ico_youare10g.gif ZEITUNGTUN & LASSEN
http://www.augustin.or.at/

"Jetzt höre ich nichts mehr"

Jürgen und Dominik: Einsatzbereit, jobgelaunt und dennoch vom AMS abgeschrieben?

In bestimmten Situationen ist es sicher bedeutend angenehmer, nichts zu hören. Gefährlich wird es nur dann, wenn das Arbeitsmarktservice leibhaftig vor einem steht. Da muss sich dann sogar ein gehörloser Mann gewaltig anstrengen, um die Herrscher über Jobs und finanzielle Möglichkeiten erfolgreich auszublenden.
Der Jürgen war ein sehr ruhiges Kind. Es hat drei Jahre gedauert, bis wir draufgekommen sind, dass er fast nichts hört. Mit dem anderen Sohn haben wir, als er sechs Monate alt war, die Untersuchung gemacht, und mit acht Monaten hatte Dominik bereits ein Hörgerät.“ Gottfried Bischinger sitzt in Karinas Beisl hinter der Volksoper und hüpft sogar im Sitzen energisch herum. Sein Handy läutet schon wieder. „I triff mi da grad mit wem, wegen dem Artikel, den WIR da schreiben!“, sagt der langjährige Bühnenmeister der Volksoper in den Hörer und legt auf. „Der große Vorteil war, dass der erste bereits ohne Hörgerät hören gelernt hatte, er konnte von den Lippen lesen und hatte einen Hörrest. Mit 18 Jahren hat sich das dann noch mal verschlechtert.“
Beide Söhne zogen mit 17 Jahren aus dem Haus der Eltern in Niederösterreich aus und wohnen seitdem in betreuten Wohngemeinschaften, der 26-jährige Jürgen hat eine eigene „Trainingswohnung“. Beide sind nicht „besachwaltet“, können selbst über ihr Geld verfügen und gehen hackeln. „Dominik kocht für zwanzig Leute, der hat schon daheim gerne gekocht. Das ist a bissl a Erbschaftsgeschichte, mein Vater hat sehr gerne gekocht, und ich auch, das sieht man eh ...“, sagt Bischinger und klopft erfreut auf seinen Bauch. „Den Bären am Bauch kitzeln“, tun die Jungs dann fürs Foto und kichern herum. Der Vater steht stolz in der Mitte und versucht, ernst zu schauen.

„Arbeitsunfähig“ fürs ganze restliche Leben?


Neulich erschien das Arbeitsmarktservice, das er sonst nur einmal im Jahr zur Verlängerung der Sondernotstandshilfe sieht, persönlich beim Jürgen. In Gestalt einer Dame der „Berufsdiagnostik Austria“ und wollte „die Feststellung treffen, ob eine Arbeitsfähigkeit prinzipiell vorliegt oder nicht“ (Brief des AMS vom 3. 10. 2006). In einem halbstündigen Gespräch versuchte die Dame Informationen aus Jürgen herauszubekommen, ob er in seinem zukünftigen Leben jemals arbeiten wird können oder nicht. Jürgen schaltete innerlich ab. Er kannte die Dame nicht, sah die zum ersten Mal in seinem Leben, verstand nicht, worum es ging und begab sich in seine eigene Welt. Er steckte sozusagen sicherheitshalber den Kopf in den Sand. Dabei ging es um seine Zukunft und um Geld, Arbeit, Job, sinnvolle Beschäftigung – also um relative Selbstständigkeit oder Abhängigkeit. „Da Sie vom AMS Arbeitslosengeld/Notstandhilfe beziehen, aber sich schon längere Zeit in Beschäftigungstherapie befinden, muss das AMS prüfen, ob die Vorraussetzungen für einen weiteren AMS-Leistungsbezug gegeben sind“, stand im Brief.
„Da ist so viel auf ihn eingestürmt, dass er das gar nicht so schnell verarbeiten konnte. Wenn er als arbeitsunfähig eingestuft ist, wird er nie wieder Arbeit finden, dann gibt es keine Chance mehr“, sagt der Vater. „Das kann ja nicht sein. Und dass so was überhaupt passiert, gerade in Österreich mit seiner speziellen Vergangenheit, dass ein Gehörloser das gar nicht verstanden hat, und dann wird etwas mit ihm gemacht, was über seine Zukunft entscheidet!“ Er schüttelt den Kopf. „Gerade bei denen wird gespart, die es brauchen“, wirft die Wirtin ein, die die beiden jungen Männer von klein auf kennt.
Der ältere Sohn zischt in das Gasthaus herein, winkt heftig, macht mit den Händen ein paar Morsezeichen, die wie SOS ausschauen und rennt um die Kurve Richtung WC. Danach kommt er verlegen lächelnd an den Tisch. „Mein Hörgerät ist kaputt auf einem Ohr. Mit diesen Hitzeschwankungen, die Batterie ist warm geworden“, sagt er. „Jetzt höre ich nichts mehr. Montag werde ich anrufen wegen der Reparatur“, sagt er entschuldigend und zuckt beinahe fröhlich mit den Schultern. Nix hören, kein Stress ... – oder was? Er habe die AMS-Dame nicht verstanden, weil die „so schnell geredet hat“.
„Von acht Uhr früh bis 15.15 Uhr arbeite ich in der Wäscherei. Die Pausen sind von 10 bis 10.30 Uhr und von 12 bis 13 Uhr. Wir haben Besprechungen, was man alles machen muss, ich hole die Wäsche ab, schaue, was z. B. 60 Grad gewaschen werden muss, sortiere, schreibe alles genau auf, wasche die Waschküche auf, tue alles in den Trockner, lege alles zusammen und bügle mit der Rolle“, erzählt Jürgen, dem die Rolle aber zu schnell läuft, er würde lieber langsamer arbeiten. „Ich nähe auch Hosen, wie ein Schneider.“ „Kannst du das?“ „Natürlich.“ „Reparaturen auch?“ „Natürlich.“ „Gefällt dir die Arbeit?“ „Ich bin zufrieden mit dieser Arbeit, natürlich, vielleicht will ich lieber dort bleiben. Halb und halb würde ich aber schon gerne eine andere Ausbildung machen. Ich bin schon faul, will nicht so gerne was Neues lernen, aber einen Probemonat woanders kann ich mir schon vorstellen.“ Ist seine Chefin nett, die Kollegen? Jürgen lächelt wieder verlegen und verzieht entschuldigend den Mund. Dazu sagt er nichts.

