenen Land eine Ausländerin. Sie hatte auch keine Türkisch-Kenntnisse. Es war für uns Kinder schwer, die türkische Sprache zu erlernen. Sie als Hausfrau, wie hätte sie Türkisch lernen sollen.

Auch für mich war die Schulsprache eine Sprache, die ich nicht kannte und nicht konnte. Die Schule und die Lehrer habe ich, bis ich nach Wien gekommen bin, gehasst. Das Autoritäre im eigenen Land in einer fremden Sprache. Das wünsche ich nicht einmal meinen Feinden (ich habe keine Feinde!). Dann bin ich mit dir nach Österreich, in der Hoffnung, dass du eine eigene Wohnung hast. Jedenfalls haben die Fotos, die du uns geschickt hast, ganz schön viel hergegeben. Sie haben toll ausgeschaut. Ich dachte mir, Häuser, vor denen man sich so posiert, könnten einem gehören. Von mir sehr naiv gedacht, aber wie du immer angezogen warst, hast du das sichere Auftreten vermittelt, als würden diese Paläste dir gehören. Aber als ich mit dir in Wien ankam, habe ich gesehen, dass du nicht viel besser wohnst als ich in der Türkei mit Geschwistern und Cousins und Onkel. Dein Zimmer mit 15 Quadratmeter, die du mit zwei anderen Menschen geteilt hast, ist auch nicht viel luxuriöser gewesen.

Also fing für mich in Wien ein neues Leben an. Wieder eine neue Sprache, eine neue Umgebung. Plötzlich, mit sechzehn Jahren, war ich in der Situation, die gleiche schwere Arbeit zu machen wie du.

Vater, ich habe die Aufnahmeprüfung zur Akademie der Bildenden Künste geschafft. Das erste Mal mache ich etwas, das mir Spaß macht. Außerdem, demnächst bin ich mit meiner Ausstellung „Vater und Ich“ in Istanbul. Vielleicht sehen wir uns dort.

Dein Sohn Memo
Mehmet Emir 11/2006

Kommentare zu: Deine trügerischen Fotos aus Wien

    Zu diesem Artikel gibt es noch keine Kommentare.