Hört der Chef gut zu?


Jürgens Bruder Dominik arbeitet in einer Werkstätte mit 40 Leuten, die dort „mit Holz arbeiten und basteln, malen und weben tun oder spielen und Puzzle legen“, wie der 22-Jährige beschreibt. Es gefällt ihm dort, seit zwei Jahren arbeitet er im Küchenbereich und kennt sich mit den verschiedenen Diäten genauestens aus. „Ich habe schon in einem richtigen Restaurant gearbeitet, das war richtig spannend.“ „Warum bist du nicht mehr dort?“ „Ich habe mich in den Finger geschnitten“, seufzt Dominik. „Der Chef hat gesagt, ich habe dir schon 100-mal gesagt, du sollst dir nicht die Finger abschneiden. Das war ein vegetarisches Restaurant, aber der Chef hat nicht so gut zugehört.“
Dominik würde gerne noch eine andere Ausbildung machen, am liebsten eine Zusatzausbildung im Kochbereich, denn dann „kann man gut zuhören, was der Chef will und gut arbeiten ...“ Momentan verdient er 18 Euro und 50 Cent in der Woche. „Das ist leider zu wenig. In einem Restaurant kann man viel Geld verdienen.“ In seiner Wohnung kochen alle am Donnerstag und am Wochenende gemeinsam. „Einer ist schwerhörig, einer ist taub, ein anderer hört ganz normal und alle kochen für alle. Ich kaufe gerne beim Hofer in der Tiefkühlabteilung, Billa ist teuer und Merkur noch teurer. Ich muss sparen.“ Dominik besucht oft das Internetcafé, und Billard spielen geht er auch. „Freitag, Samstag ist es egal, wann du nach Hause kommst, zum Beispiel um fünf Uhr früh“, lächelt er spitzbübisch. „Aber am Sonntag muss man früh schlafen gehen, denn am Montag muss man wieder arbeiten! Montag bis Donnerstag müssen wir bis 21 Uhr zu Hause sein.“
„Angeblich sollen jetzt alle, die in den Werkstätten arbeiten, angeschaut werden. Wer als vermittelbar eingestuft wird, soll zwei Jahre lang für ‚mindere Dienste’, was immer das bedeuten mag, angelernt werden“, meint Bischinger. „Sollte keine Arbeitsfähigkeit vorliegen, können Sie in Beschäftigungstherapie verbleiben, das AMS wird seine Betreuung beenden, die MA 15 wird Sie im Rahmen der Sozialhilfe weiter unterstützen“, steht im Brief. „Wie lange Sozialhilfe gewährt wird, ist halt die Frage, und es wäre weniger Geld“, meint Bischinger. „Aber eigentlich will ich mich gar nicht so in das Leben meiner Söhne einmischen, denn die sind ja schließlich erwachsene Leute.“ Dass es auch anders geht, zeigt Siemens Austria. Der Konzern bildet seit zehn Jahren laufend Gehörlose zu Technikern im Bereich IT-Elektronik aus. Vier IntegrationsdolmetscherInnen stehen in den Lehrwerkstätten der Berufsschulen und am Arbeitsplatz zur Verfügung. „Für technische Spezialausdrücke, die im Repertoire der Gebärdensprache nicht enthalten waren, wurden eigene Gebärden entwickelt, die sich mittlerweile als Standard durchgesetzt haben“, steht in einer Aussendung. Kooperiert wird mit AMS und Bundessozialamt Wien, die also auch anders können, wenn sie wollen.
Eine alte Dame vom Nachbartisch kommt herüber und tätschelt den 26-jährigen Jürgen am Kopf, so als ob er ein Kind wäre, ein geschlechtsneutrales Wesen. Der Vater ist peinlich berührt, Jürgen grinst. Er kennt das schon. Als eine lange Umarmung folgt, kommentiert der Vater: „Wenn er bedauert wird, stört ihn das gar nicht. Er ist überhaupt so ein Schmeichler!“ Anschließend will die Dame jedem „armen Buben“ zehn Euro schenken. „Nein danke!“, sagt Dominik laut, „wir arbeiten beide und haben sicher mehr Geld als Sie!“

Kommentare zu: "Jetzt höre ich nichts mehr"

    Zu diesem Artikel gibt es noch keine Kommentare.